Zeitgeshichte - Görings Liste

Publié le par Der Spiegel Gerhard Spörl

Ausgerechnet Hermann Görings kleiner Bruder Albert rettete Juden vor den Nazis. Doch seine Geschichte ist vergessen. Warum nur?

 

Albert Goering

Albert Goering

Irena Steinfeldt erschrickt ein bisschen, schaut auf die Uhr, nein, sie ist nicht zu spät ins Café Paradiso mitten in Jerusalem gekommen, alles gut. Sie setzt sich, schüttelt die Mähne, schaut konzentriert durch die Brille.

Sie will gleich etwas richtigstellen, das ist ihr wichtig. Es sei ihr, sagt sie, wirklich egal, welchen Namen jemand trug oder welchen Dienstgrad er damals innehatte, wenn er nur einen oder mehrere Juden gerettet habe, wenn er sich als guter Mensch in böser Zeit erwiesen habe. Die reinen Helden, die zeitlebens immer nur gut sind, gebe es ja nun höchst selten und schon gar nicht in den Zeiten des Holocaust.

Irena Steinfeldt hat reichlich Erfahrung mit dem Allzumenschlichen. Auf ihrem Schreibtisch landen Briefe, Dokumente und Akten, die vom richtigen Handeln in falscher Zeit erzählen. Von den Inseln des Guten im Ozean des Bösen. Sie fällt Urteile darüber, wer ein Held ist. Sie entscheidet mit darüber, wer den höchsten Ehrentitel erhält, den der Staat Israel vergibt. Wer ihn bekommt, zu Lebzeiten oder nach seinem Tod, der zählt zu den "Gerechten unter den Völkern".

Irena Steinfeldt leitet in der Gedenkstätte Jad Vaschem die Abteilung, bei der die Anträge auf Aufnahme in diesen Zirkel der Edlen eingehen. Sie prüft, recherchiert nach, fordert schon mal zur Nachbesserung auf, und erst wenn alles wasserdicht zu sein scheint, leitet sie das Konvolut weiter. Die Entscheidung, ob ein Kandidat es wirklich verdient, unter die Gerechten aufgenommen zu werden, trifft eine Kommission aus zehn Personen, allesamt Überlebende des Holocaust.

Es gibt nicht furchtbar viele Gerechte. Seit 1953 wird der Ehrentitel vergeben, seither ist er 24 356 Menschen aus 47 Ländern zuteilgeworden. Darunter finden sich 510 Deutsche, zum Beispiel die Seelsorgehelferin Cläre Barwitzky, die 1943 bei Chamonix 30 Kinder vor der Deportation rettete, oder Willi Ahrem, der Kommandant eines Zwangsarbeitslagers, der Juden warnte und versteckte, als die SS anrückte, sie zu ermorden.

Seit einiger Zeit beschäftigt Irena Steinfeldt ein Fall, der sich ziemlich kompliziert darstellt, weil er ziemlich spektakulär ist. Dabei handelt es sich um einen auch in Deutschland unbesungenen Helden, der Menschlichkeit in der Barbarei bewies.

Die Akte auf Irena Steinfeldts Schreibtisch wirkt ausgesprochen solide. Darin finden sich Berichte der Gestapo, Verhöre der US-Armee nach Kriegsende, ein Gerichtsurteil aus Prag aus dem Jahr 1947, dazu Erklärungen von Geretteten, wie ihnen geholfen wurde. Gute Voraussetzungen dafür, dass diesem unbesungenen Helden Gerechtigkeit widerfährt, in Deutschland wie in Israel. Oder?

Von diesem Mann gibt es Fotos, auf denen er wie eine Kaffeehaus-Existenz der Weimarer Republik aussieht: Menjoubärtchen, Zigarettenspitze, melancholisch umflorter Blick, eine gewisse Eleganz. Er spielte vorzüglich Klavier, kam gut bei Frauen an und war nicht unbedingt einer der Treuesten auf Gottes Erdboden. Ein Snob. Ein Schwerenöter. Bürgerlicher Habitus, von Beruf Ingenieur. Und doch ein guter Mensch, ein Mensch mit moralischen Überzeugungen, wie George Pilzer, der Sohn eines Geretteten, bewundernd sagt.

Wie viele Menschen er rettete, Juden wie Nichtjuden, ist schwer zu sagen. Vermutlich wusste er es selbst nicht, denn er kannte nicht alle, denen er half. Er holte einige aus dem KZ, andere lotste er ins Ausland. Er legte Konten für sie in der Schweiz an, damit sie sich im Exil durchschlagen konnten. Er gab Mitgliedern des Widerstands Geld, er schaute weg, wenn sie in der Rüstungsfabrik, in der er einen hohen Posten bekleidete, Sabotage übten oder Gewehre für den illegalen Kampf abzweigten.

