Zum Tod von Jürgen Holtz Das Denken hört nie auf

Publié le par Der Tagesspiegel von Christine Wahl

Er war ein Protagonist der ost- wie westdeutschen Theatergeschichte: Kurz vor seinem 88. Geburtstag ist der große Schauspieler Jürgen Holtz gestorben. 

Wie ein Porträt von Rembrandt. Jürgen Holtz als Galileo Galilei am Berliner Ensemble.Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne

Wie ein Porträt von Rembrandt. Jürgen Holtz als Galileo Galilei am Berliner Ensemble.Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne

Anfang des Jahres 2019 gab es im Berliner Ensemble eine dieser seltenen Premieren, die man „epochal“ nennen darf. Und zwar weniger wegen des Stückes, Bertolt Brechts „Galileo Galilei“, oder wegen des Regisseurs, Frank Castorf – obwohl beide natürlich das Zeug zum Außergewöhnlichen haben.

Was diesen Abend zum Ereignis machte, war der Schauspieler Jürgen Holtz. Damals 86-jährig, stand er an der Rampe und sprach Sätze, die man eigentlich in- und auswendig kennt als Theatergängerin, auf eine Weise, dass die Körper sich unwillkürlich strafften in den Zuschauersesseln und die Synapsen zur Hyperaktivität aufliefen.

Weil man da unten im Parkett plötzlich das Gefühl hatte, man höre diese Sätze zum ersten Mal. „Wo der Glaube tausend Jahre gesessen hat, eben da sitzt jetzt der Zweifel“, sagte Holtz zum Beispiel als Galilei und klang dabei, als wüsste er zwar einerseits sehr viel schmerzlicher und genauer als die meisten anderen, wovon er spricht, als wäre er aber andererseits – und das machte ihn wirklich zu einer Ausnahme-Erscheinung im Theater – noch längst nicht fertig mit diesem Gedanken.

Jürgen Holtz war ein Mensch und Schauspieler, dem man beim Denken zuschauen durfte – und bei dem das eben auch wirklich ein Geschenk war, weil Holtz sich dem „Zweifel“, von dem er sprach, tatsächlich aussetzte. Im „Galilei“ sogar ganz gegenständlich, mit dem kompletten Körper. Nackt stand er in Castorfs Inszenierung an der Rampe und wirkte – wiewohl von achteinhalb intensiven Lebensjahrzehnten gezeichnet – gleichzeitig weise und bestechend unschuldig; als hätte er wirklich die Kraft, alles noch einmal neu zu hinterfragen.

Der Galilei war seine letzte Rolle

Der Galilei war Jürgen Holtz’ letzte große Rolle: Am 21. Juni, anderthalb Monate vor seinem 88. Geburtstag, ist dieser große Schauspieler, in dessen Lebensgeschichte sich wie in kaum einer anderen die ost-westdeutsche Theatergeschichte verdichtet, infolge einer Krebserkrankung gestorben.

Holtz war nie einfach nur Zeitzeuge, sondern immer Protagonist des brisantesten (Bühnen-)Geschehens: Jeder Regisseur, mit dem er arbeitete, eine Legende, jede Aufführung ein Politikum – so gestaltete sich das zumindest im „Real Existierenden Sozialismus“, den Holtz nur lapidar „R. E. S.“ nannte und aus dem er 1983 schließlich von Ost- nach Westberlin flüchtete.

Nostalgie interessierte den am 10. August 1932 in Berlin geborenen Holtz herzlich wenig; er erzählte mit derselben gedanklichen Unerbittlichkeit seine Lebensgeschichte, mit der er auch den Galilei und alle anderen Rollen spielte: Zum Beispiel, wie seine Mutter ihn als Vierjährigen beim Nachspielen des „Rumpelstilzchens“ überraschte und erschrocken ausrief: „Oh Gott, der wird doch wohl nicht Schauspieler werden?!“

Schon 1964 spielte er den "Hamlet"

Oder wie sie ihn wenige Jahre später aus dem bombardierten Berlin nach Franken brachte – zu Leuten, die ihn stehlen schickten – und er sich nach Kriegsende, 12-jährig, zurück nach Berlin durchschlug, wo er von seinem Vater mit den Worten empfangen wurde: „Unkraut vergeht nicht“.

