BND warb Vertriebene als Spione

Publié le par Berliner Zeitung - Andreas Förster

publiziert 17/1Berliner Zeitung2/2012 at 18:26 Uhr von Andreas Förster

Ein Geheimdienstexperte wertet CIA-Akten aus und findet heraus, dass der BND Mitglieder und Funktionäre des Bundes der Vertriebenen als Spitzel anwarb.

Der Bundesnachrichtendienst soll in den 1950er und 1960er Jahren viele Mitglieder und Funktionäre des Bundes der Vertriebenen (BdV) als Spione rekrutiert haben. Auch sollen Einrichtungen des BdV als Abdeckung für Spionageoperationen genutzt worden sein. Zu diesen Erkenntnissen ist der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom nach der Auswertung von CIA-Unterlagen gelangt. Erst vor kurzem war der BdV in die Schlagzeilen geraten, weil dessen Führungsspitze in der Gründungszeit des Verbandes überwiegend aus früheren NSDAP- und SS-Kadern bestand.

Landeskundig und mehrsprachig

Theodor OberlanderSchmidt-Eenbooms Aufsatz mit dem Titel „Die Vertriebenen und ihre Verbände als nachrichtendienstliches Instrument der Organisation Gehlen und des Bundesnachrichtendienstes“ ist in der aktuellen Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift „Horch & Guck“ erschienen, die sich kritisch mit der Geschichte der DDR und der Geheimdienste auseinandersetzt. Der aus Weilheim stammende BND-Experte hat dafür eine Reihe von CIA-Unterlagen aus dem Washingtoner Nationalarchiv ausgewertet.

Die CIA hielt die von ihr 1946 gegründete Organisation Gehlen (Org) und ihren Nachfolger, den BND, unter ständiger Beobachtung, weil man einerseits den früheren Nazikadern im westdeutschen Geheimdienst misstraute, andererseits eine Unterwanderung des Dienstes durch östliche Agenten fürchtete. Die aus dieser Überwachung stammenden CIA-Berichte liefern einen detaillierten Einblick in die Arbeitsweise des Gehlen-Dienstes bis in die 1960er Jahre hinein.

In diesen Berichten geht es auch um die Kooperation des BND mit Vertriebenen. Schmidt-Eenboom zufolge rekrutierte der Gehlen-Dienst viele Balten, West- und Ostpreußen, Pommern und Schlesier bis hin zu Siebenbürger Sachsen, vor allem jedoch Sudetendeutsche als Agenten. „Zur teils nationalkonservativen, teils braunen Gesinnung und der Entwurzelung kamen als Motiv für das Engagement an der Front des Kalten Kriegs die leidvollen Erfahrungen, die die Vertriebenen mit den sowjetischen Truppen häufig hatten machen müssen“, schreibt der Autor. Außerdem hätten die Vertriebenen noch einen weiteren entscheidenden Vorteil für den Geheimdienst gehabt: Aufgewachsen in den sogenannten deutschen Ostgebieten seien sie landeskundig, was das neue „Gebiet im Feind“ betraf, mit der Mentalität der dortigen Mittelosteuropäer vertraut und überdies mehrsprachig gewesen.

Funktionäre und Minister

Neben einfachen Verbandsmitgliedern soll der Gehlen-Dienst laut CIA-Akten auch hochrangige Vertriebenenfunktionäre und sogar Minister angeworben haben. Dazu zählten Schmidt-Eenboom zufolge der ab 1953 amtierende Vertriebenenminister Theodor Oberländer (CDU), der SPD-Politiker Helmut von Grolmann aus dem niedersächsischen Ministerium für Flüchtlingsfragen sowie der frühere CSU-Abgeordnete Siegfried Zoglmann, Vorstandsmitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Zu den wichtigsten nachrichtendienstlichen Verbindungen des BND gehörte ab 1955 laut Schmidt-Eenboom auch Rudolf Lodgmann von Auen, langjähriger Vorsitzender des Bundesverbandes der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) und 1958 Mitglied im ersten BdV-Präsidium. Aus CIA-Unterlagen soll zudem hervorgehen, dass der BND in Absprache mit der SL-Führung den Sudetendeutschen Pressedienst sowie das 1955 in München als gemeinnützige Körperschaft gegründete Sudetendeutsche Archiv als Tarnfirmen genutzt haben soll.

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