Das Spiegel ist aus - Arthur Nebe - Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei

Publié le par Der Spiegel

Das Spiegel ist aus - Arthur Nebe - Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei

Arthur Nebe hat an diesen letzten Erfolgen und Mißerfolgen nicht mehr den rechten Anteil genommen. Er war körperlich und seelisch defekter denn je, teils aus ganz einleuchtenden Gründen.

Arthur Nebe

Arthur Nebe

Körperlich litt er an seinem Kropf, der nach innen gewuchert war und allmählich die Luftröhre und die Halsschlagader abzudrücken begann. Himmler hatte ihm seinen Leibmasseur Felix Kersten verordnet. Natürlich war Kersten nicht in der Lage, mit seiner manuellen Therapie zu helfen, und hat das auch offen erklärt.

Himmler bestand trotzdem auf Weiterbehandlung durch Kersten, bis Nebe wirklich so krank war, daß er Mittsommer 1943 - auf den unmißverständlichen Rat Kaltenbrunners hin - schleunigst nach Wien zur Operation mußte Die katholischen Schwestern wundern sich über den hohen SS-Führer, der sehr religiös zu sein scheint, der sich mit ihnen über den russisch-orthodoxen Ritus unterhält und der allen Glaubensrichtungen tolerant und loyal gegenübersteht.

Nebe glaubte nicht an seine Gesundung, weil ihm Professor Dr. Schneider, der spätere Leiter des "Kriminal-Medizinischen Zentralinstituts" von der Operation abgeraten hatte. Aber der Schnitt saß gut.

In Semmering, Villa Wolf, wo er nach der Operation weilt - Rommel war gerade ausgezogen - läßt Nebe sich ein Büro einrichten, das in ständiger Verbindung mit dem RKPA in Berlin und der Kripo in Wien steht. Er hat Angst, er könnte etwas vergessen, den Anschluß verlieren, er hat Angst vor den Dingen, die sich in Berlin ohne ihn tun könnten.

Auf die Basedow-Krankheit schieben viele seiner Freunde die Eigenschaften, die zum Schluß immer ungünstiger hervortreten und die sich auch nach der Operation nicht bessern. Wie etwa die: Bei Gefahr von oben ist er bereit, alte, treue Mitarbeiter und Freunde fallen zu lassen. So war er bereit. Werner abzuschieben, bis er mit dem gedachten Stellvertreter, dem österreichischen Stapo-Mann Dr. Schefe, den Kaltenbrunner ihm ins Amt gegeben hatte, ein Fiasko erlebte.

Grobheiten und Wutausbrüche, auch gegen leitende Beamte, mehren sich. (Am Telefon ein kurzes scharfes "Herr ...") Kurz darauf Anrede "Mein Lieber ..." und Nebe ist bezaubernd liebenswürdig. Konstant liebenswürdig ist er gegenüber allem Weiblichen.

Am Telefon ist er sehr knapp, redet zumeist in Stichworten und liebt es, wenn man ihm kürzesten Vortrag hält, etwa so: "Gruppenführer, Fahndung nach S-Bahn-Mörder läuft an wie gestern vorgetragen! 250 Beamte in dieser Nacht auf der Strecke. Kommissar Lüdtke bringt System in die Sache. Ich berichte weiter, sobald es Neues gibt." Nebe dann: "Gut, danke" oder "Verdammte Schweinerei, wenn Sie nicht bald zum Ziei gelangen." Oder auch zwischendurch der Ausruf "Dunnerkiel!" Aber auch: "Ich verlange, daß die Feststellungen noch heute abgeschlossen werden, ich verlange, ich verlange, ich verlange."

Man sieht ihn oft, mitten aus einem vertrauten Gespräch heraus, am Telefon sich verbeugend, triefend vor Servilität und Höflichkeit, man denkt, er spricht mit Kaltenbrunner oder Himmler, es ist aber nur ein kleiner Hauptsturmführer von der Stapo. Wegen des kleinsten Stapo-Mannes ließ er getrost die ganze Kripo sitzen.

Von 7 bis 8 Uhr reitet er täglich mit Untersturmführer Zabel in Zehlendorf. Daher auch: "Zabel, reiten Sie zur Fleurop und bestellen Sie Blumen." (Stellte Nebe einen Fuß vor Zabel auf einen Stuhl, dann fing der Untersturmführer - in Uniform - von selbst an, den Schuh zu wienern).

Mit unvorschriftsmäßigem Tempo, aber sehr sicher, steuert Nebe seinen Mercedes, ein Polizeifahrzeug, selbst ins Amt. Unterwegs fährt er nur langsamer, wenn er einem hübschen oder auch weniger hübschen Mädchen begegnet.

