IG Farben Turbulente Hauptversammlung

Publié le par Der Spiegel - Doris Grass

Der Spiegelpublished 25/03/1999 by Doris Grass

Nur unter Polizeischutz konnte die Hauptversammlung am Donnerstag eröffnet werden. Trotz vieler kritischer Stimmen votierten die Aktionäre schließlich für die Gründung einer Stiftung zur Entschädigung von Opfern der IG Farben.

FIG Farbenindustrie AGrankfurt - Die neuen Liquidatoren der I.G. Farbenindustrie AG (in Abwicklung) haben am Donnerstag auf der erneut von Protesten begleiteten Hauptversammlung für ihren Vorschlag einer Stiftung zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter geworben. Nur unter starkem Polizeischutz konnte die Hauptversammlung im vierten Anlauf am Donnerstag in Frankfurt eröffnet werden.

Etwa 150 Demonstranten, darunter ehemalige Zwangsarbeiter und andere Holocaust-Opfer der IG Farben, versuchten immer wieder, die Versammlung zu stören und wurden teilweise von Sicherheitskräften aus dem Saal gebracht. Die Demonstranten forderten die sofortige Auflösung des Unternehmens und die Verwendung des gesamten Firmenvermögens zur schnellstmöglichen Entschädigung von Opfern.

Kritische Aktionäre forderten, den Liquidatoren und dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Zudem verlangten sie die Gründung einer Entschädigungsstiftung bis spätestens zum 1. Januar 2000. Auch der Zentralrat der Sinti und Roma forderte schnelle Zahlungen an ehemalige Sklavenarbeiter. Die IG Farben und die Degussa AG müßten sich außerdem an weiteren Entschädigungsfonds beteiligen. Der Zentralrat kündigte an, im kommenden Monat Klagen in den USA vorzubereiten.

Die Aktionäre stimmten jedoch zu über 90 Prozent im Sinne der Verwaltung und wiesen die Anträge der Opposition zurück. Liquidatoren und Aufsichtsrat wurden mit überwältigender Mehrheit der Aktienstimmen entlastet. Ferner stimmten die Aktionäre dem Vorschlag zu, den Liquidatoren den Auftrag zur Vorbereitung der Gründung einer Stiftung zur Entschädigung von Opfern der IG Farben zu erteilen.

Die beiden Liquidatoren, Volker Pollehn und Otto Bernhardt, bekräftigten vor den Aktionären ihren Willen, das Unternehmen beschleunigt zu liquidieren. Gleichzeitig kündigten sie jedoch an, sie wollten weiterhin alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um an das ehemalige Ostvermögen der IG Farben heranzukommen. Auch wollen sich die Liquidatoren trotz einer rechtskräftigen Entscheidung des Bundesgerichtshofs aus den 80er Jahren nicht damit abfinden, daß sie bisher keinen Zugriff auf das frühere Auslandsvermögen der IG Farben haben. Dieses Vermögen hatte die IG Farben auf die Firma Interhandel in Basel übertragen, die nach dem Krieg mit der Schweizerischen Bankgesellschaft (UBS) fusioniert wurde. "Wir sind überzeugt, daß hier nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist", sagte Pollehn. "Wir werden möglicherweise auch bald beweisen können, daß das außerordentlich große Auslandsvermögen von IG Farben zu Unrecht und in sehr unmoralischer Weise an Interhandel und später an UBS geflossen ist", fügte er hinzu.

Die Liquidatoren baten die Aktionäre, sie mit der Vorbereitung einer Stiftung zur Entschädigung derjenigen Menschen zu beauftragen, die in der Nazi-Zeit durch die IG Farben zu Schaden gekommen seien. Hierfür solle ein Großteil des Firmenvermögens verwendet werden. Die Liquidatoren bezifferten das Abwicklungskapital der IG Farben per Ende 1997 auf 27,76 Millionen Mark.

Die IG Farben in Abwicklung ist aus dem IG Farben-Konzern hervorgegangen, der 1945 von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg zerschlagen worden war. Während der Nazizeit war der Chemiekonzern eng mit dem Hitler-Regime verflochten. Er hatte unter anderem in der Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz eine große Chemiefabrik betrieben, in der auch das Giftgas Zyklon B hergestellt wurde. Wegen zahlreicher Einsprüche und Prozesse ehemaliger Aktionäre der IG Farben wurde die schon vor 50 Jahren beschlossene Auflösung der Gesellschaft bis heute nicht vollzogen. Aus dem IG Farben-Konzern sind die drei Chemieunternehmen Hoechst, Bayer und BASF hervorgegangen.

Publié dans Articles de Presse

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