Wer zahlt? kriegsverbrechen

Publié le par Der Spiegel

Ohne zu feilschen, bewilligten Jerusalems Lokalbanken der Gemeinde kürzlich eine Anleihe in Höhe von 400 000 Mark (14 Jahre Laufzeit, mit 5,5 Prozent verzinslich), um die ordentliche Abwicklung jener Strafsache zu ermöglichen, die Israels Premier Ben-Gurion bündig als "ersten Akt historischer Gerechtigkeit in der Geschichte der Menschheit" beschrieben hatte: den Prozeß gegen Adolf Eichmann, einstmals SS-Obersturmbannführer und leitenden Mitarbeiter an Adolf Hitlers "Endlösung" der Judenfrage.

Robert Servatius une Adolf Eichmann
Robert Servatius une Adolf Eichmann

Robert Servatius une Adolf Eichmann

Mit Hilfe dieser Anleihe will die Stadt Jerusalem das sogenannte Volkshaus im Stadtzentrum sachgerecht umbauen, worunter die Israelis nicht nur die Installation von Anlagen zur Simultan-Übertragung der Hauptverhandlung in Englisch, Französisch und Deutsch verstehen, sondern auch die Montage eines kugelsicheren Glaskäfigs im Gerichtssaal, der zur Aufbewahrung des Staatsgefangenen Wichmann dienen soll.

Für nicht weniger als 600 Auslandskorrespondenten hat die israelische Justizbehörde bereits Sitzplätze und die israelische Post Direktkabel nach Übersee zugesichert.

So öffentlich freilich, wie das Kabinett Ben-Gurion die Schandtaten des Adolf Eichmann erörtert wissen will, so geheim wird am Jordan nach wie vor alles behandelt, was mit der Prozeßvorbereitung zusammenhängt: Selbst der Kölner Robert Servatius, der in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober nach Israel geflogen kam, um sich als Verteidiger des angeschuldigten Ex-Obersturmbannführers zu präsentieren, wurde noch auf dem Flugplatz von einer Leibwache in Empfang genommen und sofort in eine für ihn bereitgehaltene Wohnung übergeführt, deren Anschrift nicht weniger sorgsam verschwiegen wurde als seinerzeit die Lage des Gefängnisses, in dem Adolf Eichmann einsaß.

Während aber die israelischen Behörden zur Begründung solch extremer Fürsorge öffentlich darauf hinwiesen, daß sich der stämmige Anwalt als designierter Verteidiger des millionenfachen Mörders Eichmann den Haß vieler Bürger zugezogen habe und daher beschützt werden müsse, taten sie selbst schon seit Monaten alles, um dem bundesrepublikanischen Besucher, persönlich wie rechtlich, die Wege zu ebnen:

- Der israelische Justizminister, Pinhas Rosen beantwortete im August eine erste Anfrage aus Köln sofort dahin,

daß zur Zeit zwar noch kein ausländischer Anwalt vor israelischen Gerichten auftreten dürfe, daß aber die Knesseth (das Parlament) sofort nach der Sommerpause ein Ausnahme-Gesetz für Dr. Servatius verabschieden werde.

- Der israelische Generalstaatsanwalt, Gideon Hausner, schrieb nach Köln, es bestanden grundsätzlich keine Bedenken gegen eine, allerdings kontrollierte, Unterredung mit dem bis dahin von der Umwelt hermetisch abgeschlossenen Gefangenen.

- Schon am Tage nach des Kölners geheimnisvoller Ankunft in Tel Aviv, am 5. Oktober, besprach sich Generalstaatsanwalt Hausner gründlich mit seinem präsumtiven Gegenspieler in dem kommenden Prozeß.

Das vertrauensvolle Entgegenkommen der israelischen Behörden litt auch keineswegs, als der behütete Besucher Servatius im Anschluß an die Begegnung mit Hausner einigen Presseleuten in Jerusalem verkündete, er werde, später natürlich, dem Staat Israel das Recht bestreiten, über Eichmann wegen Verbrechen zu Gericht zu sitzen, die jener außerhalb Israels gegen Nicht-Israelis begangen habe.

