Das zweite Leben des Hildebrand Gurlitt - Keine Fahne am Mast, nur Fähnchen im Wind?

Publié le par Frankfurter Allgemeine Zeitung von Andreas Rossmann

Als engagierter, liberaler und weltoffener Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins hat der Kunsteinkäufer Hitlers nach dem Krieg eine vielbeachtete und sehr erfolgreiche Karriere hingelegt. Eine Spurensicherung.

Das zweite Leben des Hildebrand Gurlitt - Keine Fahne am Mast, nur Fähnchen im Wind?

Eist am 15. Dezember 1950, dem Freitag vor dem vierten Advent, als in der Cecilienallee 75 in Düsseldorf, einer der auch damals schon vornehmsten Adressen der Stadt, die über die baumbestandenen Rheinwiesen auf den Fluss blicken lässt, eine mehr als hundertfünfzig Positionen umfassende Sendung von „Kunstwerken, Antiquitäten und Gegenständen von kulturellem Wert“ eintrifft. „Die jetzige Übertragung der Treuhandschaft wird“, so heißt es auf der von Theodore A. Heinrich, „Cultural Affairs Adviser“ beim „Collecting Point“ Wiesbaden, ausgestellten „Empfangsbescheinigung“, „gemäß den Bestimmungen durch Freigabe an den Eigentümer vorgenommen.“

Empfänger der Kisten ist „Dr. H. Gurlitt“, der mit seiner Unterschrift bestätigt, dass die erhaltenen Werke „unter ausreichender Bewachung und angemessenen Bedingungen... aufbewahrt werden müssen“; die Rubrik „Witness (Zeuge)“ auf dem Formular bleibt leer. Mehr als fünf Jahre nachdem sein Kunstbesitz auf Schloss Aschbach in Oberfranken, wohin er ihn von Hamburg über Dresden verbracht hatte, beschlagnahmt worden war, erhält Gurlitt ihn als „Eigentümer“, wie ihm die Property Division des „Office of the US High Commissioner for Germany“ attestiert, zurück. Eine schöne Bescherung, gerade mal neun Tage vor Weihnachten.

Ein Anlass zu ungetrübter Freude, zu Erleichterung und womöglich Genugtuung aber scheint das nicht gewesen zu sein für den damals 55 Jahre alten Kunsthistoriker. Seine Reaktion erzählt etwas anderes. Gurlitt muss ein Problem mit dem wiedererhaltenen Schatz gehabt haben, denn er macht ein Familiengeheimnis daraus, das mehr als sechzig Jahre lang Bestand haben wird. Niemand nimmt öffentlich Notiz von seinen Pretiosen, im Kunstleben der Stadt werden sie in den nächsten Jahren keine Rolle spielen, ja, Gurlitt hält sie so konsequent unter Verschluss, dass seine Witwe Helene, eine Tänzerin und Schülerin von Mary Wigman, mehr als zehn Jahre nach seinem Tod auf eine amtliche Anfrage vom 5. Dezember 1966 „nur mitteilen (kann), dass alle Geschäftsunterlagen und Bestände unserer Firma bei dem Luftangriff auf Dresden am 13.Februar 1945 verbrannt sind“. Das entsprach, wie die Empfangsbescheinigung vom 15. Dezember 1950 beweist, nicht der Wahrheit, reichte aber offenbar aus, um eine Fama in die Welt zu setzen, der bis vor gut einer Woche weithin Glauben geschenkt wurde.

Zehntausende Besucher in der Kunsthallenruine

Während andere Sammler, die „entartete Kunst“ durch die zwölf Jahre der Diktatur gebracht hatten, sie gleich danach stolz ausgestellt haben, während etwa Josef Haubrich seine Expressionisten der Stadt Köln anvertraute, die sie – die Menschen waren hungrig danach – gezeigt und auf Tournee durch halb Europa geschickt hat, unterschlug Gurlitt sein gemischtes, viele Spitzenstücke enthaltendes Konvolut, das wahrscheinlich den Kern des fast zehnmal so großen Fundes von München darstellt, gegenüber der Öffentlichkeit. Warum er so verfuhr, ist nicht überliefert: Hier liegt das erste große Rätsel dieses Kunstskandals, denn alle Versuche, die Frage zu beantworten, müssen spekulativ bleiben.

