„Solo Sunny“-Schauspielerin Renate Krößner gestorben

Publié le par Berliner Morgenpost von Peter Zander

In „Solo Sunny“ schuf Renate Krößner eine legendäre Frauenfigur. Nun ist die Schauspielerin kurz nach ihrem 75. Geburtstag gestorben.

Renate Krößner (1945-2020) Foto: picture-alliance / / picture-alliance //picture alliance

Renate Krößner (1945-2020) Foto: picture-alliance / / picture-alliance //picture alliance

Berlin. Als sie das Drehbuch las, war sie begeistert. Und doch auch tieftraurig. Weil sie dachte: „Die werden das nie machen“. „Solo Sunny“ sollte ein Film werden über eine junge Frau, die sich nicht anpassen will. Die unbeirrt, selbstbewusst, trotzig und auch rotzfrech ihren Weg geht. Die sich nicht darum schert, was andere denken oder was der Norm entspricht. Und die, um ihren Traum zu verwirklichen, Sängerin zu werden, lieber durch due Provinz tingelt, als die Planwirtschaft der DDR zu erfüllen. Das Aufbegehren einer Unangepassten.

Renate Krößner musste noch nicht einmal vorsprechen für diese Traumrolle der Ingrid Sommer, genannt Sunny. Konrad Wolf, der bedeutendste Filmregisseur der DDR, hatte sie auf der Bühne erlebt, in einem Stück seines Vaters Friedrich Wolf: „Cyankali“. Aber dennoch glaubte die damals 34-Jährige nicht, dass der Film je zustande kommen würde: „Ich lese wieder, was verboten wird“. Das war ihr schon zuvor passiert. Doch „Solo Sunny“ wurde realisiert. Und durfte auch in den Kinos laufen. Es war der letzte Film von Konrad Wolf, der zwei Jahre später mit nur 56 Jahren starb, und der einzige, bei dem Wolfgang Kohlhaase, der Drehbuchautor von Filmklassikern wie „Berlin Ecke Schönhauser“, „Berlin um die Ecke“ oder später „Sommer vorm Balkon“, Ko-Regie führte.

Ihren Silbernen Bären nahm ihr die DDR gleich wieder ab

Solo Sunny“ zeigte einen ungeschönten Blick auf die damaligen Verhältnisse in der DDR und konnte der SED deshalb eigentlich nicht schmecken. Er zeigte die Hinterhöfe des Prenzlauer Berges, wo überall der Putz bröckelte, und damit auch die wahre Fassade des maroden Arbeiter- und Bauernstaates. Und mittendrin eine junge Frau, die sich gegen das System entscheidet. Und gegen ein Patriarchat aufbegehrt, dass die Emanzipation der Frau zwar postuliert, aber nie eingelöst hat.

Viele DDR-Bürger erkannten sich selbst wieder in diesem Film und in dieser Figur, junge wie alte. Für Aussteiger gab es sonst im Sozialismus ja kein Vorbild. „Solo Sunny“ wurde zum Porträt einer ganzen Generation und traf einen Nerv.

Dass der Film nicht verboten wurde, schien fast ein Wunder. Aber dann geschah gleich noch eines. „Solo Sunny“ wurde 1980 auf die Berlinale eingeladen. Renate Krößner durfte erstmals in den Westen reisen und kam dabei aus dem Staunen, „dass die sich mit einem DDR-Film beschäftigen“, gar nicht mehr heraus.

Am Ende gewann sie dafür sogar noch den Silbernen Bären. Damit war sie die erste Schauspielerin der DDR, die jemals einen West-Preis erhalten hat. Fast geschockt nahm sie die Trophäe entgegen. Die aber wurde ihr noch bei der Abschlussfeier des Festivals von ihrer Delegation gleich wieder abgenommen.

Für Renate Krößner war „Solo Sunny“ die Rolle ihres Lebens. Das sagt man ja gern, aber wohl selten trifft es so zu wie in diesem Fall. Es war auch Krößners großes Solo, das sich so nie wiederholen sollte. 40 Jahre ist das nun her. Die Geschichte hat sie immer wieder erzählt. Zuletzt erst vor drei Monaten, aus Anlass der 70. Berlinale. Nun ist die Schauspielerin nur eine Woche nach ihrem 75. Geburtstag in ihrem Haus in Mahlow gestorben, nach kurzer schwerer Krankheit, wie ihr Ehemann Bernd Stegemann bestätigte.

Krößner, 1945 in Osterode im Harz geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen, hatte viel mit ihrer Sunny gemein. Den Traum vom selbstbestimmten Leben. Und die Steine, die ihr dabei in den Weg gelegt wurden. Trotz ihres Diploms der Staatlichen Schauspielschule hat sie lange an verschiedenen kleinen Theatern spielen müssen. Und, nach ihrem TV-Debüt 1965, bis Mitte der 70er-Jahre immer mit eher unauffälligen Rollen vorliebnehmen müssen. Andere Filme landeten im Giftschrank, wie „Feuer unter Deck“ mit Manfred Krug, der nach der dessen Ausbürgerung verboten wurde, oder kamen erst viel später und mit erheblichen Kürzungen heraus wie „Eine Pyramide für mich“.

