Ein Grantler, der dem Theater fehlen wird

Publié le par RBB von Oliver Kranz

Es gibt Schauspieler, die haben ein ganzes Jahrhundert im Schlepptau, wenn sie die Bühne betreten. So einer war auch Jürgen Holtz. Am Sonntag ist er im Alter von 87 Jahren verstorben. Ein Nachruf von Oliver Kranz

Bild: dpa/Stephanie Pilick

Bild: dpa/Stephanie Pilick

Interviews? Nein danke. Journalisten gegenüber trat Jürgen Holtz äußerst reserviert auf - nicht weil er schlechte Erfahrungen gemacht hätte, sondern weil er Oberflächlichkeit hasste. Wer mit ihm reden wollte, musste sich auf kritische Rückfragen gefasst machen, auf langes Schweigen und seinen prüfenden Blick. Er war ein Grantler, wie Motzki, der Westberliner Frührentner, den er nach der Wiedervereinigung im Fernsehen spielte.

Damals schimpfte er derart lebensecht auf Ossis, Ausländer und Autonome, dass er einen Sturm der Entrüstung lostrat. Ein konkurrierender Fernsehsender wollte ihn sogar wegen Volksverhetzung verklagen. "Ich habe Motzki mit großem Vergnügen gemacht - mit innerer Würde alles sagen, alles tun, alles zeigen, wie die Welt wirklich ist", erinnerte Holtz sich später. "Von daher denke ich, war es eine soziale Aufgabe."

Leider war mit Motzki nach 13 Folgen Schluss. Die ARD wollte die Reihe zwar fortsetzen, aber Jürgen Holtz lehnte ab. "Das war geschäftlich natürlich sehr ungeschickt. Wäre ich bei 'Motzki' geblieben und hätte den Quatsch mitgemacht, den man mir dann wahrscheinlich angeboten hätte, dann hätte ich viel Geld verdient."

Wahrscheinlich hätte er dann keine Zeit für die Theaterrollen gehabt, die er danach noch spielte. Er war der Bettlerkönig Peachum in Robert Wilsons Version der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble und der alte Diener Firs in einer "Kirschgarten"-Inszenierung von Thomas Langhoff - für Jürgen Holtz eine Paraderolle. Er gab sich nicht damit zufrieden, einfach nur krumm über die Bühne zu schlurfen, sondern zeigte auch den hellwachen Denker, der in dem altersschwachen Körper steckte.

Nicht dem sozialistischen Menschenbild entsprechend

Klar zu denken, war Jürgen Holtz immer wichtig. Er besuchte nach dem zweiten Weltkrieg ein Internat in Westberlin, das 1950 in die DDR umzog, weil der Leiter als Kommunist nicht mehr geduldet wurde. Für den Osten wiederum war er zu undogmatisch.

"Wir nahmen uns irgendein Buch vor, von Lenin oder was weiß ich, und einer machte ein Referat und die anderen haben dann dagegen gesprochen", sagte Holtz später. "Als ich auf die Schauspielschule kam, gab es natürlich Marxismus-Unterricht, war das wie Katechismus. Da wurde gar nicht gefragt. Und ich fand viele Dinge in meinem Leben eben fragwürdig."

Jürgen Holtz eckte in der DDR immer wieder an: 1964, als er in Greifswald einen Hamlet spielte, der - wie es hieß - nicht dem sozialistischen Menschenbild entsprach. 1965 als "Moritz Tassow" bei der Uraufführung des gleichnamigen Stücks von Peter Hacks. Die Inszenierung von Benno Besson an der Berliner Volksbühne wurde nach kurzer Zeit abgesetzt. "Ich bezeichnete mich irgendwann als Bruchzonen-Schauspieler, weil ich sagte: Immer wo ich hintrete, breche ich mit einem Bein ein."

Die Angst vor den Perlenketten

Jürgen Holtz lernte aber wichtige Regisseure kennen: Adolf Dresen, B.K. Tragelehn, Heiner Müller und Einar Schleef - alle wollten mit ihm arbeiten. Als er 1983 in den Westen ging, waren viele seiner ehemaligen Kollegen schon dort. Tragelehn besorgte ihm ein Engagement in München. "Ich bin blindlings dahin gefahren und hatte schreckliche Angst vor den Perlenketten im Cuvillies-Theater", erinnerte Holtz sich, "und das Gegenteil passierte: Ich hatte die Leute, als ich spielte, gewonnen."

Von da an ging es für Jürgen Holtz immer nur aufwärts. Er wurde ein Theater- und als Motzki auch ein Fernsehstar. Bis ins hohe Alter hat er im Berliner Ensemble auf der Bühne gestanden - körperlich schon etwas gebeugt, aber im Kopf hellwach - ein Grantler, der dem Theater fehlen wird.

Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :

Commenter cet article