Ein guter Mensch, auch ein schillernder Mensch.

Sein Name ist Göring, Albert Göring. Er war der kleine Bruder des großen Nazis Hermann Göring, der Nummer zwei in der Hierarchie nach Adolf Hitler. Bruder Hermann befehligte den Luftkrieg gegen England und richtete Industrie und Wirtschaft auf den Krieg aus, den er genauso wollte wie Hitler. 1941 gab er die Anweisung, "Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage in Europa" zu treffen. Hermann Göring war eine große Nummer beim Aufstieg der Nazis.

Albert Göring war das Gegenteil seines Bruders. Er hasste die Nazis, er sagte frühzeitig, dass Hitler Krieg und Untergang bedeute. Er trat nicht der NSDAP bei und verachtete seinen Bruder dafür, dass er sich Hitler unterwarf. Er entfernte sich aus Deutschland, ging zunächst nach Österreich und nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Anschluss wechselte er nach Prag, nach Budapest und Bukarest. Und überall half er Bedrängten, vor dem Krieg und im Krieg.

In diesen zwölf Jahren zwischen Machtergreifung und Kapitulation sahen die Brüder Göring einander nicht häufig, allenfalls auf Familienfesten. Aber Albert brauchte Hermann, und er benutzte ihn. Denn ohne seinen Bruder wäre er verloren gewesen, ohne dessen Rückhalt hätte ihn die Gestapo, die genau wusste, mit wem Albert Göring Umgang hielt und was er trieb, verhaftet und umgebracht.

Die Brüder Göring blieben einander in Loyalität verbunden. Er ist mein Bruder, sagte Hermann über Albert, und erinnerte die Gestapo-Schergen daran, dass Familienangehörige tabu waren. So ließe sich der ganze Wahnsinn dieser Zeit am Beispiel dieses Brüderpaars erzählen. Darin steckt wunderbares Material für eine Doppelbiografie und natürlich auch für einen Film. Als Zeitzeugen leben noch Familienangehörige, die beide kannten: Großnichten von Albert, die einzige Tochter Hermanns, auch die einzige Tochter Alberts.

Spannender Stoff. Aber eine kleine Umfrage unter renommierten Historikern zeigt, dass kaum einer von ihnen auch nur von der Existenz des ungleichen Bruders gewusst hat.

Dabei lässt sich leicht nachlesen, wer Albert Göring war. Schon 1962, vor mehr als 50 Jahren, schrieb Ernst Neubach einen langen Artikel ("Mein Freund Göring") in "Aktuell", einem untergegangenen Wochenmagazin. Neubach textete Gassenhauer ("Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren"), verfasste Drehbücher und drehte Filme. Er war Jude, verdankte Albert Göring viel, floh 1938 nach Frankreich. Sein Artikel zählt zum Material, das in Jad Vaschem vorliegt.

In Neubachs Text wird eine Episode aus Wien erzählt, kurz nach dem Einmarsch der Nazis. Das Farbengeschäft Raber in der Wehringerstraße wird geplündert, die SA findet den Inhaber aber nicht, und so greift sie sich dessen 75-jährige Mutter. Sie hängen ihr ein Plakat um, auf dem "Ich bin eine Saujüdin" steht, und zwingen sie dazu, sich ins Schaufenster des Geschäfts zu setzen. Zufällig kommt Albert Göring vorbei, kämpft sich durch die johlenden Gaffer, nimmt der gedemütigten Frau das Schild ab und führt sie vom Mob weg. Einige SS-Chargen verstellen ihm den Weg. Er zeigt seinen Ausweis. Damit hat sich der Fall.

"Viele verdankten damals dem Bruder des allmächtigen Hermann Göring Leben und Freiheit", schreibt Neubach. Albert Göring rettete seinen Arzt Max Wolf davor, nach Dachau gebracht zu werden. Anderen Juden beschaffte er die Erlaubnis zur Ausreise, transferierte Vermögen, an das die jüdischen Besitzer nicht mehr herankamen, nach Zürich. Seinen Freund Oskar Pilzer, einen Filmproduzenten, brachte er im letzten Augenblick selbst an die Grenze.

Später, in Prag, schrieb er einen Brief an den Lagerkommandanten in Dachau auf einem Briefpapier, das nur den Nachnamen Göring trug, und verlangte, dass Josef Charvát, ein Mediziner und Widerstandskämpfer, entlassen werde. Der Kommandant hatte zwei Charváts im Lager und entließ vorsorglich beide, so dass auch der Kommunistenführer Charvát in Freiheit kam.