Holtz’ Arbeitsbiografie liest sich wie das Lexikon der avancierten DDR-Theaterkunst. 1964 rannte er in Adolf Dresens „Hamlet“-Inszenierung in Greifswald mit einem riesigen Kerzenleuchter über die Bühne, wobei der Text des Dänenprinzen buchstäblich aus ihm heraus „kreischte“, wie er das selbst beschrieb.

Ein Jahr später kam Holtz als Sauhirt Moritz Tassow in Benno Bessons gleichnamiger Peter-Hacks-Uraufführung an der Berliner Volksbühne nicht über die Premiere hinaus, weil die DDR-Nomenklatura den Abend wegen „rüpelhafter Obszönität“ sofort wieder absetzen ließ. Zehn Jahre später trug er in Einar Schleefs und B. K. Tragelehns legendärer Strindberg-Inszenierung „Fräulein Julie“ am Berliner Ensemble, der ebenfalls nicht viele Aufführungen beschieden waren, als Diener Jean an der Seite von Jutta Hoffmann zu den größten Sternstunden des DDR-Theaters bei.

Intensive Freundschaft mit Heiner Müller

Er wolle ja niemandem unrecht tun, hat Jürgen Holtz mir vor sieben Jahren in einem Interview erzählt: Leute wie Dresen, mit dem er in Greifswald „jede Nacht philosophierte“ oder Schleef, der ihn „zur Sprache gebracht“ habe, seien extrem wichtig für ihn gewesen. Sein „geistiger Vater“ aber, sagte Holtz, sei Heiner Müller.

Mit ihm habe er sämtliche druckfrischen Bücher diskutiert, und Müller habe ihm beigestanden, als er Ende der 1970er Jahre schon einmal an Krebs erkrankt war: „Heiner kam jeden Tag zu mir, während ich die Schüsse kriegte. Wir soffen dann zusammen und lachten; er hat versucht, mich zu heilen“, erzählte Holtz damals. Im Gegenzug haben der Schauspieler und seine frühere Lebensgefährtin Margit Bendokat Müller – auf dessen ausdrücklichen Wunsch – oft seine eigenen Texte vorgelesen. Danach sei der Autor immer sehr zufrieden nach Hause gegangen – mit den Worten: Jetzt wisse er, was er geschrieben habe.

Auch im Westen – wo er Anfang der 90er Jahre auch über Theaterkreise hinaus weltberühmt wurde, nämlich als Protagonist der ARD-Serie „Motzki“ – hat Jürgen Holtz sich immer wieder neu herausgefordert. Für sein Rainald-Goetz-Solo „Katarakt“ wurde er 1993 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum „Schauspieler des Jahres“ gekürt. In den formstrengen Inszenierungen Robert Wilsons fand er am Berliner Ensemble noch einmal so etwas wie eine künstlerische Heimat: in Becketts „Endspiel“ oder „Shakespeares Sonetten“.

Unvergleichlich: das Strahlen seines Gesichts

Sein größter Wunsch – er wollte, so erzählte mir Holtz damals im Interview, noch einmal den „Lear“ spielen – sollte sich nicht mehr erfüllen: Man hätte diesen Abend unglaublich gern gesehen! Lebhaft in Erinnerung bleibt der Schauspieler aber allemal: Mit seinem scharfsichtigen Zorn gegen alles Denkfaule, der sich gern auch in offiziellen Reden (etwa zur Verleihung des Berliner Theaterpreises 2013) niederschlug. Genau wie mit seinem spontanen Lachen, wenn ihm – oder seinem Gegenüber – ein Witz besonders gut gelungen war oder einfach nur irgendwo ein luzider Gedankenblitz aufleuchtete.

Dann entrollte sich das lebhafte Jürgen-Holtz-Gesicht zu einem faltenfrei offenen Strahlen, das selbst Zwanzigjährige locker in den Schatten stellte – und bei dem völlig klar wurde, dass dieser Mensch längst nicht fertig war mit seinen Gedanken.

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