Theodor Heuss beglückwünscht Gurlitt in Gegenwart des nordrhein-westfälischen Kultusministers Werner Schütz (Mitte)

Theodor Heuss beglückwünscht Gurlitt in Gegenwart des nordrhein-westfälischen Kultusministers Werner Schütz (Mitte)

Eine Vermutung liegt nahe: weil Gurlitt (sich) nicht sicher sein konnte, dass er, obwohl ihn die Amerikaner als „Eigentümer“ anerkannten, die Werke auch würde behalten dürfen, weil er wusste, fürchtete oder zumindest ahnte, dass sie ihm rechtlich oder „nur“ moralisch nicht zustanden. Weil er womöglich die Verjährung abwarten wollte. Oder aus ganz anderen, nicht unbedingt rationalen Gründen.

Wie auch immer: Diese Unterschlagung will nicht passen zu dem Mann, der damals, von seiner Tätigkeit als Kunsteinkäufer für Hitler längst entlastet, schon wieder im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stand und sich der Vermittlung von Kunst neu verschrieben hatte. Bereits am 21.November 1947 war Gurlitt als geschäftsführender Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf verpflichtet worden, den er schnell „mit neuem Leben“, wie es in einer Publikation des Hauses von 1954 heißt, füllte und dessen Mitgliederzahl er bis Ende 1953 von etwa 2.500 auf viertausend und bis 1956 auf 6.600 steigern konnte. Vielen von den Nationalsozialisten verfemte Künstlern – darunter Christian Rohlfs, Max Beckmann. Marc Chagall, Lovis Corinth, Pablo Picasso und Aristide Maillol – widmete er Einzelausstellungen und beging 1954 das hundertfünfundzwanzigjährige Jubiläum mit einem international beachteten Coup: Die Schau „Meisterwerke aus São Paulo“ aus dem Museu de Arte, zu deren Eröffnung sich Bundespräsident Theodor Heuss ebenso wie Katia und Thomas Mann die Ehre gaben, lockte 130.000 Besucher, und auch „das Spätwerk von Renoir“, das 1956 folgte, „zog“, so die Hauschronik, „ Zehntausende in die Kunsthallenruine“.

„Auch Oskar Kokoschka kannte er sehr gut“

Die Publikationen des Kunstvereins, nicht nur die von 1954, führen in der Vita von Gurlitt seine beruflichen Stationen als Direktor des Museums in Zwickau (1925 bis 1930) und als Geschäftsführer des Hamburger Kunstvereins (1930 bis 1933) an, die er beide auf Druck der Nationalsozialisten hatte aufgeben müssen. Dass er danach in den Kunsthandel wechselte, wird als der Not gehorchendes Ausweichmanöver hingestellt, ohne dass seine Rolle dort genauer beleuchtet würde: „Da ihm nach einer Vortragsreise durch Deutschland auch jede Tätigkeit im Hörsaal und als Schriftsteller versagt wurde, wurde Dr. Gurlitt im Kunsthandel tätig.“ Der „angesehene“, der „hochverdiente“, der „unvergessene“ Hildebrand Gurlitt: In Düsseldorf, wo 1965 im Stadtteil Bilk eine Straße nach ihm benannt wurde, hat er sich als Direktor des Kunstvereins, wie es einmal heißt, „ein Denkmal“ gesetzt.

Auch Thomas Mann besuchte mit seiner Frau Katia (vorne rechts) die Schau. Im Hintergrund steht der Vorsitzende des Kunstvereins, Viktor Achter

Auch Thomas Mann besuchte mit seiner Frau Katia (vorne rechts) die Schau. Im Hintergrund steht der Vorsitzende des Kunstvereins, Viktor Achter