So bekommt die todernste Geschichte von der Rettung "ihm bekannter und unbekannter jüdischer Menschen", wie Neubach schreibt, manchmal einen komödiantischen Zug. Dass es aber auch für Albert Göring um Leben und Tod gehen konnte, zeigen die NS-Berichte aus seiner Zeit in Prag.

Ins Protektorat Böhmen und Mähren kam Albert Göring 1939 als Exportdirektor der Škoda-Werke. Škoda gehörte zu den größten Rüstungsproduzenten Europas, und der Konzern wurde in die Reichswerke Hermann Göring eingegliedert. Aber nicht dank der Protektion durch den Bruder bekam Albert den herausgehobenen Posten, sondern die Werksleitung machte ihm das Angebot - sein Ruf hatte sich herumgesprochen.

Die Gestapo ließ Albert Göring überwachen und sammelte Belastungsmaterial. Auf den 23. Oktober 1944 ist ein umfassender Bericht über seine Umtriebe datiert. Darin steht, dass er "durch seinen häufigen Verkehr in jüdischen Kreisen" auffalle, sich für einzelne Juden einsetze und eventuell sogar selbst mit einer Jüdin verheiratet gewesen sei - Albert Göring hatte eine Tschechin geheiratet, den Nazis galten Slawen als minderwertig.

Albert Göring, so steht es im Bericht, nehme sich auch Eigenheiten heraus, wozu gehört, dass er sich Nazi-Gepflogenheiten verbitte: "Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Meldung, nach der einem deutschen Vizedirektor vor dem Betreten des Arbeitszimmers Görings von einem tschechischen Angestellten empfohlen worden sei, nicht mit ,Heil Hitler' zu grüßen, da er sonst aus dem Büro sofort wieder herausgeworfen werden würde."

Hermann Goering

Hermann Goering

Was die Nazis am liebsten mit ihm gemacht hätten, lässt sich einem knappen Schreiben des Prager Residenten vom 24. August 1944 an die Berliner Zentrale entnehmen: "Herr Albert Göring, den ich persönlich mindestens für einen Defaitisten übelster Art halte, ist gestern mit Greuelnachrichten aus Bukarest in Prag eingetroffen. Da er Beziehungen zu unzuverlässigen tschechischen Großindustriellen unterhält, halte ich seine Freizügigkeit für politisch gefährlich und bitte daher, ihn nach Berlin zur Vernehmung und Klärung schwerwiegender Verdachtsmomente in das Reichssicherheitshauptamt überstellen zu dürfen."

Es blieb beim Wunsch. Der große Bruder hielt seine schützende Hand über den kleinen Bruder, der das Gegenteil von dem tat, was Hermann für richtig hielt. Bruder blieb Bruder, über alle Gegensätze hinweg. Darauf verließ sich Albert, darauf konnte er sich verlassen, auch wenn die beiden vermutlich nie darüber geredet haben.

Angehörige der ausgedehnten Familie Göring erzählen, dass es keine Aussprache zwischen den beiden über das Trennende gab. Politische Auseinandersetzungen fanden bei den Zusammenkünften der Familie nicht statt. Wahrscheinlich schonten sich die Brüder gegenseitig. Wahrscheinlich wollten sie voneinander nicht genau wissen, was sie taten.

Mehrmals geriet Albert Göring in Haft, kam aber, nach Rücksprache mit Berlin, rasch wieder frei. Mit dem Wissen aus heutiger Sicht schwebte er vielleicht sogar niemals in echter Lebensgefahr, so gern ihn die Nazis auch in die Mangel genommen hätten.

Aber warum wurde Albert Göring zum Helfer der Bedrängten? Es gibt nichts Schriftliches über seine Beweggründe, Menschen in Not zu helfen. Die Hitlerei war ihm zuwider, so viel ist klar. Sein Bruder war der Antipode, und auch seine beiden Schwestern waren mit glühenden Nazis verheiratet. Albert war die Ausnahme in der Familie, ein Außenseiter, geachtet und belächelt zugleich. Und dafür findet sich in seiner Biografie ein Grund, der diesem Fall des unbesungenen Helden eine Wendung ins Groteske gibt.