8 Uhr 30 bis 9 Uhr Rasieren und Kopfmassage im Amt. Nebe hatte ein einigermaßen seltsames Individuum engagiert, dem er im Amt eine Friseurstube eingerichtet hatte. So fungierte dieser kleine Wichtelmann ("Um Gottes willen, Herr Rat, ich habe keine Zeit, muß zum Herrn General!") als Hoffriseur Nebes. Während dieser täglichen Kur, teils in Nebes Arbeitszimmer, erhielt er schon Bericht über wichtige Vorgänge.

9 bis 12 Uhr Besprechungen, Termine (auch auswärts, Justizministerium, OKW), Aktenbearbeitung. Zur Berichterstattung bei Vorgesetzten erschien er gern allein, was den Nachteil hatte, daß er ungenau berichtete, weil er die Lage nicht genau genug kannte. Aber er wollte Erfolge gern für sich allein buchen.

12 bis 13 Uhr Essen bei Kaltenbrunner (früher bei Heydrich) mit den Amtschefs oder im Amt mit einem Sachbearbeiter.

13 Uhr bis 13 Uhr 30 mußte Nebe auf Befehl Kaltenbrunners ausruhen, was er nur selten tat. Er ist immer ruhelos, hat selbst beim Essen keine Zeit, glaubt, es gehe ohne ihn nicht, und muß immer arbeiten. Aß er im Amt, ließ er sich das miese Kantinenessen servieren.

Von 14 bis 17 Uhr Besprechungen, Termine (oft auswärts, auch dem Referenten und dem Adjutanten unbekannt, wo), Besuche.

Nebe sagte dann wohl: "Zabel, lassen Se keinen rin." Im Amt hatte er eine große Kiste Kulmbacher mit Patentverschluß - er war Biertrinker - aber auch 3-Stern-Cognac, dazu 5-6 Zigarrenkisten (mit Bauchbinde). Nachmittags fuhr er auch schon mal rüber zu Waldenbergs am Alexanderplatz oder trank unter den Linden Kaffee. Aber sein Magen war nie sehr stark.

17 bis 19 Uhr, sehr oft bis nachts um zehn und auch bis Mitternacht Aktenarbeit. Nebe war ein ausgesprochener Bürohocker und rauchte entsprechend viel Zigaretten. Abends fielen ihm dann plötzlich Vollzugsmaßnahmen ein, die er sofort erledigt wissen wollte, obwohl außer dem Nachtdienst kein Mensch mehr im Amt war. Einige Beamte blieben daher am Schreibtisch sitzen und drehten Däumchen, bis auch der Chef das Haus verlassen hatte. Nebe ließ sich da leicht täuschen und hielt solche Leute für besonders eifrig.

Bei Reden tat er sich sehr schwierig, obwohl er gut reden konnte, wenn er vom Blatt ablas. Auch seine Schreiben an höhere Dienststellen ließ er von Werner begutachten und umarbeiten, der ihnen hauptsächlich den schwülstigen, servilen Stil herausnahm. Wenn er von den "dunklen Strömen des Blutes" redete oder schrieb, oder auch von dem "brodelnden Magma der Verbrecherseele", dann meinte er es damit nicht so ganz unernst. Auch Briefe an frühere Duzfreunde unter den leitenden Angestellten mußte Werner im Entwurf beantworten.

Bei den kleinen Leuten war Nebe nicht übermäßig beliebt, obwohl er sich sehr für sie einsetzte. Er machte gern Freude, wenn es halbwegs ohne Kompliziertheiten abging. (So hat er der Mutter des Hans Bernd Gisevius nachts manchmal einen Sack Kohlen angeschleppt.)

Allen seinen Verwandten riet er schon frühzeitig ab, nach dem Osten zu gehen, er selbst nahm von ihnen kaum einen Rat an, es sei denn von seiner Mutter. Aus dem Osten brachte er sich das Lied "Unrasiert und fern der Heimat" mit.

Alle Kritik an Nebe räumt aber ein, daß er bei seiner unbestreitbaren Neigung zur Angabe die gediegene wissenschaftliche Arbeit zu schätzen wußte.

Er hatte immer Pläne und Ideen. Soweit es sich um organisatorische und kriminalistische Dinge handelte, führte er auch viel durch. Aber sonst ging das etwas durcheinander. So wollte er eine Segel-Yacht für das Amt erwerben, um an der Kieler Woche mitzumachen, dann wieder erstrebte er einen Fieseler Storch oder einen Dachgarten im Amt oder ein Haus am See für das Amt. Für technische Dinge hatte er viel Verständnis. Im KTI konnte er sich stundenlang aufhalten.

