Margarethe von Trotta im Gespräch: Hannah Arendt beim Denken zuschauen

Publié le par WDR - Sabine Tenta

publishedWDR 08/01/2013 at 00:00 Uhr by Sabine Tenta

Kann man das Denken auf die Kinoleinwand bringen? Margarethe von Trotta kann es! Dienstagabend (08.01.2013) war Premiere in Essen. Mit WDR.de sprach die Regisseurin über Kräuterzigaretten und eine Erfindung, die sich als Wahrheit entpuppte.

Regisseurin Margarethe von Trotta
WDR.de: Was faszinierte Sie an Hannah Arendt?

Margarethe von Trotta: Ich wurde eigentlich zu diesem Film getrieben. Es war nicht meine Idee, sondern die eines Freundes, er hat mir Hannah Arendt nahe gebracht. Ich habe mich zunächst gewehrt, weil ich gesagt habe: Ich kann doch keinen Film über eine Denkerin machen! Wie soll man das denn im Film darstellen können? Erst als meine Ko-Autorin Pam Katz und ich auf die Idee gekommen sind, nur die vier Eichmann-Jahre zu beschreiben, da hat es mir eingeleuchtet. Da hatten wir eine Film-Figur, einen Gegner, den man auch ansehen konnte und nicht nur ein Gedankengebäude. Das war ja auch so eine Art Duell zwischen Eichmann und ihr.

WDR.de: Dabei ist das Leben von Hannah Arendt doch so bewegt, dass sich auch die klassische Biografie angeboten hätte.

Hannah Arendt unbeirrbare Denkerinvon Trotta: Wir haben das auch zunächst mal als Gedanken versucht und auch als Treatment niedergeschrieben. Dann haben wir aber gemerkt, dass wir nur von einer Episode zur nächsten hätten springen und nichts wirklich vertiefen können. Wir hätten uns nur auf die Aktionen in ihrem Leben gestürzt. Also Flucht als Jüdin aus Nazi-Deutschland nach Paris, das Leben dort als Emigrantin, dann der Einmarsch der Deutschen, ihre Zeit im Internierungslager und die Flucht unter großer Gefahr nach Amerika - da wäre so viel Action drin gewesen, dass das Eigentliche, wofür Hannah Arendt steht, nämlich das Denken und Analysieren, gar nicht so viel Zeit gehabt hätte.

WDR.de: Abgesehen von dem Duell-Charakter zwischen Eichmann und Arendt, warum haben Sie sich für diesen Abschnitt ihres Lebens entschieden?

von Trotta: "Eichmann in Jerusalem" war ja ihr wichtigstes Buch. Es hat sie berühmt gemacht und ist heute durch den Begriff der "Banalität des Bösen" auch ihr bekanntestes Buch. Zudem wusste ich, dass wir die Originalaufnahmen vom Eichmann-Prozess nutzen können. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ein Schauspieler das macht. Da hätte man nur auf die Brillanz des Schauspielers geachtet und nicht auf die Mittelmäßigkeit dieses Verbrechers. Hannah Arendt hatte ja schon zuvor über den Totalitarismus geschrieben. Da vertrat sie aber die These vom radikal Bösen. Für mich ist die philosophische Klammer des Films auch, dass sie vom radikal Bösen zum radikal Guten kommt. Am Ende sagt sie ja: "Ich bin der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute."

WDR.de: Es war bestimmt auch eine Herausforderung, dieses alte Bildmaterial auf die große Kinoleinwand zu bringen. Ein Kniff ist ja, dass Hannah Arendt in Ihrem Film den Prozess auf einem kleinen Bildschirm im Presseraum verfolgt.

von Trotta: Diesen Presseraum hat es wirklich gegeben. Wir haben an dem Originalschauplatz gedreht, das war damals ein für den Prozess umfunktioniertes Theater. Ich habe es mir so zurechtgeredet: Hannah Arendt war eine wahnsinnige Raucherin, im Gerichtssaal durfte man nicht rauchen, also hat sie bestimmt im Presseraum gesessen. Das war eine Erfindung von mir. Als wir den Film dann in Israel auf einem Frauenfilmfestival zeigten, kam danach überraschenderweise ein Neffe von Hannah Arendt auf mich zu. Von diesem Neffen wusste ich gar nichts. Und er sagte mir, seine Tante habe noch viel mehr geraucht als im Film, deshalb habe sie immer im Presseraum gesessen. Ich habe also was erfunden, was es in Wirklichkeit gegeben hat.

