Tschechoslowakei

Publié le par Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Tschechoslowakei

Bereits nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 und dem Verbot der österreichischen Sozialdemokratie waren österreichische Sozialdemokraten und Kommunisten, darunter auch jüdische Funktionäre, über die Grenze in die demokratische Tschechoslowakei geflüchtet. Weitere Flüchtlinge, vor allem Jüdinnen und Juden, folgten nach dem »Anschluss« 1938.

Tschechoslowakei

Entsprechend dem am 29. September 1938 in München geschlossenen Vertrag zwischen dem »Deutschen Reich«, Großbritannien, Frankreich und Italien, dem »Münchner Abkommen«, wurde in den ersten Oktobertagen 1938 das Sudetenland an das »Deutsche Reich« angeschlossen. Diese Gebietsveränderungen lösten eine Fluchtbewegung von 200.000 Menschen, darunter viele Jüdinnen und Juden, aus dem entstandenen »Reichsgau Sudetenland« in die Rest-Tschechoslowakei aus. Die 1938 begonnene Zerschlagung der Tschechoslowakischen Republik endete am 14./15. März 1939 mit der vollständigen Auflösung des Staates nach dessen Besetzung durch die Deutsche Wehrmacht.

Böhmen und Mähren wurden zum »Reichsprotektorat« und die Slowakei zum formal unabhängigen Staat.

«Protektorat Böhmen und Mähren«

1939 stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung allein in Prag von 45.000 auf etwa 56.000 Personen. Die Tschechoslowakei galt als eine der wichtigsten Zufluchtsstätten für die verfolgten Juden aus Österreich. Beim Einmarsch der deutschen Truppen im März 1939 lebten ca. 118.000 Jüdinnen und Juden in Böhmen und Mähren, von denen nun viele, vor allem über illegale Wege, nach Polen zu flüchten versuchten. Die in Prag nach Wiener Vorbild errichtete Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Böhmen und Mähren diente dazu, die Vertreibung der in- und ausländischen Jüdinnen und Juden durch Druck und Demütigungen zu beschleunigen und die vollständige Beraubung der Flüchtenden effizient durchzuführen. Bis Oktober 1941 gelang es ca. 26.650 Jüdinnen und Juden, darunter auch vielen Österreichern, das Land zu verlassen.

Wie von Wien wurden auch aus Moravska Ostrava/Mährisch Ostrau junge arbeitsfähige Juden, darunter auch einige Österreicher, im Oktober 1939 nach Nisko am San deportiert. Zwischen Oktober und November 1941 fuhren fünf Deportationszüge mit je 1.000 Menschen von Prag nach Lodz/Litzmannstadt, und ein weiterer Transport brachte 1.000 Personen von Brünn nach Minsk, unter ihnen auch ca. 200 österreichische Jüdinnen und Juden. Am 10. Juni 1942 wurden 1.000 Jüdinnen und Juden aus Prag nach Majdanek deportiert.

Alle anderen Jüdinnen und Juden führte der Leidensweg in 122 Transporten zuerst nach Theresienstadt. Insgesamt wurden vom November 1941 bis März 1945 von Prag, Brünn, Pilsen, Mährisch Ostrau, Ungarisch Brod und Königgrätz ca. 74.000 Menschen in das Ghetto Theresienstadt eingewiesen. Die Mehrzahl, ca. 60.400, kam in den Vernichtungslagern des »Generalgouvernements« oder des »Reichskommissariats Ostland« ums Leben, unter ihnen befanden sich auch zahlreiche österreichische Opfer.

Schätzungsweise 78.200 der 92.200 Jüdinnen und Juden, die vor Beginn der Mas-sendeportationen im »Protektorat Böhmen und Mähren« lebten, fanden den Tod. Von den ca. 1.500 aus dem »Protektorat« deportierten österreichischen Jüdinnen und Juden erlebten ungefähr 340 die Befreiung.

Slowakei

Am 6. Oktober 1938 wurde die Slowakei zur autonomen Region in der Tschechoslowakei und ab 14. März 1939 zum formal unabhängigen Staat, allerdings mit totalitärem Regime und unter Verlust des südlichen Grenzgebietes, das an Ungarn fiel. Die Slowakei galt als »Musterstaat« des von Deutschland beherrschten Europa. Obwohl sie vom nationalsozialistischen Deutschland abhängig war, behielt die Slowakei bis zur deutschen militärischen Besetzung im Sommer 1944, besonders in ihrer antijüdischen Politik, weitgehende Autonomie. Über die Zahl der nach dem »Anschluss« in die Slowakei gekommenen jüdischen Flüchtlinge aus Österreich gibt es nur sehr ungenaue Informationen. Als vorsichtige Schätzung können ca. 1.500 Menschen angenommen werden.

Nach dem März 1939 begann die slowakische Regierung, gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. Ab 1941 ließ das von der Slowakischen Volkspartei getragene totalitäre Regime in Bratislava, Nitra, Topolcany und Zilina Ghettos bzw. Sammellager für Juden errichten. In den in Novaky, Sered und Vyhne gegründeten Zwangsarbeitslagern waren ständig ca. 4.000 Arbeitshäftlinge. Manchen Insassen gelang es nach dem Ausbruch des slowakischen Aufstandes im August 1944, zu den Partisanen zu flüchten, andere wurden nach kurzem Aufenthalt in die Vernichtungslager in das »Generalgouvernement« gebracht. Das Lager Sered bestand bis März 1945 und war Durchgangslager für ca. 13.000 Häftlinge.

Die Deportationen fanden in zwei relativ kurzen, jedoch folgenschweren Wellen in den Jahren 1942 und 1944 statt. Aus den erhaltenen Akten der slowakischen Eisenbahnverwaltung geht hervor, dass 1942 19 Transporte nach Auschwitz und 38 nach Lublin abgingen. Als unmittelbare Folge der deutschen Besetzung in Sommer 1944 kam es zur Wiederaufnahme der Massendeportationen. Elf Transporte mit den Zielen Auschwitz, Sachsenhausen und Theresienstadt wurden ab-gefertigt.

Unter den ca. 65.000 aus der Slowakei deportierten Jüdinnen und Juden befanden sich auch mindestens 1.300 ÖsterreicherInnen.

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