Gurlitt ist in Berlin angekommen

Publié le par Angela Hohmann

Gurlitt ist in Berlin angekommen

Im Martin-Gropius-Bau sind Werke aus dem sensationellen „Schwabinger Kunstfund“ zu sehen

Gurlitt ist in Berlin angekommen

Nur ein kleiner Koffer und eine Wand voller Zeitungsartikel stehen am Anfang der Ausstellung „Bestandaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus“ im Martin-Gropius-Bau. In diesem Koffer hatte Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrandt Gurlitt (1895–1956), etliche Papierarbeiten und Druckgrafiken aus den Beständen seines Vaters gelagert. Nun sind die Bilder aus dem sensationellen „Schwabinger Kunstfund“ auch in Berlin zu sehen.

2012 waren von der bayerischen Staatsanwaltschaft rund 1500 Kunstwerke in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt beschlagnahmt worden. Sie standen unter dem Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Die Aktion ist bis heute juristisch umstritten. Von den Werken wurden bisher nur sieben als Raubkunst identifiziert, vier davon restituiert. Darüber hinaus stehen vier Zeichnungen aus Frankreich aus dem Bestand von Benita Renate Gurlitt (1935–2012), der Schwester von Cornelius Gurlitt, im Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Ihre Herkunft lässt sich bis zu der jüdischen Familie Deutsch de la Meurthe in Paris zurückverfolgen. Dort wurden sie während der deutschen Besatzung durch die Nationalsozialisten konfisziert. Auf Wunsch der Nachfahren der Familie sollen sie nun in der Ausstellung ihre Geschichte erzählen.

Die von der Bundeskunsthalle in Bonn kuratierte Schau erzählt exemplarisch viele solcher Schicksale und zeigt das ganze Ausmaß des nationalsozialistischen Kunstraubs, der eingebettet war in die systematische Entrechtung, Enteignung und Ermordung von Millionen Menschen in der NS-Zeit. Im Zentrum steht die zwielichtige Gestalt des Hildebrandt Gurlitt, der massiv von diesem System profitierte. In der Weimarer Republik war der Kunsthistoriker noch ein ambitionierter progressiver Museumsmann, der zuerst als Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau und später als Leiter des Hamburger Kunstvereins den Expressionismus und die Avantgarde förderte. Beide Stellungen verlor er, weil mit den völkisch-nationalistischen Kräften in Konflikt geriet, denen er sich später zu Diensten machte. In Hamburg weigerte er sich, nach der Machtergreifung der Nazis die Hakenkreuzfahne auf dem Dach des Kunstvereins zu hissen. Er musste sein Amt niederlegen und wurde Kunsthändler. Nach dem Nürnberger Rassegesetz von 1935 galt Gurlitt als „Mischling zweiten Grades“. Obwohl er Mitglied der Reichskulturkammer bleiben durfte, fühlte er sich bedroht und überschrieb sein Kunstkabinett Dr. H. Gurlitt zwei Jahre später sicherheitshalber seiner Frau Helene.

Umso erstaunlicher ist es, dass er sich nur wenig später den Nazis als einer von vier Verwertern von den Nazis geächteter Kunst andiente. Im Zuge der groß angelegten Aktion „Entartete Kunst“ wurden etwa 20.000 Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt. Nun sollte Gurlitt ausgerechnet die Kunst, für die er vorher so vehement eingetreten war, ins Ausland verkaufen und zu Devisen machen. Aus dem beschlagnahmten Fundus übernahm Gurlitt etwa 3879 Werke, überwiegend Druckgrafik. Dabei hielt er sich nicht immer strikt an die Anweisung, die Werke nur im Ausland zu verkaufen.

Die Provenienz, also die Herkunftsgeschichte der Bildes, ist in der Ausstellung jeweils auf einer Tafel so weit wie möglich nachvollzogen und erzählt von dem Schicksal ihrer ehemaligen Besitzer oder dem der verfemten Künstler, wie Max Liebermann, der 1935 angesichts der antisemitischen Anfeindungen gramvoll und vereinsamt starb. Seine Frau Martha entzog sich der drohenden Deportation 1943 durch Suizid. Bilder und Dokumente veranschaulichen die Schicksale, Inventarlisten und Briefe stellen den Bezug zu Gurlitt her.

Im Rahmen des „Sonderauftrag Linz“ wurde Gurlitt später sogar zum Chefeinkäufer Adolf Hitlers für das geplante „Führermuseum“ in Linz mit fast unerschöpflichen Finanzmitteln. In dieser Funktion reiste Gurlitt nach Paris, Belgien und in die Niederlande. Mindestens 300 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Tapisserien im Wert von fast zehn Millionen Reichsmark hat Gurlitt an den „Sonderauftrag“ geliefert. In der Sammlung befinden sich Kunstwerke von Claude Monet, Édouard Manet, Auguste Renoir, Paul Signac und vielen mehr, die von Gurlitts Aktivitäten in Paris zeugen.

Während der Bombardierung Dresdens gelingt es Gurlitt, seine Sammlung nach Aschbach in Oberfranken zu bringen. Dort wird sie von den Kunstschutzoffizieren der US-Armee konfisziert. Ein Raum im Gropius Bau ist dem Depot des Central Collecting Point in Wiesbaden nachempfunden. Nach der „Entnazifizierung“ erhielt Gurlitt seine Sammlung zurück und war schnell wieder in Amt und Würden. 1948 wurde er Leiter des Kunstvereins in Düsseldorf.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 7. Januar 2019

Publié dans Articles de Presse

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