Helmuth von Moltke

Publié le par Zeit Online von Gerd Fesser

Am liebsten hätte er Frankreich, Russland und Großbritannien schon 1912 angegriffen. Doch als es 1914 ernst wird, versagen ihm die Nerven

General Helmuth Johannes Ludwig von Moltke aufgenommen circa 1910

General Helmuth Johannes Ludwig von Moltke aufgenommen circa 1910

"Dieser Krieg", das wusste Helmuth von Moltke schon am 1. August 1914, "wird sich zu einem Weltkrieg auswachsen. [...] Wie das alles enden soll, ahnt heute niemand." Trotzdem konnte er kaum erwarten, dass es losgeht – und musste getröstet werden, als der Kaiser zwei Tage vor der Kriegserklärung an Russland einen Moment lang zögerte, das mit dem Zarenreich verbündete Frankreich wie geplant anzugreifen. Moltke, ein Neffe des legendären Feldmarschalls der Bismarckschen Einigungskriege, war Generalstabschef und einer der mächtigsten Männer im Reich. Nun glaubte er, man wolle ihm seinen Feldzug wegnehmen.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte Deutschland schon 1912 einen Präventivschlag gegen die Entente-Mächte Frankreich, Russland und Großbritannien geführt. Gemeinsam mit dem ehrgeizigen Oberst Erich Ludendorff forderte er im Dezember 1912 in einer Denkschrift, die Armee um 300.000 Mann zu verstärken. Als Wilhelm II. ihn zwei Wochen zuvor ins Berliner Schloss gerufen und verkündet hatte, dass ein großer Krieg gegen die Entente-Mächte bevorstehe, stimmte Moltke erfreut zu: "Ich halte einen Krieg für unvermeidbar und: Je eher, desto besser." Admiral Alfred von Tirpitz hingegen plädierte dafür, den Waffengang um eineinhalb Jahre hinauszuschieben, weil die Marine dann besser gerüstet sei. Beschlüsse fasste man nicht.

Im Juli 1914 drängte Moltke die Reichsregierung zum Losschlagen, obwohl er – wie er am 28. Juli an Reichskanzler Bethmann Hollweg schrieb – voraussah, dass der Krieg "die gegenseitige Zerfleischung der europäischen Kulturstaaten" zur Folge haben und "die Kultur fast des ganzen Europa auf Jahrzehnte hinaus vernichten" werde. Für den Berner Historiker Stig Förster zeugt das von der "nahezu verbrecherischen Unverantwortlichkeit" des Generalstabschefs.

Neutralität eines Staates interessiert Moltke nicht

Moltke war Militär durch und durch. Als junger Offizier hatte er am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teilgenommen und wurde, ohne dafür ausgebildet zu sein, in den preußischen Generalstab aufgenommen. 1891 stieg er zum Flügeladjutanten des jungen Kaisers Wilhelm auf, 1906 ernannte dieser Moltke zum Generalstabschef, obwohl Militärberater und Moltke selbst Bedenken äußerten.

Von seinem Vorgänger auf diesem Posten, Alfred Graf von Schlieffen, hatte Moltke den Plan für einen Zweifrontenkrieg übernommen. Danach sollte die deutsche Armee, das Völkerrecht ignorierend, durch die neutralen Länder Belgien, Niederlande und Luxemburg hindurch in Frankreich eindringen, nach Paris vorstoßen, um Paris herum nach Süden und Osten schwenken und die gesamte französische Armee in einer gigantischen Kesselschlacht vernichten. Das musste binnen weniger Wochen geschehen, bevor die Russen wirksam eingreifen konnten.

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