Eichmann - Tuvia auf der Pirsch - Zeitgeschichte

Publié le par Der Spiegel

Eichmann - Tuvia auf der Pirsch - Zeitgeschichte

Der SS-Obersturmbannführer außer Diensten Adolf Eichmann, einst Chef-Planer an Hitlers "Endlösung" der Judenfrage, jetzt Häftling des Staates Israel, wurde eingefangen, weil er, ein Meister im Verwischen von Spuren, eine Spur nicht auslöschen konnte: die seines exzessiven Liebeslebens.

Tuvia Friedman

Tuvia Friedman

So wenigstens behauptet der israelische Journalist Tuvia Friedman, der die letzten 15 Jahre mit einer ebenso aufregenden wie strapaziösen, aber schließlich doch erfolggekrönten Mission ausfüllte - mit der Pirsch auf den 1945 untergetauchten Judenfeind aus Profession Adolf Eichmann.

Den seltsamen Verlauf der teils in erotische Bezirke abgleitenden Eichmann-Jagd wertete Friedman nach getaner Arbeit nunmehr journalistisch aus und präsentierte - zunächst der englisch sprechenden Welt - eine Art Autobiographie mit dem Titel "The Hunter"* - "Der Jäger".

Der Jäger Friedman war ursprünglich selbst ein Gejagter. Als Sohn eines jüdischen Druckers hatte Tuvia in der polnischen Stadt Radom alle Schrecknisse der NS-Judenverfolgung erlebt und nur mit knapper Not das nackte Leben gerettet. Nach der Befreiung durch die Rote Armee nahm er den Namen Tadek Jasinski an, um sich vor dem Antisemitismus seiner polnischen Volksfreunde zu schützen, und avancierte zum Oberleutnant des polnischen Geheimdienstes.

Im befreiten Danzig sammelte Jasinski alias Friedman dann erste Erfahrungen in der Jagd auf Kriegsverbrecher: Er purgierte Stadt und Land von zurückgebliebenen NS-Bonzen und polnischen Kollaborateuren, lieferte die Eingefangenen an die Gefängnisse ab und nahm die Häftlinge ins Verhör: "Mehr als je sah ich es als meine Pflicht, meine Mission an, die NS-Ungeheuer ausfindig zu machen und keinen entkommen zu lassen." Der Name Eichmann war ihm noch nicht geläufig.

Auch in Wien, wohin er mit israelischen Emigranten reiste, widmete Friedman seine Aufmerksamkeit zunächst einem weniger prominenten Nazi, dem SS-Mann Konrad Buchmayer, einst Drangsalierer der Juden von Radom.

Da Buchmayer in einem SS-Gefangenenlager bei Salzburg untergeschlüpft und nur durch Augenschein herauszufinden war, entwickelte Friedman einen raffinierten Plan: Er ließ sich ein abgetragenes SS-Jackett und ein POW** -Hemd verabreichen und - mit Erlaubnis des amerikanischen Kommandanten - in das Lager einliefern "Wie ein verirrter Hund unter einem Rudel von Wölfen" streunte er sodann durch das Camp, entdeckte den Radom-Buchmayer und ließ ihn sistieren.

Mit diesem Coup qualifizierte sich Friedman für diffizilere Aufgaben. Im Wiener Hauptquartier der israelischen Geheim-Organisation "Haganah und Braycha" eröffnete ihm der Chef, "eine geheimnisvolle Person, die nur unter dem Namen 'Arthur' bekannt war", daß er "den größten aller Nazi-Mörder" jagen müsse: Adolf Eichmann. Arthur hämmerte Tuvia ein: "Friedman, du mußt Eichmann finden. Ich sage es dir noch einmal: Du mußt Eichmann finden."

Die nun anhebende Eichmann-Hatz unterschied sich grundlegend von der Buchmayer-Pirsch, da niemand wußte, wie der Endlöser aussah. Der Massenmörder Eichmann hatte an die Zukunft seiner Arbeitgeber und an den großdeutschen Endsieg offenbar so wenig geglaubt, daß er in seinen Beziehungen zum Publikum größte Vorsicht walten ließ. Er vermied es, in den Zeitungen zu stehen, und gab sein Gesicht tunlichst keinem Photographen preis: Die Jagd auf Eichmann wurde zur Jagd nach seinem Konterfei.

