Ein Prozess, der Linderung verspricht

Publié le par Zeit Online von Sybille Klormann

Ein Prozess, der Linderung verspricht

Mit großen Ängsten sind Holocaustüberlebende nach Lüneburg gereist. Doch der Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Gröning hilft, mit der Vergangenheit umzugehen.

Ein Prozess, der Linderung verspricht

Eine schöne Stadt, tolles Wetter, alles friedlich und sauber, keine schwer bewaffneten Soldaten auf den Straßen – das hätten seine Mandanten bei ihrer Ankunft in Lüneburg nicht erwartet, erzählt Thomas Walther, Anwalt mehrerer Nebenkläger im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning. Viele der Zeitzeugen, die dieser Tage vor dem Landgericht aussagten, hätten immer noch ein "Zerrbild im Kopf" gehabt. Sie dachten an das Deutschland, das sie aus Kriegszeiten kennen, und wurden von der Gegenwart überrascht.

"Sie haben es zunächst richtig bedauert, dass Lüneburg so schön ist", sagt auch Henriette Beck über ihre Mitkläger, die in dieser Woche aus Kanada, England und Ungarn angereist sind und zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder deutschen Boden betreten haben. Im Lüneburger Hotel sei sie mit den anderen ins Gespräch gekommen. "Ich musste mich richtig verteidigen, weil meine Familie nach dem Krieg in Bayern geblieben ist", sagt die 58-Jährige, deren Vater seine erste Frau und die gemeinsame Tochter in Auschwitz verloren hat.

Viele der Holocaustüberlebenden seien mit großen Ängsten nach Deutschland gereist, sagt Anwalt Walther. Die Vorstellung, ausgerechnet vor ein deutsches Gericht zu treten, habe ihnen Sorgen bereitet. Freunde hätten berichtet, sie seien in früheren NS-Prozessen "grauenvoll" behandelt worden.

Doch hier in Lüneburg sei vieles anders, sagt Walther. Seine Mandanten wirkten befreit, die Schatten der Vergangenheit und die neuen, schönen Eindrücke der Gegenwart konstruierten ein neues Bild. Langsam passe alles zusammen. Er spricht gar von "Harmonie", die er bei den Nebenklägern verspüre.

Dass dieser Prozess Linderung verschaffen könne, hänge auch mit der Tatsache zusammen, dass in Lüneburg "kein schweigender Mann mit Baseballkappe in einem Bett vorgefahren" werde, sagt Walther. Eine Aussage, die sich auf den Prozess gegen den früheren NS-Verbrecher John Demjanjuk bezieht. Seiner Ansicht nach "sind wir auf dem Weg, ein historisches Prozessende zu erleben".

Manchmal, erzählt Walther, starre er Gröning acht, neun Sekunden direkt in die Augen und frage sich, was wohl in dem Kopf des Angeklagten vorgehe. Der Anwalt wartet – wie auch viele der mehr als 60 Nebenkläger dieses Prozesses – auf eine Aussage Grönings. Eine Erklärung. Auf die Sicht des ehemaligen SS-Mannes, der ein Rad in der gewaltigen Tötungsmaschinerie von Auschwitz war, und der – im Gegensatz zu manch anderem NS-Verbrecher – schon jetzt mehr gesagt hat als "ich weiß nicht recht".

Auch das Lüneburger Gericht erhofft sich offenbar mehr. Richter Franz Kompisch verliest an diesem Prozesstag, am Mittwochmorgen, einige Dokumente aus Grönings Dienstzeit in Auschwitz, darunter dessen "Dienstleistungszeugnis". Darin heißt es, Gröning habe seine Aufgaben "mit Fleiß und Sorgfalt erledigt", habe einen "einwandfreien Charakter, sei weltanschaulich gefestigt" und sein soldatisches Auftreten sei "stramm und korrekt".

