Das befremdliche Lachen der Hannah Arendt

Publié le par Zeit Online - Alexander Cammann

Zeit Onlinepubliziert 17/03/2011 at 18:56 Uhr von Alexander Cammann

Zwei neue Bücher entdecken die jüdische Philosophin neu: Ihr Briefwechsel mit dem jungen Journalisten Joachim Fest und ein langer Essay von Marie Luise Knott. Beide Publikationen kreisen um die unheimliche Heiterkeit Hannah Arendts angesichts des Grauens der Nazizeit.

Hannah Arendt juive et universelle
Es ist ein ungleiches Paar, das an diesem Spätsommertag vor bald einem halben Jahrhundert die Lichtentaler Allee in Baden-Baden entlangspaziert. Der 37-jährige Hamburger Journalist begleitet die 20 Jahre ältere Philosophin aus New York, die solch einen Spaziergang an diesem mondänen Ort mit herrlichen alten Bäumen und prachtvollen Villen erleben will: In ihren Königsberger Kindertagen galt das als Inbegriff vornehmen Müßiggangs. Nach einer Weile schaut sie gen Himmel: »Die Wolken da oben sind sehr deutsch. Die gibt es in Amerika nicht. So wechselnd, so umrißlos und hastig.« In einer lyrischen Stimmung könne man da viel hineinlesen, doch sie widerstehe dieser Versuchung meist – aber: »Glücklich macht mich dieses Bild trotzdem.« Wenige Stunden zuvor haben die beiden vor Radiomikrofonen über andere sehr deutsche Dinge gesprochen: über Verbrechen und Massenmord, Verantwortung und Schuld.

Joachim Fest hat diese Szene in seinem Porträtband Begegnungen überliefert. Der damalige NDR-Redakteur und die Philosophin Hannah Arendt waren anlässlich eines Rundfunkgesprächs in Baden-Baden zusammengekommen. Seine subtile Hannah-Arendt-Skizze beruhte auf einigen persönlichen Begegnungen und einer lebenslangen Faszination. Was die beiden verband, erschließt sich aus der 17 Briefe umfassenden Korrespondenz, die der nachmalige Hitler-Biograf und für das Feuilleton zuständige Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem »Mädchen aus der Fremde« (Arendt) zwischen 1964 und 1973 führte und die jetzt mit der Abschrift des SWR-Rundfunkgesprächs als Buch erschienen ist. Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis: für ein Denken im Schatten der nationalsozialistischen Erfahrung, lange vor 1968, für das uferlose Thema »Hannah Arendt und die Deutschen« und ihre Zuneigung zur nachwachsenden Generation hierzulande, für ihre sprunghafte, Konventionen überrennende intellektuelle Kraft – und für die Probleme, die das Verstehenwollen des Holocaust bis heute verursacht.

Denn es ist die Zeit von Eichmann in Jerusalem, Arendts umstrittenstem Buch, hervorgegangen 1963 aus einer Serie für den New Yorker, die sie als Beobachterin des Prozesses gegen Adolf Eichmann schrieb. Damit hatte sie »zweifellos den größten Skandal ausgelöst, den ein Buch in Jahrzehnten hervorgerufen hat« (Fest). Nicht nur ihre missverständliche Formel von der »Banalität des Bösen« im Untertitel sorgte für Empörung; Fest gegenüber sprach sie von einer sprachlichen »Unbedachtheit«, mit der sie sich in den »finsteren Charme der drei Worte verguckt« habe. Wie eine Bombe schlugen einige Arendt-Sätze ein, wonach womöglich mehr Juden den Terror überlebt hätten, wenn jüdische Institutionen gegen die Nazis rebelliert hätten, statt sich passiv auszuliefern. Vor allem war es der lockere Stil Arendts, der verstörte: manchmal ironisch, süffisante Nebenbemerkungen nicht scheuend und dabei Eichmann denn auch nicht als »Ungeheuer«, sondern als »Hanswurst« bezeichnend. Solch flapsigen Ton bei solch einem Thema schlug ausgerechnet eine aus Deutschland emigrierte Jüdin an, keine 20 Jahre nachdem sechs Millionen Juden umgebracht worden waren? Enge Weggefährten wie Hans Jonas oder Gershom Scholem brachen mit ihr.

