Von der Berliner Tradition, Denkmäler zu stürzen

Publié le par Berliner Zeitung von Ingeborg Ruthe

Von der Berliner Tradition, Denkmäler zu stürzen

Eine Fall von neuzeitlicher Kunst-Inquisition ist verhindert: Der Berliner Senat erlaubt, dass der Kopf des 1991 demontierten Lenin-Denkmals ausgegraben und demnächst auch ausgestellt werden darf. Es gibt auch andere Beispiele.

Vergraben und verbannt aus Berlin: Der Kopf des Lenin-Denkmals

Vergraben und verbannt aus Berlin: Der Kopf des Lenin-Denkmals

Diese Zeilen haben einen denkwürdigen Anlass. Sie reagieren auf einen politischen Vorgang in unserer Stadt, der kurioser nicht sein kann. Nächstes Jahr soll es in Spandau eine Ausstellung über Berlins Denkmäler geben, wohlgemerkt die alten und die aus der Mauerzeit, West wie Ost.

Der 1991 auf dem damaligen Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen) in Friedrichshain entfernte und im Köpenicker Forst vergrabene Granit-Lenin soll nach dem Willen der Kuratoren, dabei sein, das heißt, zumindest der gewaltige Kopf. Zuerst war der Senat dagegen. Wie zu erwarten, gab es Protest. Vergangene Woche hat der Senat entschieden, das lächerliche Verbot aufzuheben. Klugerweise.

Ein Denkmal in 129 Teilen

Im Januar 1967 fasst das SED-Politbüro den Beschluss, auf dem neu gestalteten Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen) in Friedrichshain ein Denkmal zu errichten.

Der Kopf darf ausgebuddelt werden (Berliner Zeitung vom 20./21. 9.). Damit ist der Verdacht einer neuzeitlichen Inquisition ausgeräumt. Und noch ein Gutes hat die Causa Lenin, den die Berliner Republik entsorgte, weil es ein dermaleinst verordnetes Symbol für die gescheiterte Gesellschaftsordnung der DDR war. Zugleich freilich pflegte diese neue Berliner Republik historische Machtsymbole wie die Siegessäule von 1864, 1866, 1871.

Der Alte Fritz durfte wieder reiten

Aber auf einmal reden hier seit Wochen wieder viele Leute über Denkmalsturz. Plötzlich wurde der geköpfte Lenin gleichsam zur Sensation. Dabei hat man ihn immerhin „nur“ verbuddelt, nicht zerstört. Schließlich war der Sowjet-Begründer 1989 im Kurs tief gefallen, der Säulenheilige musste weg.

Da ergibt sich eine – (Ost)Berliner – Parallele. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Auflösung Preußens lag auch der Kurswert Friedrich II. bei Null; Kaiser Wilhelm und die Nazis hatten ihn skrupellos für ihre Ideologie benutzt. Das eingehauste Denkmal des Bildhauers Christian Daniel Rauch wurde von der kommunistischen Staatsmacht abgelehnt, es war „reaktionär“; es musste weg. Jedenfalls solange, bis die DDR-Oberen die Preußische Geschichte wieder entdeckten, der Alte Fritz ab 1987 wieder Unter den Linden gen Osten reiten durfte.

Noch bis 1993 brannte in der Neuen Wache die Flamme für die „Opfer des Faschismus und Militarismus“. Dann wurde das Mahnmal „umgewidmet“

Noch bis 1993 brannte in der Neuen Wache die Flamme für die „Opfer des Faschismus und Militarismus“. Dann wurde das Mahnmal „umgewidmet“

Denkmalsturz oder -wiederaufstellung symbolisieren also die wankelmütige Hierarchie der Werte. Und deshalb mussten in den letzten 25 Jahren sukzessive auch Wandbilder aus DDR-Zeit verschwinden, die ideologisch eher harmlos waren, so etwa drei Kunst-am-Bau-Werke im einstigen DDR-Außenministerium an der Breiten Straße, die von Walther Womacka stammten, einem Maler, der andererseits doch in der Gegenwart hoch geachtet wird, wie man dem liebevoll restaurierten idealistisch-figürlichen Mosaik-Fries zum Thema der neuen sozialistischen Menschengemeinschaft am Haus des Lehrers entnehmen muss. Das Bildwerk ist in allen neuen Kunst-am-Bau-Kompendien präsent und in Berlin-Reiseführen als Attraktion abgebildet.

Nicht anders erging es einem Denkmal in Potsdam. Per Beschluss des Landtages wurde Mitte der 90er-Jahre das Liebknecht-Forum der Bildhauer Theo Balden und Kurt Herrmann Kühn abgerissen – obwohl die große stilisiert-abstrakte Flammenform keineswegs dem Stilkanon des Sozialistischen Realismus entsprach.

