Bormann - Acht natürliche Kinder

Publié le par Der Spiegel

Der Spiegelpublished 30/03/1950 at 09:24

Berlins Magistrate, vom Landgericht der südbadischen Stadt Waldshut um Bestellung eines Abwesenheitspflegers für NS-Reichsleiter und Chef der Parteikanzlei Martin Bormann ersucht, haben sich bis jetzt davor gedrückt.

Bormann MartinDenn für Südbadens Landgericht Waldshut wird das Hinscheiden des in der Schlacht um Berlin (fragwürdig bezeugt) zu Tode gekommenen Martin Bormann als nicht erwiesen angenommen. Für Südbadens Richter gilt Martin Bormann so lange als lebend, bis eine standesamtliche Sterbeurkunde vorgelegt wird.

Bis dahin werden monatlich 400 DM Miete auf das "Sonderkonto Bormann" beim badischen Landesamt für kontrollierte Vermögen eingezahlt. Diese Miete zahlt das Freiburger Institut für internationale Begegnungen für die Benutzung von Bormanns Villa am Ostrand der Schwarzwaldgemeinde Schluchsee, 951 m ü. d. M.

Die hinterbliebene Sippe des vom Nürnberger Tribunal gründlichkeitshalber zum Tode verurteilten Bormann wird nach sachverständiger Schätzung sogar an die DM 10000 bekommen. Wenn Martin Bormann die Schluchsee-Villa an die Tochter und Erbin des jüdischen Villen-Erbauers und früheren Eigentümers, Ella Leser-Menke, herausgibt, muß Frau Leser-Menke nach Restitutionsrecht zehn Prozent des 1939er Kaufpreises plus Wertsteigerung an Bormann zahlen.

Die Restitutionsklage wurde am 11. August 1949 von Frau Ella Leser-Menke, Amsterdam, erhoben. Beklagte Ehefrau Gerda Bormann hat jedoch der an ihre Heimatgemeinde Berchtesgaden ergangenen Vorladung zum Termin keine Folge geleistet. Sie versäumte auch, einen rechtswürdigen Vertreter zu benennen.

Eine am 31. Januar 1950 versandte Mitteilung des Amtsgerichts Berchtesgaden kam zu spät. Sie enthielt eine vom Standesamt Meran (Südtirol) vorgenommene amtliche Begründung des Nichterscheinens: die vom Landgericht Waldshut vorgeladene Gerda Bormann ist am 23. 3. 46 unter Hinterlassung von acht natürlichen Kindern am letzten Aufenthaltsort Meran verstorben.

Gerichtsbeschluß: vorläufige Anerkenntnis des Anspruches von Frau Ella Leser-Menke, Amsterdam, und Ausdehnung der Klage auf die Erben "zwecks Klarung der Besitzverhältnisse." Bis dahin bleibt die tote Gerda Bormann im Grundbuch von Schluchsee als Hausbesitzerin eingetragen.

Das mit baupolizeilicher Genehmigung vom 24. 5. 1922 errichtete Streitobjekt (Streitwert DM 100000) hatte sich Fahrradzubehör-Fabrikant Siegfried Menke bauen lassen. Er lebte darin mit seiner Ehefrau Anita, geborene Herz, bis 1933 angesehen und in Frieden. Von 1933 bis 1939 war dieses Ansehen parteiamtlich mißbilligt und der Frieden ständig gefährdet.

1939 mußte Menke zwangsverkaufen Für 30000 Reichsmark erwarb das Haus die Stadt Recklinghausen. Sein Mobiliar versteigerte Auktionator Max Sasse, Freiburg.

Enterbt, wanderte Menke nebst Familie über Holland nach Argentinien aus. Als er 1946 auf seiner Farm in Monogotos starb, hinterließ er den Restitutionsanspruch der in Amsterdam verehelichten Tochter Ella.

