"Nichts als die Wahrheit": Die Zeit ist reif

Publié le par Der Spiegel Henryk M. Broder

Im Gerichtsthriller "Nichts als die Wahrheit" erklärt sich der Nazi-Arzt Josef Mengele zum barmherzigen Samariter.

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Grade mal 12 Jahre hat das Tausendjährige Reich gedauert, seit über 50 Jahren wird es nun erforscht, aufgearbeitet und bewältigt. Und seit die Unterhaltungsindustrie auch auf den Geschmack gekommen ist, wird es im NS-Fundus manchmal eng. Akademiker müssen sich die Arbeitsplätze mit Amateuren teilen, Fakten mit Fiktionen koexistieren.

"Sie sind der morbiden Faszination des Stoffes erlegen!", ruft der Historiker Wolfgang Wippermann bei einer Podiumsdebatte in Berlin dem Filmproduzenten Werner Koenig zu. Der versteht überhaupt nicht, worüber sich der Uni-Mensch aufregt. "Ich habe den Stoff nicht gesucht", bekennt Koenig, Jahrgang 1963, "der Stoff hat mich gefunden." Doch war nicht nur die Vorsehung im Spiel, die dem Produzenten keine Wahl gelassen hat, es waren auch "wahnsinnig viele jüdische Freunde in den USA", die ihn "ermuntert haben".
Schon wieder einer, könnte man meinen, der das Rad erfunden hat und damit zum Patentamt rollt. Mit solchen Freunden und einem Co-Produzenten namens Pressman, der sich dem Thema "als Jude besonders verbunden" fühlt, sollte eigentlich nichts schief gehen.

Denn Werner Koenig, dessen "größter Erfolg" bisher der Thriller "14 Tage lebenslänglich" war, hat sich weit auf schwieriges Gelände vorgewagt. Er hat einen Film über den "Todesengel von Auschwitz", den Arzt Dr. Josef Mengele produziert, mit Götz George in der Hauptrolle; der spielte schon 1977 als Kommandant von Auschwitz ("Aus einem deutschen Leben") und 1995 als Massenmörder Haarmann ("Der Totmacher") große Psychopathen.

Mengele, der grausame medizinische Experimente an Gefangenen durchgeführt und einige hunderttausend Menschen in den Tod geschickt hat, gehört in dieselbe Kategorie von menschlichen Bestien, die für Schauspieler eine unwiderstehliche Herausforderung bedeuten. Und weil in Deutschland nach Götz George gleich Heiner Lauterbach und Til Schweiger kommen, konnte nur George die Rolle übernehmen. Sein Mengele ist ein faltiger, todkranker, aber durchaus sympathischer Greis, der mit einem richtigen Füllhalter Tagebuch schreibt und die "Zeit" liest.

Allerdings: "Nichts als die Wahrheit" (Regie: Roland Suso Richter) ist auch ein Film, "der nicht den Anspruch erhebt, historisch oder medizinisch die Wahrheit zu transportieren", sagt Koenig, ein "hoffentlich guter Thriller", "spannend erzählt" und gerade deswegen "für Kids attraktiv, die sich in der Schule bei vergleichbaren Themen einfach wegdrehen", ein "wichtiger Film, der eine längst überfällige Auseinandersetzung in Gang setzt".

Ach so. Wir haben es also mit einem Thriller zu tun, dem es zwar nicht auf die Wahrheit ankommt, der aber zugleich gelangweilte Kids aufklären möchte. Koenig hat sich ein bisschen viel auf einmal vorgenommen. Sein Film ist eine prätentiöse Kolportage, die mit Tatsachen, Geschichte und Logik umgeht, als seien es Lego-Steine, die man beliebig benutzen kann.

Ein junger Anwalt und Mengele-Experte (Kai Wiesinger) wird eines Tages in ein düsteres Gebäude gelockt, betäubt und als "komatöser Notfallpatient" nach Argentinien entführt. Er wacht mitten in der Pampa im Haus von Mengele auf, der ihn mit den Worten begrüßt: "Jetzt können Sie die Fragen stellen. Gehen Sie oder fragen Sie."

Der Anwalt schüttelt sich vor Entsetzen, greift nach dem Ticket, das auf dem Tisch liegt, und will wie E. T. nur eines: heim. Mengele lässt ihn gehen, aber er geht mit, "um meine Geschichte zu erzählen", weil "die Zeit reif ist, meine Motive zu verstehen". Bei seiner Ankunft wird er verhaftet und auf eine Hightech-Krankenstation gebracht, während der junge Anwalt mit sich kämpft, ob er Mengeles Wunsch folgen und dessen Verteidigung übernehmen soll.

Er tut es, und sein anfänglicher Ekel löst sich in anwaltlicher Routine auf, zumal Mengele voll geständig ist: "Ich habe das alles getan, ich gebe das alles zu."

Allerdings: Mengele wird nicht als der Sadist vorgeführt, der er war, sondern als ein Arzt, der helfen wollte, indem er die Leiden der Menschen abkürzte: "Wissen Sie, wie das Leben in Auschwitz war? Eine Hölle, aus der ich den einzigen Ausweg anzubieten hatte." Er sei, erklärt Mengele dem Gericht, kein Nazi gewesen, er habe sich nur "mit dem Regime arrangiert, wie Millionen andere auch".

Erstaunlicherweise haben weder Gericht noch Staatsanwalt im Film solchen Aussagen etwas Substanzielles entgegenzusetzen. So wird aus Mengele ein barmherziger Samariter, dem man allenfalls Euthanasie vorwerfen könnte, doch Euthanasie war "in der Medizin der zwanziger und dreißiger Jahre gängige Praxis". Demnach ist auch der Massenmörder nur ein Rädchen im Getriebe.

Werner Koenig behauptet, "Nichts als die Wahrheit" konnte nur produziert werden, weil alle an dem Projekt Beteiligten ihre Gagen "zurückgestellt", also ohne Bezahlung gearbeitet haben. George habe gar "eine Million zusätzlich reingepumpt".

Während die Amerikaner Filme produzieren, um Geld zu machen, brauchen "wir Deutsche" Filme als Therapie, um Schuldgefühle loszuwerden, die wir zwar angeblich nicht haben, die uns aber verfolgen wie Phantomschmerzen einen Amputierten. Wer so symbolisch leidet, der macht auch entsprechende Filme. Das ist nicht mehr die Gnade der späten Geburt, das ist der Fluch der eingebildeten Krankheit.

Der deutsche Idealismus hat wieder gnadenlos zugeschlagen. Rette sich, wer kann.

Publié dans Articles de Presse

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