"Solo Sunny" ist längst zu einem Zeitdokument geworden

Einen ersten Erfolg konnte sie 1979 in Heiner Carows „Bis dass der Tod euch scheidet“ verbuchen. Und dann kam auch schon „Solo Sunny“. Der Film lebt von dem genauen Blick seiner Macher, weshalb er bis heute nichts von seiner Wucht verloren hat, ja längst zu einem Zeitdokument geworden ist. Dann aber lebt er vor allem auch von seiner grandiosen Hauptdarstellerin mit ihrem unverfälschten Spiel und ihrer Berliner Schnoddrigkeit. In der DDR wurde „Solo Sunny“ Kult wie sonst nur „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), aber auch im Westen lief er mit Erfolg. Sich nicht anpassen zu wollen, das wurde auch auf der anderen Seite der Mauer verstanden.

Mit ihrer Titelrolle in "Solo Sunny" (1979) wurde Renate Krößner unvergesslich. Foto: Dramatischer Film / pa/Dramatischer Film

Mit ihrer Titelrolle in "Solo Sunny" (1979) wurde Renate Krößner unvergesslich. Foto: Dramatischer Film / pa/Dramatischer Film

Und doch wurde das Sunny-Solo für seine Hauptdarstellerin bald zum Fluch. Den Silbernen Bären kassierte die DDR-Delegation gleich wieder ein, erst viele Wochen später wurde er ihr beim Kulturministerium doch noch überreicht, als wäre er ein Staatspreis der DDR. Der Fünfteiler „Verflucht und geliebt“, den sie während der Berlinale gedreht hatte, wurde noch ausgestrahlt, auch Fontanes „Mathilde Möhring“ durfte sie noch spielen. Aber dann sollte sie in Siegfrieds Kühns „Schwarzweiß und Farbe“ mitwirken. Das Projekt war längst genehmigt, doch urplötzlich wurden die Dreharbeiten abgesagt. „Es war ihnen ein Dorn im Auge“, sagte Renate Krößner noch im Februar, „dass ich diese Figur verteidigt hatte. Diese Sunny, sie wurde gleich gesetzt mit mir.“

Per Ausreiseantrag in den Westen

Die Schauspielerin, die gerade noch an den großen Durchbruch geglaubt hatte, sah sich bald ohne Arbeit . Ende 1983 stellte sie deshalb einen Ausreiseantrag, im Juli 1985 wurde er genehmigt. Sie ging dann erst mal ans Schauspielhaus in Basel. Um so weit wie möglich vom Osten weg zu sein. In der Bundesrepublik hat sie dann in „Tatort“-Folgen mitgewirkt, bald fiel die Mauer und sie spielte auch wieder im „Polizeiruf 110“. Und drehte für ein paar Folgen in der Berlin-Serie „Liebling Kreuzberg“ (nach den Büchern von Jurek Becker) , noch einmal an der Seite von Manfred Krug, als dessen kurzzeitige Lebenspartnerin. Lange kamen dann nur Angebote über Mauer-Filme, die sie fast alle abgesagt hat.

Der große Ruhm blieb ihr versagt. So populär wie im Osten ist sie im Westen nie geworden. Aber einige schöne Rollen, in denen sie ihr Talent unter Beweis stellen konnte, waren ihr doch vergönnt. Etwa in der RTL-Serie „Bruder Esel“, für den sie einen Grimme-Preis gewann, oder in Adolf Winkelmanns „Nordkurve“ (1992), eine ihrer wenigen Kino-Hauptrollen, für die sie den Deutschen Filmpreis erhielt. Eine kleine, aber unvergessliche Rolle spielte sie auch in Dani Levys „Alles auf Zucker!“ (2003). Und einer ihrer persönlichsten Filme war das Alzheimer-Drama „Vergiss mein Ende“ (2011), in dem sie mit ihrem früheren Lebensgefährten Hermann Beyer und ihrem gemeinsamen Sohn Eugen Krößner spielte. Ein Familiendrama, das auch von dem Reiz lebte, das Vater-Mutter-Kind hier nicht nur ein Spiel war.

Zuletzt hat sie vor allem Serien gedreht wie „Die Stadt und die Macht“, „Der Lehrer“, für einige Folgen sogar in der „Lindenstraße“, und Theater gespielt, etwa im Berliner Renaissance-Theater. Sunnys großer Traum von der Künstlerin, die sich selbst verwirklicht, ist für Renate Krößner nie ganz in Erfüllung gegangen. Aber es bleibt diese umwerfende, autarke, vor Kraft strotzende Figur, mit der sie sich in die Filmgeschichte eingeschrieben hat.

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