Trauerfeier für Loki Schmidt: "Wir nehmen Abschied von einer großen Frau"

Publié le par Der Spiegel von Maria Marquart

Trauerfeier für Loki Schmidt: "Wir nehmen Abschied von einer großen Frau"

Als Naturschützerin ging sie ihren eigenen Weg, als Ehefrau stand sie Helmut Schmidt 68 Jahre lang zur Seite: Hamburg hat Abschied von Loki Schmidt genommen. Die Freunde des Paares wollen dem Altkanzler helfen, "damit aus abendlichem Alleinsein nicht Einsamkeit wird".

Die Kanzlergattin und engagierte Naturschützerin wurde nach ihrem Tod als Vorbild, als Frau mit "mütterlicher Herzlichkeit", "trockenem Humor" und "sicherem Urteil" gewürdigtDie Kanzlergattin und engagierte Naturschützerin wurde nach ihrem Tod als Vorbild, als Frau mit "mütterlicher Herzlichkeit", "trockenem Humor" und "sicherem Urteil" gewürdigt

Die Kanzlergattin und engagierte Naturschützerin wurde nach ihrem Tod als Vorbild, als Frau mit "mütterlicher Herzlichkeit", "trockenem Humor" und "sicherem Urteil" gewürdigt

Hamburg - Als um zwölf Uhr die ersten Takte der h-Moll-Suite von Johann Sebastian Bach im Hamburger Michel erklingen, öffnet sich am Seiteneingang ein weißer Vorhang. Helmut Schmidt wird im Rollstuhl in die Kirche geschoben, fest umklammert er seinen Gehstock. Vorbei am Kranz des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin folgt ihm seine Tochter Susanne mit ihrem Mann zum Altar. In unmittelbarer Nähe vor dem aufgebahrten Sarg seiner Frau Loki nimmt Helmut Schmidt Platz. Zusammengesunken sitzt der Altbundeskanzler da, er kann die Tränen nicht zurückhalten und wischt sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Tochter streichelt ihm sanft über den Rücken.

Die weißen Lilien, die den hellbraunen Sarg schmücken, verströmen ihren Duft in der ganzen Kirche. An dem Blumenkranz von Helmut Schmidt, seiner Tochter Susanne und deren Mann Brian hängt eine Schleife: "Wir sind unendlich traurig."

Hamburg nimmt am Montag Abschied von seiner Ehrenbürgerin Loki Schmidt. Und die Stadt und das Land nehmen Anteil an der Trauer von Helmut Schmidt. Mehr als 2000 Gäste sind zur Trauerfeier in die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis gekommen. Kanzlerin Angela Merkel, die Altbundespräsidenten Horst Köhler und Richard von Weizsäcker, Altkanzler Gerhard Schröder und Schmidts politische Weggefährten wie Hans-Dietrich Genscher und Hans-Jochen Vogel. Auch der Schriftsteller Siegfried Lenz, ein enger Freund des Ehepaars Schmidt, ist unter den Trauernden. Der 84-Jährige sitzt im Rollstuhl, immer wieder drückt er fest die Hand seiner Frau.

"Das war ein Mensch wie Du und ich"

Doch nicht nur die Prominenz nimmt Abschied. Etwa die Hälfte der Trauergäste sind Bürger, die "ihrer" Loki "Tschüss" sagen wollen. Edith Holländer ist mit ihrem Gehwagen in die Kirche gekommen. Sie kannte Loki Schmidt aus Studienzeiten, später unterrichtete diese als Lehrerin Holländers Sohn. Sie sei gekommen, weil Loki Schmidt "ein außerordentlich netter Mensch" gewesen sei, sagt die alte Dame. Jürgen Kempf hat sich schon zwei Stunden vor Beginn der Feier angestellt und sitzt in einer der hinteren Bänke im Michel. "Das war ein Mensch wie Du und ich", sagt der Hamburger über Loki Schmidt. "Ihr muss man die letzte Ehre erweisen."

91 Jahre war Loki Schmidt alt, als sie in der Nacht auf den 21. Oktober starb. "Doch auch wenn ein so langes und erfülltes Leben endet, kommt der Tod für uns zu früh", sagt Bischof Eduard Lohse. 

Loki Schmidt aber hatte sich vorbereitet, sich mit dem Sterben auseinandergesetzt. Auf ihren Wunsch hin spielte ein Orchester bei der Trauerfeier ein Werk von Bach. Und sie selbst habe ihn als Trauerredner verpflichtet, berichtet der frühere Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau in seiner Ansprache. "Angst vor dem Tod hatte sie nicht." Schon 2006 habe seine Freundin Loki über einen Redner bei ihrer Trauerfeier nachgedacht und ihn gefragt: "Kann man bei dir noch eine Bestellung aufgeben?"