Nun hatte der Geheimchef Arthur den Jäger Tuvia schon darauf hingewiesen, daß man Eichmanns Liebesleben nachgehen müsse, um ein Photo von ihm zu bekommen. Arthur: "Er hatte ein Mädchen in jeder Stadt."

Nach der von Arthur vorbereiteten Liste setzte Friedman seine Geheimdienst-Gruppe auf Eichmanns Exfreundinnen an, bei denen er ein Bild vermutete.

Die mit Landser-Sentiment erzählten Episoden aus der Fahndung nach den Eichmann-Bräuten geben den an sich wertvollen Memoiren Friedmans etwas vom Air der deutschen Kriegsheft-Lyrik.

Zuvörderst sollte bei Eichmanns Gattin Vera, die damals in Bad Aussee bei Linz wohnte, nach Bildern gesucht werden, ein Auftrag, dessen sich ein Tuvia-Kollege - Deckname "Manos" geschickt, wenn auch erfolglos entledigte. Arthur zu Manos: "Geh' nach Bad Aussee! Sie ist eine Frau, und sie ist allein. Versuche, an sie heranzukommen."

Der Ko-Agent freilich war von der ehrenvollen Aufgabe nicht angetan. Jammerte Manos: "Ich soll der Liebhaber von diesem Weibsbild werden? Seid Ihr verrückt: Ich soll den gleichen Mund küssen, den Eichmann geküßt hat?"

Dieser Gedanke dünkte den Manos derart widernatürlich, daß er zur Bedingung machte, seine Freundin als Tröstung mitzunehmen. Tuvia wünschte frohe Ferien.

Manos kehrte, bei Frau Eichmann abgeblitzt, aus den Ferien zurück. Er rapportierte: "Ich sah Frau Eichmann jeden Tag. Ich sah auch die drei Eichmann-Bälger. Meine Freundin fragte Frau Eichmann sogar nach einem Job. Doch alles, alles war vergebens."

Der Mißerfolg konnte die Häscher nicht entmutigen, zumal Chef Arthur persönlich nach Preßburg geeilt war, um auch dort frühere Eichmann-Geliebte zu rekognoszieren. Arthur: "Ich habe mir ein Bild von Eichmanns Liebesleben gemacht."

Laut Friedman hatte der Judenmörder seine Mußestunden in Ungarn vor allem zwei Damen gewidmet, einer Ingrid von Ihne ("blond, sehr hübsch und sehr schlank") und einer Margit Kutschera ("Adresse im 1944er Telephonbuch von Wien").

Auf diese Frau Kutschera, die nach dem Krieg in München lebte, wurde wiederum Manos angesetzt, freilich mit dem gleichen Erfolg wie in Aussee. Friedman: "Die Dame war jetzt mit einem deutschen Grafen verheiratet und wünschte an Eichmann nicht erinnert zu werden." Manos brachte kein Bild: Schließlich jedoch hatte der kommandierte, aber mehrfach abgewiesene Liebhaber Glück: In einem Dorf bei Linz entdeckten die Eichmann-Jäger eine Frau Missenbach, die sich dem Werben des Manos aufgeschlossener zeigte. Erläutert Friedman: "Sie war um die vierzig. Manos war jung, eben 24 Jahre alt, und männlich aussehend. Er hatte ein entwaffnendes Lächeln, so daß er fast engelhaft-unschuldig wirkte."

Man verabredete sich zu einem Drink, Manos kam bald regelmäßig, und eines Tages durchblätterten sie selbander Frau Missenbachs Photo-Album.

Bei einem der Photos schöpfte Manos Verdacht. Frau Missenbachs Auskunft: Es handele sich um einen Freund, der gefallen sei. Der clevere Manos ließ das Bild von österreichischen Detektiven entwenden und reiste nach Wien zurück. Dort wurde der "gefallene Freund" als Eichmann identifiziert.

Friedman: "Wir waren dankbar, daß sich das Dunkel um Eichmann gelichtet hatte. Jetzt würden wir endlich das Gesicht unseres Opfers sehen."

Das Eichmann-Photo der Frau Missenbach wurde tausendfach vervielfältigt und auch jenen israelischen Agenten zugesteckt, die den Massenmörder schließlich in Argentinien aufspürten und nach Israel verfrachteten. Friedman: "Ich fand sein Gesicht scheußlich. Und anziehend."

* Tuvia Friedman: "The Hunter"; Anthony Gibbs & Phillips, London; 300 Seiten; 21 Shilling.

** Prisoner of War; zu deutsch: Kriegsgefangener.

Friedman

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