Barbara Sukowa in ihrer Rolle als Hannah Arendt
WDR.de: Und es wurde wirklich noch mehr geraucht als im Film? Man macht sich angesichts des Dauergequalmes regelrecht Sorgen um die Gesundheit Ihrer Filmcrew.

von Trotta: Ja, das sieht man heute so, aber die haben damals ja alle geraucht, Zigaretten, Pfeife, Zigarren. Ich stelle mir immer vor, wie es da in den Wohnungen gestunken haben muss. Hannah Arendt ist ja auch mit der Zigarette in der Hand gestorben.

WDR.de: Wie waren denn die Dreharbeiten für Barbara Sukowa, die sich doch vor einigen Jahren das Rauchen abgewöhnt hat?

von Trotta: Die hat natürlich nur Kräuterzigaretten geraucht, aber sie hatte schon Angst, dass sie wieder süchtig wird. Das ist aber zum Glück nicht passiert.

WDR.de: Das war nun der sechste Film, den sie mit Barbara Sukowa gemacht haben. Wie wichtig war für Sie die Vertrautheit mit Ihrer Hauptdarstellerin?

von Trotta: Ich hätte den Film ohne sie nicht gemacht. Ich bin von vielen Seiten aufgefordert worden, mir eine andere Hauptdarstellerin zu suchen, weil kaum jemand an sie geglaubt hat. Und jetzt sind alle begeistert von ihr. Ich wusste einfach, dass sie viele Sachen so umsetzt, dass man ihr beim Denken wirklich zusehen kann. Das hätte ich von keiner anderen Schauspielerin in dieser Weise bekommen. Und es ist natürlich eine Vertrautheit zwischen uns, dass wir uns nur noch anschauen müssen und wir wissen Bescheid.

WDR.de: Auch in der deutschen Fassung, die nun in die Kinos kommt, sind einige Passagen auf Englisch. Bestimmt war es eine Herausforderung für Barbara Sukowa, die seit vielen Jahren in New York lebt, diesen harten deutschen Akzent von Hannah Arendt hinzukriegen.

von Trotta: Man kann sich das auf Youtube anhören, wie Arendt spricht. Übrigens nicht nur sie. Wenn Sie mal Thomas Mann gehört haben, wie der Englisch spricht, das zieht einem ja die Schuhe aus. Aber wir wollten nicht, dass es zur Karikatur wird, darum haben wir es abgemildert. Barbara Sukowa, die ein hervorragendes Amerikanisch spricht, hat drei Monate, bevor die Dreharbeiten losgingen, angefangen, mit diesem Akzent zu sprechen. Und zwar bei allen, also ihrer Familie, ihren Freunden, die sind fast wahnsinnig geworden. Aber sie hat das durchgehalten.

WDR.de: Es wurde höchste Zeit einen Film über Hannah Arendt zu machen. Nicht zuletzt, weil Sie so noch wichtige Zeitzeuginnen sprechen konnten. Arendts enge Freundin Lotte Köhler, im Film dargestellt von Julia Jentsch, ist im März 2011 im Alter von 92 Jahren gestorben. Welche Impulse haben Sie durch die Gespräche mit Lotte Köhler erhalten?

von Trotta: Sie hat mir die private Hannah geschildert. Ich hatte zwar auch viele Briefe von Arendt gelesen, die ja auch private Seiten zeigen, aber die Gespräche mit Lotte Köhler waren sehr wichtig. Sie hat mir auch einfach Tratsch erzählt, halt aus dem Nähkästchen geplaudert. Das ist vielleicht für Historiker uninteressant, aber ich brauchte das als Filmemacherin.

WDR.de: Ihr Film macht im besten Sinne den Kinosaal zum Hörsaal. Am Ende macht er bei den Zuschauern vor allen Dingen eins: Lust, sich mit Hannah Arendt auseinanderzusetzen. Welches Buch von ihr empfehlen Sie besonders?

von Trotta: "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" ist in der Tat ein guter Einstieg, weil dieses Buch am einfachsten zu lesen ist. Da erfahren wir auch viel über uns selber und unsere Geschichte.

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