Am 19. September 1964 sollte es also im beschaulichen Baden-Baden um Eichmann in Jerusalem gehen; die deutsche Ausgabe des Buches war erschienen. Hektische Zeiten für die Autorin: Drei Tage zuvor war ihr alsbald legendäres Fernsehgespräch mit Günter Gaus aufgezeichnet worden; eine äußerst erregte Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse hatte sie virtuos überstanden. Am 17. September hatte sie in der Stadt mit Fest dem Auschwitz-Prozess beigewohnt und ihre Sicht auf die banal-dummen Täter bestätigt gefunden. Sie verbrachte diese Tage mit Fest; gemeinsam fuhr man nach Baden-Baden, um sich vorzubereiten und näherzukommen. Beide schätzten sich bereits: Fest hatte in seiner 1963 erschienenen Porträtsammlung Das Gesicht des Dritten Reiches über die NS-Elite Bezug auf Arendts Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft genommen, das für ihn ein intellektuelles Initiationserlebnis gewesen war. Sie wiederum verwies auf sein Buch in der deutschen Ausgabe von Eichmann in Jerusalem. »Sie wissen, wie gut mir Ihr Buch gefällt. Ich freue mich also darauf, Sie kennenzulernen«, schrieb sie ihm im August, nachdem er Kontakt zu ihr aufgenommen hatte.

Eines allerdings wollte Hannah Arendt nicht: »Ich hatte niemals die Absicht, mich zu verteidigen«, ließ sie ihren Interviewpartner wissen: »Wir gehen nicht aus von den Einwänden gegen mein Buch, sondern von Problemen, zu denen wir beide etwas zu sagen haben«, denn »wir haben gemeinsame Interessen, sehen viele Dinge in einem ähnlichen Licht.« Unverkennbar ist jene Neugier auf das Gegenüber, die viele von ihr begeisterte junge Nachkriegs-Intellektuelle bei Arendt erlebten. Neben Fest und Gaus lassen sich die Österreicherin Ingeborg Bachmann, Rolf Hochhuth, Hans Magnus Enzensberger und vor allem Uwe Johnson nennen; Letzterer setzte ihr in seinem Roman Jahrestage ein literarisches Denkmal. »Für die Deutschen bin ich auch in vorgerückten Jahren noch höchst attraktiv«, hatte sie ihrem Mann Heinrich Blücher 1950 ironisch geschrieben; »die Enkel sind besser als die Söhne«, befand sie 1965. Zweifellos war es ein Honeymoon, den Arendt mit Deutschland damals erlebte. Nicht nur am Hudson River, auch am Rhein war sie ein intellektueller Star.

Arendts Radiogespräch mit Fest ist zweifellos so bedeutend wie das bekannte Gespräch mit Gaus. Sie nutzte die Chance eines weit über dem damaligen Horizont der Zeitgeschichtsforschung stehenden Diskussionspartners, um über Eichmann in Jerusalem hinauszudenken. Noch einmal beschrieb sie den neuartigen Mördertypus des Bürokraten: Wenn sie Eichmann als untypischen Mörder bezeichne, so meine sie keinen besseren, sondern einen unendlich viel schlimmeren Mörder: »Ich kann mir Mörder vorstellen, die mir erheblich sympathischer sind, wenn ich so was sagen darf, als Herr Eichmann.« Die »verrückte Idealisierung des Gehorsams« sei sehr deutsch; hinzu komme eine Unfähigkeit, sich in den anderen einzufühlen, was eine Art Dummheit sei, die bei Eichmann wirke. Den Deutschen schreibt sie ins Stammbuch: Auch als Ohnmächtiger in einem totalitären System müsse man keineswegs zum Verbrecher werden. Und Gerechtigkeit gebe es nur durch Bestrafung der Täter: »Wenn das deutsche Volk der Meinung ist, es kann ganz ungestört mit den Mördern in seiner Mitte zusammenleben, dann geht das gegen die Ehre und Würde des Juden.« Doch wie reden über das Inferno? Pathetisch nicht; dadurch würden die Verbrechen verharmlost. Die Einwände gegen ihre Ironie beträfen letztlich ihre Person: »Ich bin ganz offenbar sehr vielen Leuten sehr unangenehm.« Und schließlich das Bekenntnis: »Ich bin noch der Meinung, daß man lachen können muß, weil das Souveränität ist.« Musste man das wirklich, wenn man die Krematorien noch im Kopf hatte? Scholem und Arendt hatten darüber Briefe veröffentlicht, in denen er ihr mangelnden »Herzenstakt« vorwarf: »Ich würde auch sagen, daß Ironie in diesem Zusammenhang so schlecht angebracht war wie nur irgendwie denkbar.«

