Überlebende berichten im Auschwitz-Prozess: "Kahlgeschoren und splitternackt"

Publié le par Der Spiegel

 Überlebende berichten im Auschwitz-Prozess: "Kahlgeschoren und splitternackt"

Im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning schildern Überlebende die unmenschlichen Bedingungen im KZ Auschwitz. Rache verspüre sie nicht, sagt eine von ihnen - doch vergeben könne sie "niemals".

Angeklagter Oskar Gröning: "Mehr Macht als der Herrgott im Himmel"

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Überlebende haben im Lüneburger Auschwitz-Prozess über das Grauen im Vernichtungslager berichtet. "Wir sind dort gestanden - kahlgeschoren und splitternackt", sagte die 89 Jahre alte Eva Pusztai-Fahidi über die Ankunft ihrer Familie in Auschwitz-Birkenau. "Die Verhältnisse sind unbeschreiblich."

Pusztai-Fahidi war 1944 mit ihrer Familie aus Ungarn tagelang in einem Viehwaggon und unter unmenschlichen Umständen nach Auschwitz deportiert worden. Die Frau verlor 49 Familienangehörige im Holocaust, darunter ihre Eltern und ihre Schwester. "Ein SS-Mann in Auschwitz hat mehr Macht gehabt als der Herrgott im Himmel", berichtete sie.

Der Prozess sei "eine Art von Genugtuung". Sie habe nie geglaubt, einmal vor einem deutschen Gericht aussagen zu können. "Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft", sagte Pusztai-Fahidi.

Angeklagt in dem Fall ist der frühere SS-Mann Oskar Gröning. Der 93-Jährige muss sich vor dem Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen während der sogenannten Ungarn-Aktion verantworten. Der frühere Freiwillige der Waffen-SS hatte sich zu Prozessbeginn zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. In dem KZ im besetzten Polen ließ das NS-Regime mehr als eine Million Menschen ermorden, die meisten waren Juden.

"Vielleicht kann Gott vergeben, ich kann es nicht"

Nach Pusztai-Fahidi schilderte die 86 Jahre alte Hedy Bohm die Verschleppung ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau Ende Mai 1944. Auch sie beschrieb die unmenschlichen Bedingungen. Gleich nach der Ankunft wurde sie demnach von den Eltern getrennt, erst vom Vater, kurz darauf auch von der Mutter. "Wir haben uns niemals verabschiedet, wir haben uns nie wiedergesehen", sagte Bohm über die Trennung vom Vater.

Bis zuletzt habe sie gehofft, die Eltern nach dem Krieg wiederzusehen. Während der ganzen Zeit in Lager C habe sie nichts über die Gaskammern und Krematorien gewusst. "Ich weiß nicht, wie ich so naiv sein konnte", sagte Bohm dazu. Sie verspüre kein Gefühl der Rache, aber sie könne auch nicht vergeben - "niemals", betonte die 86-Jährige zum Schluss ihrer auf Englisch gemachten Aussage. "Vielleicht kann Gott vergeben, ich kann es nicht."

Zuletzt hatten sich viele Nebenklägern darüber empört, dass die Überlebende Eva Kor dem Angeklagten Oskar Gröning die Hand zur Versöhnung gereicht hatte. "Im Namen von 49 Nebenklägern" hatten die Anwälte Cornelius Nestler und Thomas Walther das Verhalten von Kor scharf kritisiert. Auch das Internationale Auschwitz-Komitee äußerte Bedenken an der Versöhnungsgeste.

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