Auch Gurlitts damals engster Mitarbeiter, der ihm, wie er betont, viel zu verdanken hat, lernte den Direktor von der besten Seite kennen: Als „engagierten, kenntnisreichen, gebildeten Mann, der sich für junge Künstler eingesetzt und liberale Positionen vertreten hat“, beschreibt ihn Karl-Heinz Hering, der, damals 27 Jahre alt und frisch promoviert aus Berlin gekommen, im Herbst 1955 von Gurlitt als Assistent engagiert und 1957 sein Nachfolger wurde, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber von der Sammlung wusste ich nichts, das war auch für mich eine Riesensensation“, sagt der heute fünfundachtzigjährige Kunsthistoriker, der in der Nähe von Düsseldorf lebt: „Ich war nur ein- oder zweimal bei ihm in der Wohnung, damals in der Rotterdamer Straße. Da hingen romantische Bilder von seinem Großvater.“ Auch den Sohn Cornelius, „der galt damals schon als Sonderling“, kannte Hering nicht, doch weiß er, dass die zwei Jahre jüngere Tochter „nicht Renate, sondern Benita heißt und im Schwarzwald verheiratet war“. Gurlitt, so Hering, habe international exzellente Kontakte gepflegt, mit dem jüdischen Kunsthändler Hugo Engel, der nach Frankreich emigriert war, sei er „gut bekannt, wenn nicht befreundet gewesen“: „Auch Oskar Kokoschka kannte er sehr gut“.

Tödliche Leidenschaft für schnelle Autos

In einem autobiographischen Text, der in dem Band „Von Dada bis Beuys“ (Ratingen 1998) veröffentlicht ist, erzählt Hering, der dem Kunstverein bis Ende 1986 vorstand, ausführlich über sein Jahr mit Gurlitt: Wie dieser ihn gefragt habe, „was ich denn so verdienen wolle“ und ihn – „ich stotterte etwas von 150 Mark“ – für 250 Mark als „wissenschaftlichen Hilfsarbeiter“ einstellte, „eine Bezeichnung, die für einen kunsthistorischen Anfänger in früheren Jahren durchaus ehrenwert war“. Als „temperamentvoller, engagierter Sachse mit einem berühmten Vater – Cornelius Gurlitt hatte das Barock gewissermaßen in der Kunstgeschichte salonfähig gemacht“ – wird Gurlitt hier beschrieben, der Hering früh nach Paris schickte und selbst, damals schwierig, nach Dresden fuhr, wo er mit den Kunstsammlungen für 1957 eine Ausstellung von 150 Meisterwerken des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts verabredete.

Das Katalogmaterial lag schon vor, doch der Ungarn-Aufstand kam dazwischen. Und Gurlitts Tod am 9. November 1956: „Gurlitt konnte schlecht sehen, er litt an grauem Star und trug enorm dicke Augengläser. Dies hinderte ihn nicht daran, mit Begeisterung seinen schnellen DKW zu fahren, wobei es auch gelegentlich über Bordsteine hinweg oder Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung ging... Auf der Rückfahrt (von Berlin) geriet sein Auto auf der Autobahn bei Oberhausen unter einen Lastzug. Gurlitt starb zwei Wochen nach dem Unfall, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.“

Hildbrand Gurlitt hat neben seiner Tätigkeit als Direktor des Kunstvereins auch mit Kunst gehandelt – und so die Doppelrolle variiert, die er während des Krieges schon erfolgreich gespielt hatte. „Mit dem Briefpapier des Kunstvereins“, wie der Provenienzforscher Willi Korte entdeckt hat, aber, so Hering, „immer auf Rechnung und zu Gunsten des Kunstvereins“. Die Düsseldorfer Händler und Galeristen hätten das gar nicht gern gesehen: „Es gab erhebliche Spannungen, so dass Gurlitt eines Tages, als aus terminlichen Gründen Platz in der Kunsthalle war, die Düsseldorfer Kunsthändler zu einer gemeinsamen Ausstellung einlud und damit in der Tat zu einem der Erfinder der heute in aller Welt so verbreiteten Kunstmärkte wurde. Die Händler waren begeistert, zufrieden und versöhnt.“

Eine nazikritische Haltung?