Wenn die Macht wechselt, müssen auch die Denkmäler der vorherigen verschwinden. Dies sah bereits Robespierre so in der Französischen Revolution von 1789-1799. Er sah dies als revolutionäre Macht „des Despotismus und der Freiheit gegenüber der Tyrannei“. Was heißt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Nach 20 000 Jahren menschlicher Zivilisation, gut 2000 Jahre nach Christus, nach wechselnden Epochen, Systemen, Mächten wundern wir uns indes noch immer über ein Phänomen, ja, ein anscheinend unveränderliches Muss: Nämlich dass Machtwechsel – Reformationen, Staatsstreiche, Revolutionen – leere Denkmalsockel, geschleifte Repräsentationskunstwerke und -bauten hinterlassen.

Lange her: Rick Minnich sucht die Stelle, an der er vor 20 Jahren den Granitkopf des Lenin-Denkmals ausgegraben hat

Lange her: Rick Minnich sucht die Stelle, an der er vor 20 Jahren den Granitkopf des Lenin-Denkmals ausgegraben hat

Anscheinend gehört das zum unabänderlichen Panoptikum der Geschichte, sei es nun der administrative „Denkmalsturz“ oder der dem Volkszorn geschuldete, der die verhassten Symbole aus dem Raum der Geschichte fegt.

Stellen wir uns die brennenden Paläste, die zerstörten Kirchenräume in der Zeit der Reformation und des Bauernkrieges vor. Oder den Sturm auf die Bastille durch die Kommunarden, Paris 1789. Auch die niedergerissenen wilhelminischen Denkmäler in Deutschland 1918. Und dann, infolge der Kulturbarbarei der Nazis, die Tilgung aller Symbole des Dritten Reiches durch die Siegermächte 1945.

In der Berliner „Denkmalsturz“-Liste dann ebenso die Sprengung des Berliner Stadtschlosses durch Ulbricht 1950, wo später, demonstrativ an gleicher Stelle, der Palast der Republik errichtet wurde. Und der musste zugunsten des Schloss-Neubaus verschwinden.

Zurück zum Ausgangspunkt: Der theatralische Friedrichshainer Lenin-Granit wurde 1991 nicht vom Volkszorn, sondern per Bezirks-Parlaments-Beschluss beseitigt. Schließlich waren in der Nachwendezeit die Lenin-Denkmäler die ersten, die in den neuen Bundesländern abmontiert wurden. Lenin war politisch nicht mehr tragbar. Die Mahnung vieler Kulturleute, den roten Granitblock doch vorerst mit Efeu überwuchern zu lassen, späteren Generationen die Entscheidung zu überlassen, hatten die Abriss-Forderer ignoriert.

Nur zwei Jahre später wurde heftig um Schinkels Neue Wache gestritten. Der damalige Bundeskanzler Kohl hielt die Flamme für die „Opfer des Faschismus und Militarismus“ ideologisch kontaminiert. Er wollte eine „Zentrale Gedenkstätte“, setzte 1993 durch, dass die ergreifende kleine Bronze einer Kollwitz-Pietà wider alle bildhauerischen Maßstäbe überdimensional vergrößert aufgestellt wurde. Nun, man hat man sich daran gewöhnt.

Thälmann bleibt stehen

Entspannter war in Berlin der Umgang mit dem Marx-Engels-Forum aus den 1980er-Jahren in Mitte. Wegen des U-Bahn-Baus musste 2010 der Standort verändert, verkleinert werden. CSU-Politiker verlangten die Tilgung. Aber bis heute sitzen die Klassiker auf ihrem Sockel, ein wenig seitwärts gerückt.

Sommer 1994: Lenins Kopf ist ausgegraben. Drei Tage hat das Team gebuddelt.

Sommer 1994: Lenins Kopf ist ausgegraben. Drei Tage hat das Team gebuddelt.

Unentschieden ist die Gemengelage beim Thälmann-Denkmal. Die Faust geballt, ragt der 12-Meter-Kopf-Koloss aus der Grünanlage an der Greifswalder Straße auf. Graffitibeschmiert ist der Arbeiterführer. Erst wollte der Stadtbezirk die Bronze weghaben. Aber dafür fehlte das Geld. So blieb sie stehen, ist heute denkmalgeschützt und in aller Hässlichkeit eines der prominentesten Beispiele für sozialistische Denkmäler in der DDR.

Was heißt: In einer demokratischen, aufgeklärten Gesellschaft ist es am Ende richtig, so ein Denkmal stehen zu lassen. Schon, um sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, reflektierend, lehrreich und souverän. Es ist souverän, den Granitkopf Lenins auszugraben und auszustellen. Das ist Umgang mit der Geschichte, wie sie war, nicht, wie sie hätte sein sollen.

Publié dans Articles de Presse

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