m Briefwechsel zwischen Arendt und Fest in den folgenden Jahren ist vor allem der Austausch über Albert Speer interessant. Fest hat die Erinnerungen von Hitlers Lieblingsarchitekt und Rüstungsminister als »vernehmender Lektor« begleitet. Arendt ist nach der Lektüre angetan und irritiert: Speer »ist ehrlich, bewundernswert ehrlich«, befand sie – eine blauäugige Annahme. »Der Mann gefällt mir, nur verstehen tue ich ihn nicht«, lautete ihr Fazit. Gemeint war Speers Karriere unter Hitler: »Wie konnte diese Sache einem Mann passieren, der offensichtlich nicht in diese Gesellschaft paßte?« In typischer Frivolität ihr Erklärungsversuch: »Nun kennt man solche Liebesgeschichten, nämlich dann, wenn Mädchen nicht eigentlich mit dem Mann, sondern mit dem Ruhm ins Bett gehen.« Fest sah einen »derben Ehrgeiz« bei Speer, dessen »Unglück gewesen ist, immer beliebt zu sein«. Was auch immer es brachte: Die Täterseele ließ beide nicht los. Fest berichtet ihr, dass er Speer einige Passagen ihres Briefes vorgelesen habe, um Antworten zu erhalten; sie fielen erwartbar unbefriedigend aus.

1973 schickte Fest ihr ein Exemplar seiner Hitler-Biografie, zu der »Sie ja doch eigentlich den Anstoß gegeben haben«, wie er ihr vier Jahre zuvor geschrieben hatte. Sie antwortet mit Brecht: »Sowenig das Mißlingen seiner Unternehmungen Hitler zu einem Dummkopf stempelt, so wenig stempelt ihn der Umfang dieser Unternehmungen zu einem großen Mann.« Und fügt ihm eine Abschrift von Gottfried Kellers Gedicht Der öffentliche Verleumder bei, in dem es heißt: »Gehüllt in Niedertracht / Gleichwie eine Wolke, / Ein Lügner vor dem Volke, / Ragt bald er groß an Macht / Mit seiner Helfer Zahl, / Die hoch und niedrig stehend, / Gelegenheit erspähend, / Sich bieten seiner Wahl.«

Bedauerlich an dieser so verdienstvollen Edition ist dabei in der Einleitung der Herausgeber jenes für Arendt-Debatten hierzulande typische assoziative Geraune. Fests Bemerkung über Arendts »Anstoß« nutzen sie zu einer Rätselkette inklusive der Frage: »Wie hätte Fests Buch ausgesehen, wäre es tatsächlich in Korrespondenz mit Arendt, auch als Antwort auf ihr politisches Denken, geschrieben worden?« Eine historische Biografie als Antwort auf ihr politisches Denken ist auch anderswo nicht geschrieben worden: Menschheitsversäumnis oder simples Darstellungsproblem? Irritiert sind die Herausgeber von der »Sympathie« Arendts für Speer. Man möchte ihnen zurufen: So individuell konnte sie halt sein! Perfide wird Fest für sein Vorlesen des Arendt-Briefes gegenüber Speer ein Strick gedreht: »Welcher Situation wird Arendt hier ausgeliefert? Ungefragt ist sie in ein Gespräch gezwungen« – sie, die eben noch Sympathie für Speer hatte? Zweifellos war dieser für sie und Fest ein lebendes Forschungsobjekt – Vorlesen zwecks Erkenntnisgewinn war da kaum verboten.

