Holocaust - Komm zu Mengele

Publié le par Der Spiegel von Annette Großbongardt

Die kleinwüchsige Artistenfamilie Ovitz ging durch die Hölle des Vernichtungslagers Auschwitz. "Meine sieben Zwerge" nannte der KZ-Arzt die rumänischen Juden und bewahrte sie vor der Gaskammer.

Sarah - Elizabeth and Perla Ovitz

Sarah - Elizabeth and Perla Ovitz

Perla Ovitz liebt Filme, und sie hat in ihrem Leben unzählige gesehen. Mehr als 25 Jahre betrieb sie mit ihren Geschwistern in Haifa zwei Kinos, hoch oben auf dem Karmel-Berg. Es war eine Blütezeit des israelischen Films, aber in den "Karmel-Gärten" kamen auch Liebhaber ägyptischer und türkischer Melodramen auf ihre Kosten. Perla, die hinter der Kasse saß, ließ sich keinen Streifen entgehen.

Doch der beherrschende Film ihres Lebens wird nie im Kino laufen: Es ist der, den Josef Mengele von ihrer Familie in Auschwitz drehen ließ.

Perla Ovitz erinnert sich vor allem an dieses alles überwältigende Gefühl der Scham und der Demütigung, als sie im SS-Lazarett von Auschwitz splitternackt vor dem Auditorium stand, das der KZ-Arzt zusammengerufen hatte. Wie ein Zoodirektor eine seltene Tierart präsentierte Mengele die kleinwüchsige jüdische Artistenfamilie aus Rumänien als kuriose "Zwerge".

Mit einem Billardstock fuhr er über ihren zitternden, schockkalten Körper. In seiner kühlen Medizinersprache sezierte er jeden Knochen, jeden Muskel. Noch heute brennen die Linien manchmal auf Perlas Haut wie unsichtbare Narben.

Stunden standen sie da, Perla und ihre sechs ebenso kleinen Geschwister Rozika, Franzeska, Frieda, Elizabeth, Miki und Avraham, "wie Soldaten mit hochgerecktem Kinn". Auch die groß gewachsenen Schwestern Leah und Seren-Sara mussten antreten, Leah mit dem einjährigem Baby Shimshon auf dem Arm. Ihre Qualen ließ Mengele penibel auf Zelluloid bannen - so erinnert sich Perla, und so beschrieb es ihre Schwester Elizabeth ausführlich in ihren Memoiren über ihre Zeit in Auschwitz.

Die Familie überstand nicht nur diese Pein, sondern auch die grausamen Experimente, die der "Todesengel von Auschwitz" an ihnen exekutieren ließ. "Ich bin am Leben geblieben", sagt Perla, 76, "aber wie jemand, der nicht weiß, in was für einer Welt er lebt."

Bis heute ist sie von der Idee besessen, den Film zu finden, der mutmaßlich an jenem Augusttag in Auschwitz entstand - als Beweis für das Leid, das ihr und ihren Geschwistern geschah. So wie der spanische Schriftsteller und KZ-Überlebende Jorge Semprun den Appellplatz von Buchenwald erst in einer italienischen Wochenschau sehen musste, um zu realisieren, "dass ich Buchenwald nicht geträumt hatte".

Sicher, nach der Befreiung schoben sich zunächst andere Bilder über den Auschwitz-Film. Die Rückkehr ins Elternhaus im rumänischen Sighet, das geplündert war. Zwei beschützte Jahre in Antwerpen, dann der Entschluss, nach Israel auszuwandern. Die Härte des Alltags im jungen zionistischen Staat, die Rauheit der Siedler und die Verständnislosigkeit, mit denen sie den Holocaust-Überlebenden begegneten.

Das Familien-Ensemble ging wieder auf die Bühne, getreu dem Rat ihrer früh verstorbenen Mutter: "Wenn ihr zusammen spielt, bleibt ihr auch zusammen." Mit Boulevard-Komödien, musikalischen Kabaretts und Opern-Potpourris erntete die "Liliput-Truppe", wie sie sich nannte, viel Beifall. Zu ihren populärsten Nummern gehörte der

* Im Mai 1944.

"Totentanz", in dem ihr Bruder Miki mit weiß geschminktem Gesicht den Tod spielte, der eine untreue Ehefrau holt. Ihrem eigenen Totentanz waren sie da erst ein paar Jahre entronnen.

1955, als ihre Kräfte nachließen, wechselte die Familie ins Kinogeschäft. Seit sechs Jahren, als auch ihre letzten beiden Schwestern starben, lebt Perla ganz allein in der Wohnung in Haifa, die mit Wänden voller Bilder einem Familienmuseum gleicht. Ihr Vater, Shimshon Ovitz, war ein verehrter Rabbi in Rumänien. Der kleinwüchsige Religionsgelehrte zeugte mit zwei großgewachsenen Ehefrauen zehn Kinder, davon sieben zwergwüchsige.