In der Familie sei es ein offenes Geheimnis gewesen, sagt eine Verwandte, die ihren Namen nicht genannt wissen möchte, dass Albert eigentlich nur ein Halbbruder war. Er sei die Frucht einer Liaison gewesen, die seine Mutter Fanny mit dem begüterten Arzt der Familie Göring eingegangen war. Tatsächlich sieht Albert auf Fotos Hermann von Epenstein ähnlich. Epenstein war reich, kultiviert, besaß zwei Burgen in Franken und im Land Salzburg. Und er war jüdischer Abstammung.

Wenn Epenstein der Vater war, dann war Albert Göring, gemäß der Nazi-Rassenlehre, ein "jüdischer Mischling".

Wer will, der kann aus dieser Familiengeschichte einen Beweggrund dafür ableiten, dass Albert Göring es vorzog, Opfer der Nazis zu retten, als selbst Nazi zu werden oder ein Luxusleben im Schatten seines Bruders zu führen. Ohne Gefahr war sein Leben im "Dritten Reich" jedenfalls nicht, denn aus dem Wissen über seine Herkunft ließ sich Kapital schlagen. Aber die Gestapo fand das Familiengeheimnis offenbar nicht heraus, sonst hätte sie Hermann und Albert Göring größere Schwierigkeiten bereitet.

Dann war der Krieg zu Ende, und für Albert Göring begann eine Leidenszeit.

Am 9. Mai 1945 stellte er sich in Salzburg den Amerikanern. Er ging davon aus, dass ihm Respekt für seine Menschlichkeit in der Nazi-Zeit gezollt werden würde. In den Verhören erzählte er, wer er war und was er gemacht hatte. Niemand glaubte ihm.

Er war ein Göring, der Bruder des Reichsmarschalls, einer üblen Koryphäe der Hitler-Nomenklatura, da konnte auch er nur ein Nazi der übelsten Sorte sein. Er sei der Typ des Gefangenen gewesen, der händeringend nach Ausflüchten suchte, dazu hochnervös, erzählte Richard Sonnenfeldt, der amerikanische Chefdolmetscher bei den Nürnberger Prozessen in einem Fernsehinterview.

Albert Göring muss verblüfft über die Ungläubigkeit der amerikanischen Soldaten gewesen sein. Zum Beweis seiner Taten erstellte er eine Liste mit 34 Namen. Darauf sind "Menschen, denen ich bei eigener Gefahr (dreimal Gestapo-Haftbefehle!) Leben oder Existenz rettete", fein säuberlich mit Namen, früherem Wohnort und Beruf, Staatsbürgerschaft und Wohnort, mit "Rasse" und "Art der Hilfe" aufgeführt. Darunter sind Prominente wie Kurt Schuschnigg, der letzte Kanzler Österreichs vor dem "Anschluss" 1938, und die Frau des Operettenkönigs Franz Lehár aufgeführt, die Jüdin war - und sie, die Nummer 15 auf der Liste, rettete Albert Göring.

Ein Jahr war er in Kriegsgefangenschaft, als ein neuer Verhörspezialist namens Victor Parker seinen Dienst antrat. Er stutzte, als er die Liste der 34 durchsah und den Namen Lehár las. Der Zufall wollte es, dass die Frau des Komponisten seine Tante war. Die Amerikaner glaubten ihrem Gefangenen endlich seine Geschichte und entließen ihn aus der Haft. Allerdings nicht ganz, denn sie lieferten ihn nach Prag aus, falls dort etwas gegen ihn vorlag.

So landete Albert Göring im Pankrác- Gefängnis, wo mit ihm deutsche Kriegsverbrecher, Plünderer und Mörder in Haft saßen. Ein tschechoslowakisches Volksgericht machte ihm den Prozess.

1947 als Deutscher mit dem Namen Göring in Prag vor Gericht zu stehen war fast gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Doch Arbeiter des Škoda-Werks und Widerstandskämpfer traten reihenweise auf und priesen den Angeklagten. Ernst Neubach schrieb einen Brief an Staatspräsident Edvard , in dem er darauf hinwies, dass "Hunderte Männer und Frauen ihre Rettung vor Gestapo, KZ und Henkern" Albert Göring verdankten. Im März 1947 sprach ihn das Gericht frei.

Als Ernst Neubach 1962 die Welt auf seinen Freund Albert Göring aufmerksam machen wollte, waren die Nachkriegsdeutschen noch mit dem Beschweigen der Vergangenheit beschäftigt. Niemand interessierte sich damals für einen Göring, der aus der Art geschlagen war, die Öffentlichkeit nicht und die Historiker auch nicht. 20 Jahre später erschienen nach und nach Biografien über Hermann Göring, von Richard Overy bis David Irving, dicke Schwarten, in denen der kleine Bruder eher am Rande erwähnt wurde, ohne Würdigung seiner Verdienste als Retter von Nazi-Verfolgten.