Um „Kunstfreunde mit Geld und einem bürgerlichen Geschmack“ zu bedienen, ließ sich der „geschickte Händler“, so Hering, einiges einfallen: „Unter den Interessenten waren gelegentlich auch Jäger. Leider waren auf den Bildern jener französischen Maler, die sich in erster Linie für die atmosphärischen Phänomene der Landschaft begeisterten, kaum jagdbare Tiere der heimischen Fauna zu entdecken. Doch Gurlitt war erfinderisch, und die kunsterpichten Jünger des Waidwerks sollten nicht leer ausgehen. Es fand sich jemand, der mit kundiger Hand ein kräftiges Reh oder auch einen kapitalen Hirschen unauffällig in das Gehölz zauberte und diese begehrten Wesen auch wieder ebenso unauffällig verschwinden lassen konnte.“

Über Gurlitts Rolle als Kunsteinkäufer Adolf Hitlers geht aus Herings Lebenserinnerungen nichts hervor: „Später war Gurlitt vorübergehend als Kunsthändler tätig.“ Im Düsseldorf der Nachkriegszeiten machten „bessere“ Geschichten über ihn die Runde. Eine Anekdote, die auch Ewald Rathke erzählt, der, bevor er 1961 den Kunstverein Frankfurt übernahm, in Düsseldorf mit Hering eine Doppelspitze bildete, sagt Gurlitt eine nazikritische Haltung nach: Als er 1933 auf dem Hamburger Kunstverein eine Hakenkreuzfahne hissen sollte, habe Gurlitt das torpediert, indem er den Mast absägen ließ.

Hering führt die Arbeit fort, die sein „zweiter geistiger Vater“ Gurlitt vorbereitet hatte, und er schließt seinen Tätigkeitsbericht am 24.Januar 1957 mit dessen Worten, die sich auch heute jeder Kunstvereinsdirektor aufs Panier schreiben kann: „Bitte verbreiten Sie die Ansicht, dass der Kunstverein nicht dann seine Aufgaben erfüllt, wenn er seine Bilanz in Ordnung hält, sondern dann, wenn er ein Verein bleibt, der nicht nach der Kasse hin ausgerichtet ist, sondern nach dem Geist der Kunst. Mahnen Sie uns, wenn wir ängstlich werden, dem Publikum nachlaufen, wenn wir einzuschlafen scheinen.“

„Da hat sich der Journalist vertan“

Gurlitt – Stratege und Schlitzohr, illusionsloser Realist und gerissener Opportunist, Hasardeur und Wendehals, Kriegsgewinnler und Nachkriegsgewinnler, der verstrickt und schnell wieder obenauf war, Kunstförderer und Kunstfälscher. Wie geht das, wie passt das alles zusammen? Doch wer mahnte Gurlitt? Zu seinen Lebzeiten offenbar niemand, und womöglich hat ihm sein Tod im Alter von nur 61 Jahren Mahnungen, wie sie aus Nachforschungen hätten hervorgehen können, erspart. Der Sohn, wie der berühmte Großvater Cornelius mit Namen, hat den Auftrag des Vaters übererfüllt und dessen Geheimnis fast sechzig Jahre lang aufrechterhalten – mit dem Unterschied und um den Preis, dass er die Tradition der Künstler- und Gelehrtenfamilie nicht fortführen konnte. Womit er sein Leben zugebracht, ob und was er gearbeitet hat? Auch darüber ist bisher nichts bekannt.

Gurlitts bemerkenswerte Sammlung von Aquarellen der Maler des deutschen Expressionismus, die er über alle Nöte der Zeit hinweg zu retten verstanden hatte, befindet sich zur Zeit auf einer Wanderausstellung durch amerikanische Städte“, lautet der letzte Satz des Nachrufs auf Gurlitt, den die „Rheinische Post“ am 10.November 1956 veröffentlichte. Was selbst der engste Mitarbeiter Gurlitts nicht wusste, scheint dem (anonymen) Autor bekannt gewesen zu sein. Es waren aber „nur“ 23 Werke aus Gurlitts Bestand, die in New York und San Francisco gezeigt wurden, doch warum „Aquarelle“, wo die Liste vom 15.Dezember 1950 überwiegend Ölgemälde und Zeichnungen enthält? „Da hat sich der Journalist vertan“, sagt Hering und hat vermutlich recht. Oder gibt es, gab es noch eine andere Sammlung, die womöglich ebenfalls Teil des fast zehnmal so großen Bestandes ist, der in München auftauchte? Und von Restitutionsansprüchen, die damals in den Vereinigten Staaten geltend gemacht wurden, ist auch nichts bekannt.

Viele Widersprüche, Ungereimtheiten, Verdunklungen, Geheimnisse. Fragen über Fragen, die noch lange beschäftigen und womöglich nie ganz beantwortet werden.

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