Auch wenn kaum noch jemand zu Besuch kommt, macht sich Perla Ovitz jeden Tag zurecht. Sich nie gehen zu lassen ist einer ihrer Grundsätze. Das rabenschwarze Haar ist mit einem glänzenden Reifen zurückgehalten, ihre Fingernägel sind rot lackiert. Sie hat noch immer ein schönes, stolzes Gesicht, dessen Züge sie mit Rouge, Lidschatten und Lippenstift betont. In der Theaterzeit wurde ihr das Schminken zur Routine, doch Perla hat auch gelernt, dass die "Großmenschen" ihr freundlicher begegnen, wenn sie niedlich aussieht. Auf ihrer alten Singer-Maschine näht sie ihre Kleider noch immer selbst.

Meist sitzt sie auf ihrem kleinen Stühlchen im Wintergarten und schaut nach draußen. Sie liebt Kuchen, doch zu Kapulski ins Kaffeehaus kommt sie nur noch ein- bis zweimal im Jahr, wenn ihre Freundin Hannelore aus Deutschland sie besucht.

Manchmal geht sie in Schulklassen und erzählt ihre Geschichte. "Tante, warum hast du das mit dir machen lassen?", fragen die Kinder dann. Einmal beugte sich ein Junge zu ihr herunter und küsste ihre KZ-Nummer. Das hat Perla tief gerührt.

Wenn sie sich einsam fühlt, singt sie jiddische Lieder, bis sie weinen kann. Nachts liegt sie oft schlaflos auf ihrem Bett, das fast bis auf den Fußboden abgesenkt ist.

* In den fünfziger Jahren in Haifa.

Dann kommt Mengele zu Besuch. Der Arzt mit der Reitgerte unterm Arm und den stets blankgeputzten Stiefeln, der sie quälte - und der ihr ermöglichte, zu überleben. "Ohne Mengele", sagt Perla, "wären wir alle im Gas gestorben."

Viele Holocaust-Überlebende leiden unter der Schuld, überlebt zu haben, während ihre Angehörigen umkamen. Perla lebt mit dem Trauma, dem Teufel ihr Leben zu verdanken. "Er war eine Schönheit von Mann", erinnert sich Perla. "Aber was ist das wert, wenn der Mensch nicht gut ist?" Als sie die Meldung von seinem Tod in Brasilien in der Zeitung las, weinte sie.

"Nu, was?", sagt sie herausfordernd, wenn man sie bei diesen Worten ungläubig anschaut. Wäre es je zum Prozess gekommen, hätte Perla sogar "für ihn ausgesagt".

Dass sie dank Mengele und seines Forscherwahnsinns überlebten, hat sich so tief in das Bewusstsein eingegraben, dass Elizabeth Ovitz später berichtete, Mengele habe sie sogar aus der Gaskammer geholt, in die sie irrtümlich geschickt worden seien. Experten halten das für unwahrscheinlich.

Dank ihrer Cleverness kamen die fahrenden Musikanten erst relativ spät nach Auschwitz. Mit falschen Pässen hatten sie sich bis März 1944 unbeschadet durch die Wirren von Krieg und Verfolgung in Osteuropa geschlagen. Doch da erfasste die "Endlösung" auch Ungarn, wo die Liliput-Truppe gerade tourte.

Die Geschwister flohen in ihre Heimatstadt Sighet, in übervollen Zügen, in denen sie fast zerquetscht wurden. Wehrmachtssoldaten, die Gefallen an den "lustigen kleinen Leuten" fanden, hoben sie in den Zug.

In Sighet konnten sie sich noch ein paar Wochen retten, indem sie für deutsche und ungarische Offiziere Vorstellungen gaben, doch dann wurden auch sie deportiert. Am 19. Mai 1944 erreichte ihr Viehwaggon Auschwitz. "Da habe ich ja Arbeit für 20 Jahre", rief Mengele freudig aus, als er die Geschwisterschar erblickte.

Neben seinem Wahn, die Gesetze der Vererbung und des Wachstums rassistisch zu begründen, war der Herr der Selektionen von einer wilden "Sammelwut" geleitet, wie Häftlingsärzte beobachteten. Er sammelte Gallensteine, menschliche Augen, Föten - und nun "Zwerge".

Ohne Rücksicht auf deren fragile Körper trieb Mengele seine Helfer zu Experimenten an. "Wenn die Leute gerufen haben, der Mengele kommt, ich schwöre ihnen, wer gerade gegessen hat, hat das Essen wieder aus dem Mund genommen", erzählt Perla. "Keiner, der überlebt hat, ist hinterher wieder fröhlich geworden."