Jahre vergingen. 1998 strahlte der britische Fernsehsender Channel 4 eine eindrucksvolle Dokumentation über "The Real Albert Goering" aus. Die

Kinder von Geretteten erzählten von ihm, von seinem Charakter und von seinen Rettungstaten. Dazu wurde Originalmaterial aus der Nazi-Zeit eingeblendet. Außerdem plauderte eine schöne, elegante ältere Dame über die Gegensätze zwischen ihrem Onkel Albert, den sie Bertl nannte, und ihrem Vater Hermann: Das war Edda Göring, seine einzige Tochter, sie lebt heute in München.

Die Dokumentation war im Grunde eine Verfilmung des Artikels von Ernst Neubach. Doch auch sie fiel ins Leere. Dann, einige Jahre später, stieß ein junger Australier namens William Hastings Burke zufällig auf die Dokumentation und war fasziniert. Er fuhr nach Deutschland, ging in die Archive, reiste durch Österreich, Tschechien, Ungarn und Rumänien auf den Spuren Albert Görings. Er fand Alberts einzige Tochter Elizabeth und andere Verwandte auf.

Er machte sich im Alleingang daran, das jahrzehntelang Versäumte nachzuholen. Daraus entstand das Buch "Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring?", das im vergangenen Jahr in Deutschland herauskam. "Der Tagesspiegel", "Die Welt", "Focus" und SPIEGEL ONLINE wiesen darauf hin.

Burke hatte herausgefunden, wie das Leben für Albert Göring nach dem Freispruch in Prag weiterging. Er war 52 Jahre alt. Sein Vermögen war weg. Arbeit als Ingenieur fand er nicht. Der Name Göring wurde zum Fluch. Einen Göring stellte niemand ein. Er verzweifelte langsam, betrog seine Frau, die sich scheiden ließ und mit der gemeinsamen Tochter nach Peru auswanderte.

Albert Göring hätte seinen Namen ändern können, wie so viele Nazis es machten. Aber aus Familiensolidarität sah er davon ab, vermutet die Verwandte, die anonym bleiben möchte. Heinrich Göring habe ihn als Sohn behandelt. Da hätte es Albert, der Moralist, als Verrat betrachtet, wenn er nun seinen Namen verleugnet hätte, meint die Verwandte.

Die letzten Jahre lebte Albert Göring in München in ärmlichen Verhältnissen in einem Mietshaus bei seiner ehemaligen Haushälterin, die er kurz vor seinem Tod noch heiratete. Am 20. Dezember 1966 starb er in München. Sein Grab auf dem Waldfriedhof gibt es nicht mehr, es wurde 2008 eingeebnet.

William Hastings Burke war es auch, der vor zwei Jahren die Unterlagen nach Jad Vaschem schickte. Er findet, dass sein Held es verdient, der deutsche Gerechte Nummer 511 zu werden.

Wird er?

Im Café Paradiso legt Irena Steinfeldt die Stirn in Falten und sagt, dass Albert Göring zweifellos ein faszinierender Mensch gewesen sei, ein Provokateur, ein privilegierter Einzelgänger. Sie findet es auch merkwürdig, dass in Deutschland nur die wenigsten von ihm wissen. Vielleicht haben die Deutschen mehr Schwierigkeiten mit einem Göring als die Israelis, sagt sie. Wichtig aber sei, dass er endlich historisch gewürdigt werde, in Deutschland.

Die Akte auf ihrem Schreibtisch ist ziemlich dick geworden in den vergangenen Monaten. Sie hat mit dem Sohn eines Geretteten in der Schweiz telefoniert. Sie hegt Zweifel, ob alles seine Richtigkeit hat, was Neubach, Channel 4 und Burke zusammengetragen haben. Sie findet, dass manchmal Wahrheit in Legende übergehe.

Zu den Gerechten kann nach den Statuten nur gezählt werden, wer sein Leben aufs Spiel setzte, um Leben zu retten. Und er darf kein Jude sein. Offiziell war Albert Göring kein Jude, aber ist das nun die Wahrheit oder eine Legende? Und ist es überhaupt denkbar, dass der Staat Israel einen Menschen mit seinem höchsten Ehrentitel auszeichnet, der den Namen Göring trägt?

Irgendwann, sagt Irena Steinfeldt, werde sie der Kommission wohl die Akte Göring vorlegen. 

(*) Hermann, eine nicht identifizierbare Schwester, Albert um 1900.

Publié dans Articles de Presse

Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :
Commenter cet article