Theobald von Bethmann Hollweg

Publié le par Roger Cousin

Als "Flaumacher" und "Zauderer" wird er verspottet. Doch gerade durch seine Verzögerungstaktik fördert er im Juli 1914 die Eskalation der Krise

Theobald von Bethmann Hollweg, aufgenommen circa 1917

Theobald von Bethmann Hollweg, aufgenommen circa 1917

Für viele, vor allem im konservativen Lager, war Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg ein Grübler und Zauderer. Seiner Außenpolitik, so hieß es, fehle es einfach an Entschlossenheit und Härte. In der Tat arbeitete Bethmann Hollweg an einem entspannten Verhältnis zu Großbritannien. Gleichzeitig kam er aber der Forderung des Generalstabs nach, kräftig aufzurüsten. Seine oft mehrdeutige Haltung hat ihm den Ruf als "rätselhafter Kanzler" eingetragen.

Im Juli 1909 hatte Wilhelm II. den damals 53-Jährigen als Nachfolger Bernhard von Bülows zum Reichskanzler, Präsidenten des Preußischen Staatsministeriums und zum preußischen Außenminister berufen. Zuvor war er in der inneren Staatsverwaltung tätig gewesen: als Landrat des Kreises Oberbarnim, Oberpräsident der Provinz Brandenburg, preußischer Innenminister und Staatssekretär des Reichsamtes des Inneren. Von Haus aus Jurist, liebäugelte Bethmann Hollweg mit liberalen Positionen wie der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts. Sein politisches Profil war allerdings zu schwach, um es gegen die konservative Mehrheit durchzusetzen. Im Grunde war er eher ein gebildeter Behördenchef als ein Staatsmann.

Als in den letzten Jahren vor 1914 in Deutschlands Machtelite der Ruf nach einem Präventivkrieg gegen Russland und Frankreich lauter wurde, zögerte Bethmann Hollweg zunächst. Er war kein Scharfmacher. Doch die Generäle hatten großen Einfluss auf die Politik. Auch der Reichskanzler ließ sich schließlich davon überzeugen, dass sich das Kräfteverhältnis unaufhaltsam zugunsten der Entente verschiebe und Angriff die beste Lösung sei.

Gezögert bis der Krieg ausbrach

Am 5./6. Juli 1914 stellte er dann gemeinsam mit Wilhelm II. den Bundesgenossen in Wien den berüchtigten "Blankoscheck" aus. Damit ermunterte er die Habsburger zum Angriff auf Serbien. Für den Fall, dass Russland in einen österreichisch-serbischen Krieg eingreifen werde, sicherte er Wien deutsche Waffenhilfe zu.

Dennoch hoffte der Kanzler, Russland werde nicht eingreifen. Nach dem Attentat von Sarajevo hatte er die Chance gesehen, diplomatisch in die Offensive zu gehen und die Position des Kaiserreiches zu verbessern. Da die Wiener zum Krieg gegen Serbien entschlossen waren, wollte er mit ihnen eine Kraftprobe mit Russland und Frankreich wagen. Er hoffte, das Bündnis der beiden Länder zu sprengen, solange St. Petersburg die Aufrüstung nicht abgeschlossen hatte. Das Risiko, dass die Aktion misslingen und in einen großen Krieg einmünden könnte, nahm der Kanzler bewusst in Kauf.

So wurde Bethmann Hollweg in der Julikrise zur Schlüsselfigur. Als Österreich-Ungarn sein Ultimatum an Serbien richtete und das kleine Land sehr entgegenkommend antwortete, schrieb Wilhelm seine berühmten Worte, dass damit jeder Kriegsgrund wegfalle. Er forderte Bethmann Hollweg auf, den Österreichern nahezulegen, auf die Serben zuzugehen. Doch der Kanzler setzte sein übliches Zögern diesmal taktisch ein: Er schob die Absendung des Telegramms auf, bis es zu spät war und Österreich Serbien bereits den Krieg erklärt hatte.

Nun klammerte Bethmann Hollweg sich an die Illusion, Großbritannien werde neutral bleiben. Und für den Fall, dass es zu einem großen Krieg kommen würde, suchte er einen Grund, Russland die Schuld zuzuschieben. Als Generalstabschef Moltke Ende Juli zum Angriff drängte, wartete der Kanzler deshalb erneut ab – bis die russische Regierung am 30. Juli die Mobilmachung anordnete. Jetzt hatte der Kanzler, was er brauchte: eine angebliche russische Kriegsdrohung, auf die er mit einem "Verteidigungskrieg" reagieren konnte. Am 1. August erklärte die Reichsregierung Russland den Krieg.

So hatte Bethmann Hollweg Deutschland in den Krieg hineingezögert. Bei rechten Politikern galt er aber weiterhin als "Flaumacher". Denn weil der Kanzler die öffentliche Debatte über die deutschen Kriegsziele verbot, glaubten sie, dass er einen "faulen Frieden" anstrebe. Sie unterschätzten ihn: Tatsächlich hatte Bethmann Hollweg bereits am 9. September 1914 ein geheimes amtliches Kriegszielprogramm fixiert. In diesem "Septemberprogramm", einer gewaltigen Wunschliste, forderte er die Annexion der französischen Bergbauregion Longwy-Briey, die Umwandlung Belgiens in einen deutschen Vasallenstaat und die Schaffung eines deutschen Kolonialreiches in Mittelafrika. Österreich-Ungarn, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Polen, eventuell auch Italien, Schweden und Norwegen sollten einem mitteleuropäischen Wirtschaftsverband unter deutscher Führung angegliedert werden.

Wilhelm II. hielt lange an seinem Kanzler fest. Doch Bethmann Hollwegs Lavieren zwischen dem konservativen und dem liberalen Lager kostete diesen allmählich das Vertrauen aller politischen Kräfte. Die immer mächtiger werdenden Generäle zwangen den widerstrebenden Kaiser schließlich im Juli 1917, Bethmann Hollweg zu entlassen. Der sollte das Ende des Krieges nur wenige Jahre überleben; 1921 starb er auf seinem Gut Hohenfinow in Brandenburg.

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