Ostentativ freundlich hörten die als Leibwache deklarierten Sicherheitsbeamten dem Servatius-Geplauder zu: Er, Servatius, werde als Verteidiger vortragen, daß Adolf Eichmann nur die Befehle seiner Vorgesetzten ausgeführt und die damals in Deutschland geltenden Gesetze angewendet habe.

Ferner: Die gesamten Kosten der Verteidigung - nach vorläufigen Schätzungen mindestens 100 000 Mark - trüge Eichmanns Familie, die ihn, Servatius, beauftragt habe.

Zumindest diese letzte Bekundung nun - daß nämlich die Eichmann-Familie die Kosten der Verteidigung tragen werde - erschien, wenn schon nicht den israelischen Zuhörern sofort, so doch zwei Tage später den deutschen Lesern nur schwer mit der Wirklichkeit zu vereinbaren: Die in Österreich lebenden Brüder des Adolf Eichmann sind nämlich mit irdischen Gütern keineswegs gesegnet.

Dazu der Jüngste der Familie, Robert, Inhaber einer bescheidenen Anwalts-Kanzlei in der Bischofsgasse zu Linz und VW-Fahrer: "Wir Geschwister verzichteten schon auf den Nachlaß unseres

im Frühjahr verstorbenen Vaters - etwa 20 000 Schilling (nicht ganz 3300 Mark) -, um unserem Bruder zu helfen."

Immerhin will der Linzer seinem Kölner Kollegen als Unkosten-Vorschuß 4000 Mark überwiesen haben. Robert Eichmann: "Über die Rentenbank finanziert." Auf die Frage, ob er noch weitere Geldmittel aufbringen könne, antwortet er aber schlicht mit "Nein", und auf die andere Frage, ob dem Dr. Servatius die finanzielle Schwäche der Familie Eichmann bekannt sei, mit: "Muß ihm ja wohl."

Nun wäre allerdings denkbar, daß der rheinische Strafverteidiger von einem Vertrag gehört hat, den die nach dem Verschwinden ihres Mannes aus Buenos Aires mit unbekanntem Ziel verzogene Ehefrau Eichmann mit der Redaktion des amerikanischen Magazins "Life" abschloß: Vera Eichmann habe, so wurde und wird in den bundesdeutschen Redaktionen kolportiert, die im Exil verfaßte Lebensbeichte ihres Mannes für 150 000 Mark exklusiv an den New Yorker Verlag verkauft.

Tatsächlich haben auch unter dem 5. Juni 1960 der Senior-Editor von "Life", Ralph Graves, sowie Vera Eichmann, geborene Liebl, ein Dokument unterschrieben, das die Besitzübertragung regelt von "ungefähr 150 handgeschriebenen Seiten sowie ferner 600 maschinengeschriebenen Seiten mit handgeschriebenen Korrekturen und Zufügungen, die im großen und ganzen seine (Eichmanns) Erinnerungen enthalten".

In Passus zwei des "Life"-Abkommens heißt es dann: "Sie (Vera Eichmann) werden mit keinen Vertretern irgendeiner Publikationsform, außer Büchern, Fernsehen, Film und Theater, in Bezug auf die Geschichte Ihres Mannes oder das Material verhandeln, um die Ausschließlichkeit der 'Life' gewährten Rechte zu sichern, und werden auch Ihrem Presseberater oder irgendeinem Mitglied Ihrer Familie nicht gestatten, in derartige Verhandlungen einzutreten."

Und der Passus acht spricht zwar nicht von 150 000 Mark, besagt jedoch: "Als Gegenleistung hierfür werden wir folgende Zahlungen leisten: US-Dollar 5000 zu dem Zeitpunkt, an welchem Sie Ihr Einverständnis mit diesem Abkommen erklären, weitere US-Dollar 5000, sobald das Manuskript eines oder mehrerer Artikel, basierend auf dem Material Ihres Mannes, fertiggestellt ist und von Ihrem Berater sein Einverständnis erteilt ist, und weitere US-Dollar 5000 zu dem Zeitpunkt, an welchem der erste Artikel erscheint."