Friedlich sei sie eingeschlafen, sagt Voscherau. "Erlöst muss man sagen. Denn in letzter Zeit war es eine Zeit des Leidens."

"Loki war der ruhende Pol der Familie"

Voscherau lässt nicht nur Loki Schmidts Leben Revue passieren. In kleinen Anekdoten wird ihr gewitzter Humor lebendig. Geradeheraus sei Loki gewesen, sagt Voscherau. Dann dreht er sich zu dem großen Schwarz-Weiß-Porträt um, von dem sie lacht. "Und immer auch ein bisschen keck, wenn sie wollte."

Als Kind einer armen Arbeiterfamilie wurde Loki Schmidt im Hamburger Viertel Hammerbrook geboren. Eigentlich heißt sie Hannelore, doch bereits in ihrer Kindheit nannte sie sich selbst nur Loki. Ihr Studium finanzierte sie zum Großteil selbst. Mehr als 30 Jahre war sie Lehrerin, dann unterstützte sie ihren Mann bei seiner Polit-Karriere in Bonn. "Loki war der ruhende Pol der Familie, die Kraft, die zusammenhält", sagt Voscherau. Und sie widmete sich dem Naturschutz. "Loki Schmidt war ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus", lobt sie Voscherau. Anfangs sei sie für ihr grünes Engagement noch belächelt worden, doch dann sei sie zum "Gewissen des Natur- und Pflanzenschutzes" geworden. "Wir nehmen Abschied von einer großen Frau."

"Sie hatte Witz und Herz"

Als eigenständige Persönlichkeit und engagierte Naturschützerin würdigen Weggefährten Loki Schmidt. Einige Reaktionen auf ihren Tod.

Als er über die Liebe zwischen Loki und Helmut Schmidt spricht, versagt Voscherau die Stimme. Es war ein "ganz besonderes Paar, eine Einheit", sagt er. "Das altehrwürdige Ehepaar Schmidt ist nun auseinandergerissen." Stets habe Loki als "Ehefrau und Kameradin" ihren Mann, den Pflichtmenschen, verteidigt. Sie habe Wunden geheilt und Risse gekittet, die in der politischen Auseinandersetzung entstanden seien.

Schon als Kinder hatten sich Loki und Helmut kennengelernt und waren seit 82 Jahren eng verbunden. 1942 heirateten die Schmidts. "Ihr habt einander versprochen Halt zu sein", sagt Voscherau und blickt den Witwer an. "Lieber Helmut, das habt ihr wahrhaftig eingelöst."

Appell an den unnahbaren Witwer

Die Schmidts waren ein legendäres Paar in der Hansestadt. Noch bis vor einigen Monaten erschienen sie stets gemeinsam zu gesellschaftlichen Anlässen. Ob in Talkshows oder im Theater - als leidenschaftliche Raucher hatten die beiden die Zigarette beinahe stets zwischen den Fingern.

Voscherau spricht aus, was viele bei der Trauerfeier denken: Es sei "nicht so recht vorstellbar für uns", dass Helmut Schmidt nun alleine zurückbleibe. "Nun werden wir erkunden müssen, wie wir Freunde Dir über den Verlust hinweghelfen können", sagt Voscherau an den Altkanzler gewandt. "Dabei musst Du uns helfen, damit aus abendlichem Alleinsein nicht Einsamkeit wird." Denn den verletzlichen Kern unter Schmidts Schutzhülle habe eigentlich nur Loki gut gekannt.

Dieser verletzliche Kern des sonst so beherrschten und unnahbar wirkenden Politikers wird bei der Trauerfeier sichtbar. Als diese zu Ende geht und sich die Sargträger auf den Weg machen, schüttelt es Schmidt für ein paar Sekunden vor Weinen. Seine Tochter streichelt ihm zärtlich über den Kopf.

Zusammengesunken im Rollstuhl, aber gefasst, folgt der Altkanzler dem Sarg seiner Loki dann zum Ausgang. Mit gesenktem Blick lässt er sich von seinem Schwiegersohn an den Ehrengästen vorbeischieben. Die Beisetzung will die Familie im engsten Kreis abhalten.

Trauerredner Voscherau gibt seiner Freundin Loki, der Naturschützerin, noch ein Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke mit auf den letzten Weg. "Die Blätter fallen, fallen wie von weit", heißt es da. "Falle sanft, Loki", sagt Voscherau. "Wir werden Dich nicht vergessen."

 

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