Obwohl ihr Gedächtnis sie immer häufiger im Stich lässt, hat Perla die Qualen noch vor Augen. Jeden Zahn und jedes Haar, die ausgerissen wurden, jeden der Einstiche, mit denen brennende Lösungen in ihre Haut gejagt wurden. In ihre Ohren, berichtet sie, gossen die teuflischen Ärzte erst siedend heißes, dann eiskaltes Wasser, in ihre Augen gaben sie Tropfen, die sie stundenlang erblinden ließen. Ihre verheirateten Schwestern mussten sogar gynäkologische Versuche erdulden, "mit den Beinen auf einer Pritsche festgeschnallt".

Literweise habe man ihr Blut abgezapft, sogar das Baby Shimshon wurde nicht verschont. Oft seien sie vor Schwäche ohnmächtig geworden.

Manchmal sieht sich Perla heute plötzlich wieder mitten auf den Kacheln von Auschwitz liegen, verschwommen über ihr das Gesicht Mengeles. "Unser Blut ließ er in Flaschen mit der Aufschrift ''Familie Liliput'' abtransportieren."

Mengele war berüchtigt dafür, dass seine höfliche Korrektheit, die er selbstgefällig zur Schau trug, von einer Sekunde zur anderen in todbringenden Jähzorn umschlagen konnte. Perla und ihre Schwestern versuchten deshalb, sich in den Mann mit dem blütenweißen Kittel über der Uniform hineinzuversetzen. So fanden sie heraus, dass er es gern hatte, wenn sie ihn säuberlich aufgereiht empfingen. Um zu überleben, bestärkten sie Mengele auch in dem Gefühl, er sei so eine Art Onkel für sie.

Tatsächlich hielt sich der SS-Mann offenbar gern bei den Kleinwüchsigen auf: "Über den sieben Bergen hab ich sieben Zwerge", witzelte er. Manchmal sang er mit ihnen und brachte kleine Geschenke und Spielsachen für Baby Shimshon: "Sieh mal, was der Onkel für dich hat." Elizabeth rief er einmal mit den Worten: "Komm zu Mengele", als meinte er einen Hund.

"Gnädiger Herr Mengele", wagte die Schwester Frieda einmal einen Vorstoß, "wir möchten so gern nach Hause." Da antwortete er: "Frieda, du weißt, ich habe auch Familie, und ich möchte auch dort sein. Aber was soll ich machen, wenn ich hier sein muss?"

Wenn er gehe, versprach er sogar, so Perla, nehme er sie mit. Doch dann, eines Tages im Januar 1945, ging alles sehr schnell. Das Lager stand kurz vor der Befreiung, und Mengele "drehte vollkommen durch", wie eine seiner Assistentinnen später notierte. Er rannte zu seinen Papieren, seinen Instrumenten und "stopfte alles, was da war, in seinen Koffer ... Unterlagen, Briefpapier, alles - packen, packen, in Windeseile, zu uns kein Wort ..."

Am 17. Januar 1945 verschwand Mengele, mit all seinen Aufzeichnungen - und vielleicht auch mit Perlas Film.

Ihre letzte Hoffnung, das Machwerk doch noch zu finden, setzte sie in ihre Freundin Hannelore Witkofski. Die Hamburger Sozialpädagogin, selbst von Wachstumsstörungen betroffen, forscht über kleinwüchsige Menschen in Auschwitz.

Als Perla sie bat, nach dem Film zu suchen, machte sie sich auf die Reise durch die Archive. In Auschwitz fand sie den Eintrag ihrer Freundin im Lagerbuch "Owitz, Piroschka", "Nummer A-5087", Diagnose "Zwerge", Unterschrift: "Lagerarzt Mengele". Sie las Zeugenaussagen bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt, die vergebens versucht hatte, Mengele vor Gericht zu stellen, sichtete Filmmaterial aus russischen Beständen, sprach mit einem polnischen Kriegsgefangenen, der die Mengele-Opfer damals nackt fotografieren musste: "Es war eine so peinliche Arbeit."

Über die Suche nach dem Dokument und die Freundschaft der beiden Frauen hat der junge israelische Regisseur Schahar Rosen einen anrührenden Film gemacht: "Liebe Perla". Geplant war, dass am Ende Perla den Mengele-Film bekommt.

Doch Hannelore Witkofski hat ihn nicht gefunden. Inzwischen ist sie froh darüber. Sollte er jemals irgendwo auftauchen, wünscht sie sich, "dass er in dem Moment, in dem man die Filmdose öffnet, zu Staub zerfällt". 

Publié dans Articles de Presse

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