Indes, die 10 000 US-Dollar, die Frau Eichmann bisher bestenfalls aus diesem Vertrag bekommen hat, dienen ausschließlich dem Unterhalt der in Argentinien mittellos zurückgebliebenen Familie des Endlösers und stehen in keinem Falle für die Bestreitung der Verteidigungskosten Eichmanns zur Verfügung.

Tatsächlich sind es denn auch nicht die verhältnismäßig bescheidenen Dollar-Beträge der Vera Eichmann, mit denen ein besonderes Interesse an fachkundiger und behutsamer Verteidigung des Hitler-Schergen Eichmann erklärt werden kann: Zwar hatte sich "Life"

verpflichtet, in seinen Verö ffentlichungen die Namen aller von Eichmann erwähnten und gerichtlich noch nicht zur Verantwortung gezogenen Personen wegzulassen, die gleiche Diskretion konnte jedoch von dem offenbar gedächtnisstarken und um seinen Kopf kämpfenden Angeklagten in Jerusalem nicht erwartet werden.

Schockierende Konsequenz: Etliche Akteure des jüdischen Dramas, deutsche und auch jüdische, deren Rolle bisher gar nicht oder aber falsch gesehen wurde, mußten plötzlich mit Enthüllungen durch einen Mann rechnen, an dessen Kompetenz nicht gerüttelt werden konnte.

Seite um Seite karierten Notizpapiers hatte der um seine Rechtfertigung bemühte Emigrant Eichmann, alias Ricardo Clement, im baufälligen Eigenheim Cacabuco 4261 zu Buenos Aires abends, wenn die Kinder schliefen, vollgekritzelt: "Wie lange mir das Schicksal noch zu leben Zeit gibt, weiß ich nicht; ich weiß aber, daß jemand es sein muß, der der noch lebenden Generation und den kommenden Geschlechtern über dieses Geschehen Aufschluß zu geben hat, dergestalt, daß es heutigen und künftigen Geschichtsschreibern möglich ist, sich ein abgerundetes und wahrheitsgemäßes Bild über diese Materie zu machen."

Im gleichen österreichisch-schwülstigen Amtsdeutsch machte sich der offenkundig mit der Wahrheit kämpfende Autor dann daran, chronologisch die Maßnahmen des Deutschen Reiches gegen die Juden abzuschildern - erst die forcierte Auswanderung, dann die Deportation in den Osten und schließlich die organisierte Vernichtung, wobei er größten Wert darauf legte, sich selbst als Offizier unter Fahneneid erscheinen zu lassen, der Befehle ausführte.

Ausführlich beschrieb Adolf Eichmann die Einführung der im Berliner Reichsinnenministerium konzipierten und kommentierten nationalsozialistischen Rassengesetzgebung in Österreich 1938 sowie den bis heute nicht weniger umstrittenen Verlauf der Verhandlungen zwischen SS-Führern und Juden-Führern über die Freilassung ungarischer Juden gegen Kriegsmaterial im Jahre 1944.

Von diesen brisanten Stilübungen, die durchaus nicht nur konkurrierende Magazine aufscheuchen mußten, hatte der Anwalt Dr. Robert Eichmann, der die Memoiren seines Bruders bis zum heutigen Tage nicht gesehen hat, allenfalls eine ganz vage Vorstellung, als er im Juni mit seinen Brüdern Otto, Karl und Heinz zu Linz über den Zeitungsmeldungen brütete, die von der Auffindung des SS-Mörders in Argentinien und seiner Entführung nach Israel berichteten.

Es waren denn auch geschwisterliche Gefühle, gepaart mit schierer Ahnungslosigkeit, die das Quartett in der Linzer Bischofsgasse schließlich bewogen, einen Anwalt mit der Verteidigung des verschleppten Bruders zu beauftragen - ohne daß sie wußten, wie dieser Anwalt bezahlt werden sollte.

