"Wien war wie eine Zeitreise"

Publié le par Zeit Online

Ein Gespräch mit dem deutschen Politologen Cornelius Lehnguth über Österreichs Naziaufarbeitung und sein Staunen über politische Sitten.

 

Kurt Waldheim im Februar 1981 in Gelf

Kurt Waldheim im Februar 1981 in Gelf

DIE ZEIT: Sie kommen aus Bonn, arbeiten als Politikwissenschaftler in Frankfurt und haben an der Universität Leipzig eine Dissertation über Waldheim und die Folgen geschrieben. Woher kam Ihr Interesse daran?

Cornelius Lehnguth: Außer dass ich hier mal Skifahren war, hatte ich tatsächlich keinen Österreichbezug. Aber Geschichtspolitik und Erinnerungskultur waren immer schon mein Steckenpferd, und ich habe mich während des Studiums mit vielen Ländern beschäftigt. Österreich schien für mich der interessanteste Fall: Es hat eine gewisse Nähe zu Deutschland, ist aber mit seiner eigenen NS-Vergangenheit völlig anders umgegangen. Und als ich dann zu Recherchen nach Wien kam, habe ich schnell gemerkt, wie völlig unterschiedlich die politische Kultur ist.

ZEIT: Nämlich?

Lehnguth: Ich hatte rasch den Eindruck, dass jeder jeden kennt, gleichgültig, ob man befreundet oder verfeindet ist. Und dann auch, wie parteipolitisch alles nach wie vor durchdrungen ist. Ein Parteibuch scheint nach wie vor wichtig zu sein, als Anschub für die eigene Karriere.

ZEIT: Das war in Deutschland nicht anders.

Lehnguth: Stimmt, aber nicht in dem Ausmaß. Wien war für mich, soweit ich das als 34-Jähriger beurteilen kann, eine Art Zeitreise, zurück in die Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre. Und was sich auch unterscheidet, ist, wie die politischen Akteure über den Nationalsozialismus sprachen. In Österreich ist die Opferthese, nicht zuletzt aus völkerrechtlichen Gründen, noch immer eine mögliche Form der Interpretation. Deutschland musste die Gesamtverantwortung übernehmen und setzte sich von den sechziger Jahren an mit dem Nationalsozialismus auseinander.

ZEIT: Der britische Historiker Robert Knight beschäftigte sich als einer der ersten nicht österreichischen Forscher mit dem Thema und stieß auf wenig Gegenliebe. Ging es Ihnen ähnlich?

Lehnguth: Ich habe sehr darauf geachtet, nicht als der typische Piefke rüberzukommen, der alles besser weiß und auch die österreichische Vergangenheit besser bewältigen kann. Da muss man in Österreich tatsächlich ein wenig vorsichtig sein. Teilweise gab es Vorbehalte, die habe ich aber nur subkutan bei manchen Begegnungen gespürt.

ZEIT: In Ihrem Buch gibt es Stellen, wo man das Gefühl hat, Sie seien etwas verwundert über dieses Land. Etwa auch über den Philosophen Konrad Paul Liessmann, der in einem von der Regierung Schüssel herausgegebenen Buch zu 60 Jahren Kriegsende von einem "heilsamen Vergessen" gegen das "Diktat der Vergangenheit" schreibt.

Lehnguth: Ich war wirklich über einiges irritiert. Über Liessmann weniger, er hat sich als "Wendephilosoph" der ÖVP-FPÖ-Regierung zur Verfügung gestellt. Aber die Regierung Schüssel hat versucht, einen geschichtspolitischen Backlash einzuleiten, gerade in diesem sogenannten Gedankenjahr 2005. Und das ist das Interessante in Österreich: Es gibt bis zum heutigen Tag unterschiedliche geschichtspolitische Interpretationen, die miteinander konkurrieren. Konsens herrscht nur vordergründig.

ZEIT: Sie erklären diese Unterschiede auch anhand eines Generationenmodells und unterscheiden zwischen den bis 1930 Geborenen, bei denen die Opferthese dominiert, und den bis Mitte der Fünfziger Geborenen, bei denen die Mitverantwortung im Vordergrund steht. Spätere politische Generationen konnten Sie nicht ausmachen.

Lehnguth: Ich habe keine gefunden. Wer in den achtziger Jahren zwischen 20 und 40 war, wurde durch die Waldheim-Debatte politisiert. Doch dann fehlten die Anlässe, anhand derer sich solche Generationen bilden konnten.

ZEIT: Die schwarz-blaue Regierung?

Lehnguth: Da fehlen mir die Nachweise, ich konnte keine fassbaren Einheiten finden. Die Generationszugehörigkeit nimmt ab, heute sind alle Interpretationen anzutreffen. Gerade in der FPÖ werden Standpunkte über die Generationen hinweg tradiert, da verteidigen dann die Jungen die Großväter, und längst überwunden geglaubte Positionen flackern wieder auf.

ZEIT: Beschränkten sich die Debatten um die österreichische Vergangenheit auf das rechtskonservative Lager?

Lehnguth: Nein. Wenn ich mit SPÖ-Politikern gesprochen habe, hatte ich nicht selten den Eindruck, dass das ein Thema war, worüber sich die meisten nie zu laut unterhalten haben. Die Sozialdemokratie musste aber die ganze Bandbreite der Öffentlichkeit abdecken. In der Partei gab es immer Leute, die dem Standpunkt der Opferthese anhingen – vor allem diejenigen, die im Widerstand waren oder familienbedingt Erinnerungen daran hatten. Viele haben mir von der Furcht innerhalb der SPÖ-Führung erzählt, in der Öffentlichkeit niedergemacht zu werden. Etwa bei Debatten um die Verbesserung der finanziellen Situation von NS-Opfern. Da schwang im Hintergrund immer die Angst vor der Kronenzeitung mit.

ZEIT: Erklärt sich so die Rede von Bundespräsident Heinz Fischer aus dem Jahr 2005, in der er Holocaustopfer unter den Kriegsopfern subsumiert?

Lehnguth: Fischer ist natürlich unverdächtig, wenn es um seine Ablehnung des Nationalsozialismus geht. Aber seine Aufgabe als Präsident ist es, alle Interpretationen unter einen Hut zu bringen. In Österreich geht das am besten, indem man sich nicht zu sehr vom Opfermythos entfernt – natürlich mit Hinzunahme sämtlicher NS-Opfer. Im März dieses Jahres hielt er übrigens eine Rede zum "Anschluss"-Gedenken, die bislang leider unbeachtet blieb, in der er sich – in dieser Eindeutigkeit bemerkenswert – vehement gegen die Opferthese aussprach. Trotzdem: Dass die Standpunkte hinsichtlich des Nationalsozialismus noch immer sehr unterschiedlich sind, macht das Alleinstellungsmerkmal Österreichs aus. 

Die Buchpräsentation findet am 28. Juni in Wien statt. Weitere Informationen finden Sie hier.

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