"Hier zu sein, hilft mir auch"

"Herr Gröning, wollen Sie zur Beweisaufnahme etwas sagen? Hat sich bei Ihnen seit Beginn der Beweisaufnahme etwas verändert?", fragt das Gericht. Alle Köpfe heben sich gleichzeitig gen Anklagebank, erwartungsvoll. Gröning sackt noch tiefer in seinen Stuhl, senkt den Kopf.

"Mein Mandant will sich ergänzend äußern", kündigt Grönings Anwalt an. Er habe bereits Gespräche mit ihm geführt. Mit Verweis auf dessen Gesundheitszustand bitte er aber darum, die Aussage zu einem späteren Zeitpunkt vorzunehmen.

Und so tritt Susan Pollack in den Zeugenstand. Die 84-Jährige ist am Morgen aus London angereist, der Prozess gegen Gröning soll ihr helfen, das Vergangene weiter zu verarbeiten. Sie hat als Seelsorgerin gearbeitet, als Freiwillige im Hospiz, hat Geschichte studiert und berichtet seit 25 Jahren in Schulen von den Erfahrungen des Holocaust. "So habe ich mich rehabilitiert – und hier zu sein, hilft mir auch", sagt Pollack. Es sei ihr wichtig, ihre Erinnerungen weiterzutragen – "als Warnung gegen extremen Rassismus, gegen Ausgrenzung und Antisemitismus".

"Wir konnten nicht mehr sprechen"

Auch Susan Pollack erzählt noch einmal ihre persönliche Geschichte. Von den "Schwierigkeiten", die Juden in Ungarn hatten, als sie ein kleines Mädchen war. Wie sie nicht begreifen konnte, was mit ihr geschah, als sie erst in ein Ghetto gebracht wurde, dann in ein Internierungslager und schließlich zu einem Bahnhof marschieren musste. Sie habe ihre Nähmaschine mitgenommen – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft an einem besseren Ort.

Wie auch andere Nebenkläger in diesem Prozess schildert Pollack die grauenhaften Bedingungen in dem Waggon, in dem sie nach Auschwitz transportiert wurde. Und wie sie bei ihrer Ankunft dachte: "Frische Luft! Das ist fantastisch!" Dann wurde ihr bewusst, an welchem Ort sie gelandet war. Pollack spricht vom "Terror in Auschwitz", der ihre Seele ergriffen und aufgefressen habe. In dem Block, in dem sie mit schätzungsweise 800 bis 1.000 anderen Mädchen untergebracht worden sei, habe es kein Essen gegeben, schnell hätten alle an Gewicht verloren.

"Schlimmer als der Tod"

Wie sah die Zukunft aus, wie sollte es weitergehen? Pollack wusste, dass es in Auschwitz Gaskammern gab. Splitternackt hätte sie mit den andern Mädchen vor Josef Mengele im Kreis laufen müssen. "Niemand hat uns etwas gesagt. Es gab auch nichts zu sagen. Wir konnten nicht mehr sprechen", sagt Pollack. Als sie erfahren habe, dass ihre Mutter vermutlich vergast worden sei, habe sie nicht geweint. Sie habe keine menschlichen Gefühle mehr gehabt.

Pollack hat den Holocaust überlebt. Sie wurde als Zwangsarbeiterin in die deutsche Stadt Guben gebracht, gegen Kriegsende wurde sie auf einen Todesmarsch nach Bergen-Belsen geschickt. "Schlimmer als der Tod" seien diese Erfahrungen gewesen. Als sie von den Briten befreit wurde, "war da keine Freude. Ich wusste nicht, was das bedeutet".

Heute weiß Pollack, dass sie in einer "anderen Zeit, einer neuen Welt" lebt. Deutschland sei heute eine beispielhafte Demokratie und gehe in puncto Versöhnung mit gutem Beispiel voran. Obwohl sie mit ihren 84 Jahren langsam müde sei, über ihre Erfahrungen zu sprechen, sei es ihr wichtig gewesen, nach Lüneburg zu reisen. Der Prozess gegen Oskar Gröning ist noch nicht beendet, sie aber sei schon jetzt "sehr, sehr zufrieden".

Publié dans Articles de Presse

Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :
Commenter cet article