Berichtet Robert Eichmann nachträglich: "Ich habe eigentlich an den Dr. Seidl aus München gedacht."

Was dann weiter geschah beschreibt der Linzer so: "Wir berieten noch, als ich aus Köln angerufen wurde und ein Mann namens Servatius sich meldete, sich als Strafverteidiger vorstellte, der schon in den Nürnberger Prozessen mitgewirkt habe, und sein Interesse an der Verteidigung meines Bruders kundtat."

Eichmann weiter: "Wir wechselten Briefe, und der Kölner Kollege bestätigte seine Bereitschaft, die Verteidigung zu übernehmen.

Freilich befielen den Eichmann-Bruder, der den Kölner Kollegen nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte, bald quälende Zweifel, ob er mit seiner Wahl tatsächlich den Interessen seines Bruders diene.

Einerseits beeindruckte ihn das selbstsichere Auftreten des Hilfswilligen vom Rhein - "Im Kriege war ich Artillerie-Kommandeur an der Front". Auf der anderen Seite flüsterten ihm geheimnisvolle Besucher ein, der Dr. Servatius habe weniger die Funktion, den Adolf Eichmann zu verteidigen, als dafür zu sorgen, daß die Schutzbehauptungen des Endlösers keine übergeordneten Interessen verletzten.

Solche Mutmaßungen mußten den Advokaten aus der Bischofsgasse, der sich bis dahin vornehmlich mit Räumungsklagen und ähnlichen Sachen befaßt hatte, um so mehr verwirren, als er zusammen mit seinen Brüdern zu der Ansicht gelangt war, nur absolute Offenheit könne dem Bruder Adolf noch nützen: "Adolf war ja so gutgläubig, der typische Subaltern-Beamte, den andere als ihr Werkzeug benutzten."

Die Gewährsleute deuteten dem Dr. Robert Eichmann drei Personenkreise an, die möglicherweise Wert darauf legten, daß sein Bruder sich nicht zu weitschweifig rechtfertigt:

- Beamte, die schon in Hitlers Ministerien dienten;

- Industrielle, die zur Verwertung des jüdischen Vermögens mit den SSDienststellen zusammenarbeiteten; - Kollaborations-Politiker in den einstmals von der deutschen Wehrmacht besetzten und heute wiederum - durch die Nato - mit der Bundesrepublik Deutschland verbündeter Staaten.

Während der oberösterreichische Rechtsanwalt noch über diese zwar plausiblen, jedoch nicht substantiierten Hinweise meditierte, lief ihn der Dr. Servatius ebenso kühl wie bestimmt wissen, daß er mit der "Zentralen Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amts" in Bonn Verbindung aufgenommen habe und von dort sachdienlich unterstützt werde. Zudem, so schrieb Servatius, habe er alle Aussicht, von den Israelis als Verteidiger akzeptiert zu werden.

Robert Eichmann: "Was hätte ich nun tun sollen? Als er mir sagte, daß meine Anwesenheit bei seinen Verhandlungen mit der 'Zentralen Rechtsschutzstelle' nicht notwendig sei, war ich froh, weil mir Reisekosten erspart blieben."

Das Vertrauen des Bischofsgassen - Anwalts Eichmann in den offenbar großzügigen Anwalt Servatius wuchs während der folgenden

Wochen, als ihn jener nicht nur vor kostspieligen Bonn-Reisen bewahrte, sondern ihn nun auch kaum mehr mit Spesen- und Honorar-Forderungen inkommodierte.

Robert Eichmann, nachdem Robert Servatius in der vorvergangenen Woche seine Erkundungsreise in den Mittleren Osten angetreten hatte: "Wir hätten keinen Besseren finden können."

Endlöser Adolf Eichmann

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Bruder Robert Eichmann

... für den Mord-Bruder

Eichmann-Verteidiger Servatius: Rechtsschutz aus Bonn

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