Es bleibt die Frage nach der Lachlust der Philosophin. Marie Luise Knott, Herausgeberin des jüngst erschienenen Arendt-Scholem-Briefwechsels, hat jetzt in einem klugen Büchlein Denkstile Hannah Arendts gedeutet. Ihr »Dramatisieren« gehört dazu, jene Fähigkeit, rhetorisch sich zu exponieren und das Gegenüber anzusprechen. Arendts Konzept des »Verzeihens«, das sie in den fünfziger Jahren politisch-philosophisch für sich entdeckt, wird von ihr wieder aufgegeben: ein Prozess des »Verlernens«, der typisch ist für die kreativen Häutungen dieser Denkerin, die sie oft so unfertig erscheinen lassen – wechselnd, umrisslos, eben wie eine schöne Wolke. Sie beherrschte das »Übersetzen«: Als eine Vermittlerin, die in unterschiedlichen Welten dachte, konnte sie sich für Kafka wie für Heidegger gleichermaßen in Amerika engagieren. Schließlich ihr »Lachen«: Knott analysiert es als befreienden Akt, als eine Form des Stiftens von Miteinander, als einen Modus intellektuellen Weiterlebens, demonstriert am Gaus-Interview. Jedem Zuschauer ist neben dem beeindruckenden Zigarettenqualm das breite Lachen Arendts über die anpassungswilligen deutschen Intellektuellen 1933 unvergesslich: »Zu Hitler fiel ihnen was ein... (Glucksen)« Doch Knott übersieht, dass Arendts Lachen etwas Verletzendes haben konnte. Ausgrenzung durch Auslachen gehörte zum Repertoire nicht nur im Falle »banaler« Massenmörder. Sie war auch eine eitle Diva, in »Leichtherzigkeit« (Scholem) und Bedenkenlosigkeit: »Aber daß mir die Sache« – gemeint war die Eichmann-Kontroverse – »auch Spaß bereitet – das dürfen Sie niemandem sagen und mich vor allem nicht am Mikrofon fragen!«, hatte Arendt Fest beschworen. Spaß machte »die Sache« Gershom Scholem sicher nicht.

Wie all das überhaupt möglich war, wie Hannah Arendt und viele andere Juden trotz ermordeter Freunde und Verwandter wieder nach Deutschland kommen, mit Deutschen lachen konnten, wird dabei letztlich ein großes Rätsel bleiben. Es war vielleicht möglich, weil in der Seele des Überlebenden nicht nur das Schuldgefühl gegenüber den Toten steckt, sondern auch der Triumph über die Täter. – Hannah Arendt starb 1975, Joachim Fest 2006. Wer heute ihren Dialog liest und diese besondere geistige Konstellation zweier Generationen erlebt, der spürt unweigerlich, wie trotz aller historischen Forschungen ihre bohrenden Fragen nach der Möglichkeit des Massenmordes immer noch rumoren. Dieses Rumoren wird leiser werden, gewiss, ganz aufhören jedoch kaum – unter der Schönheit sehr deutscher Wolken, über deutschen Abgründen.

Hannah Arendt

wurde 1906 in Hannover geboren und starb 1975 in New York. Sie zählt zu den bedeutendsten Denkern der philosophischen Theorie. Für überaus große Aufmerksamkeit sorgte ihr Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen"

Joachim Fest

wurde 1926 in Berlin geboren und starb 2006 in Kronberg im Taunus. Er war als Mitherausgeber der "FAZ" für das Feuilleton zuständig. Seine 1973 erschienene Hitler-Biografie zählt zu den Standardwerken über den Nationalsozialismus.

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