Der Krieg machte durch den Plan Recklinghausens, aus dem Menkehaus ein Kinderheim zu machen, einen Strich. Aller Einrichtung bar, stand es bis 1943 unbewohnt. Im 43er August erwarb es die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und veräußerte es, auf Weisung der Reichskanzlei, an Frau Gerda Bormann weiter.

Im März 1944 rückte eine 72 Mann starke tschechoslowakische Baukolonne des Baustabes Obersalzberg unter Leitung des Vorarbeiters Frantisek Kvapil aus Prag-Nusle, Jaromirova 23, in Schluchsee ein und begann den wertsteigernden Ausbau.

Der Baustab war autark. Mit den Bauarbeitern und Handwerkern wurde auch das gesamte Material in Lkw's vom Obersalzberg herangeschafft. Es gab trotz viertem Kriegsjahre keinen Mangel daran.

Schluchsee wurde zum zeitweiligen Schwarzhandelszentrum für verknappte Baustoffe und technische Bauzubehöre. Bis zum Einzug der Hauseigentümerin am 11. Juni 1944 war vieles verändert und neuerrichtet worden.

Vor allem ein einem Bedientenhaus ähnliches Nebengebäude mit Luftschutzkeller. Dieser war mit dreifachen Stahltüren gesichert und endete mit schmalem Kriechgang 8 Meter vom Haus, in einem kleinen brunnenähnlichen, holzgetarnten Bünkerlein mit Notausgang zum Wald.

Eine eigene 15-km-Fernsprechleitung verband Gerda mit dem Amt Neustadt. Das Fräulein war angewiesen, Gesprächen mit Berlin, München oder Berchtesgaden jeweils als "Dringend Staat" den unbedingten Vorrang zu gewähren.

Frau Bormann brachte neben acht Kindern eine Kinderfrau, drei Dienstmädchen und einen Chauffeur in SS-Dreß mit. Eine SS-Wache gab es nicht.

"S' war n' bravs Wib", heißt es im Ort, in dem man das Stille liebt. Frau Gerda ließ sich nicht sehen. Kinder und Dienstpersonal blieben im Bereich des Hauses Der SS-Fahrer brauste nachts in die Weinorte des Kaiserstuhls, wenn er gesellige Bedürfnisse hatte.

Martin Bormanns Anwesenheit ist unbezeugt. "Den Bormann hat keiner gesehen, polizeiliche Meldung konnte der sich ja sparen." Am 13. April 1945 wurde Gerda mit Anhang evakuiert. Eine starke SS-Fahrkolonne holte sie ab und geleitete sie weg.

Erst Tage nach erster Besetzung nahm CROWCRASS (Allierte Kriegsverbrecher-Fahndungszentrale) die Möglichkeit wahr, Anti-Bormann-Dokumente für Nürnberg sicherzustellen. Es war nicht mehr viel zu holen. Ergebnis der Suchaktion: ein paar Familienfotos. Das Wandbild von Frau Bormann beließ man. Unterhalb des linken Auges zeigte die Leinwand einen Einschuß.

Die SNCF (Société National Chemin de Fer) ließ sich das Haus von der beschlagnahmenden Truppe übereignen. In knappen Nachkriegsjahren erholten sich hier Frankreichs Eisenbahner in Schwarzwaldluft und bei ablieferungspflichtigen südbadischen Landesprodukten.

Nach Freigabe im November 1949 wurde das Bormann-Haus für das von Freiburgs Jugend- und Sportoffizier Deshayes gezeugte "Freiburger Institut für Internationale Begegnungen" in Miete genommen.

Die Monatsmiete von 400 DM zieht Badens Landesamt für kontrollierte Vermögen auf Sonderkonto Bormann solange ein, bis 10000 DM aufgehäuft sind. Mit dieser Summe bezahlt dann Frau Ella Leser-Menke die 10 Prozent des 39er Kaufpreises plus Wertsteigerung an Bormanns Erben. Dann ist die Schluchsee-Villa wieder ihr Besitz.

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