Manche Ideen trugen Nebe den Spott seiner Mitarbeiter ein. So, wenn er die amerikanische Unterwelt gewinnen will, um den Krieg für Deutschland zu entscheiden. Aus dem Buch "Tammany Hall" hatte er diese sehr kriegsentscheidende Idee entwickelt. Nebe: "Sabotagen! Brände! Katastrophen! Das müßte den Krieg entscheiden."

Im RKPA hieß es: "Nächstens wird Nebe giftgeladene Brieftauben gegen Amerika loslassen, um den Krieg zu gewinnen."

Aber Nebe hat auch selbst Ideen Himmlers lächerlich gemacht. Im Februar 1944 erhielten Müller und Nebe Briefe, in denen Himmler auf die Ausbildung von Offizieren des englischen und anderer Geheimdienste hinwies. Darin hieß es, daß in der Politik wie besonders im Nachrichtendienst die Frau eine erhebliche Rolle spiele. Wie könne aber die deutsche Abwehr bestehen, wenn es Kriminalkommissare und -räte gebe, die nicht einmal tanzen könnten? Die persönlich-dienstliche Berührung mit Frauen müsse gewandt sein, nicht steif. Man müsse den Frauen persönlich imponieren!

Und dann schlug Himmler vor, die Amtschefs des Reichssicherheitshauptamtes sollten einen Kreis jüngerer Kriminalkommissare auswählen, die außer im modernen Tanz auch in der Beherrschung kleiner Taschenspielertricks unterwiesen werden sollten, "mit denen man Frauen imponieren kann". Der Gute!

Sogar der Leiter dieser Ausbildung war schon parat: der Präsident des magischen Zirkels und der Bavaria, Schreiber. Das im Februar 44.

Aber noch verrücktere Ideen finden ihre Verwirklichung. So entsteht die berüchtigte Division Dirlewanger im Kopfe Himmlers, als der sich irgendwann einmal über Wilddiebe unterhält. Ihre Scharfschützeneigenschaften - übrigens in den seltensten Fällen bei Wilddieben beobachtet - will Himmler für den Krieg nutzbar machen

Das Referat für die vorbeugende Verbrechensbekämpfung im Reichskriminalpolizeiamt muß alle vorbestraften Wilddiebe in Deutschland listenmäßig zusammenstellen, sie aus Gefängnissen und Konzentrationslagern herausholen. Sie werden in der Division Dirlewange zu Himmelfahrtskommandos zusammengestellt.

Bald folgen den Wilddieben alle möglichen anderen "Berufsverbrecher" aus den Konzentrationslagern in die SS-Uniform. "So weit sind wir schon, daß wir unsere Berufsverbrecher bewaffnen müssen!", mokiert sich Nebe über seinen höchsten Chef. Aber er überschlägt sich gleichzeitig, die Listen der Dirlewanger-Leute möglichst umfangreich zu gestalten.

Zwischen Depressionen und Geschäftigkeit taumelt Nebe hin und her. Wieweit beides auf Kosten des Basedow geht, läßt sich heute so wenig wie damals entscheiden. Sicher dagegen ist, daß er einer seelischen Katastrophe entgegentreibt, die ihre Ursache nicht ausschließlich in seiner körperlichen Krankheit hat.

Zwei Dinge vor allem machen ihn kaputt. Einmal spitzt sich die Situation für die Deutschen insgesamt, für die Widerstandsleute und am meisten für Nebe selbst immer unhaltbarer zu. Nebe war ja alles andere als ein Doppelspieler. Er liebte es, mit mehreren Spielchen zu spielen, aber er war kein Doppelspieler.

Oft genug saß er bei Ehepaar Strünck in dem Gobelinsessel mit den Holzarmen, in dem die Lady Strünck in ihrer Frankfurter Wohnung auch heute noch empfängt, und stöhnte: "Ich kann das Spiel nicht mehr mitspielen, ich bin fertig, ich kann nicht mehr." Aber für einen Mann, der nicht skrupellos unanständig war - und das war Nebe nicht - war das nun freilich zu spät.

Dann das Horoskop des Astrologen Wulff. Nebe trug es immer mit sich herum. Gisevius bezeugt, daß Nebe schon 1934 an Horoskopen interessiert war. Er habe sich öfter eines ausstellen lassen. Auch seinen engsten Freunden gegenüber habe er aber so getan, als halte er nichts von Horoskopen.

Auch seine graphologischen Ambitionen im Amt wußte er geheimzuhalten. Erst nach seiner Flucht fand man in seiner Schublade graphologische Gutachten über die engeren Mitarbeiter. Sie stammten von einem handschriftendeutenden Studienrat, der im Reichskriminalpolizeiamt fest angestellt war Er hat auch Nebes Handschrift gedeutet, und was er über Nebes Charakter zu sagen wußte, deckte sich erschrekkend mit der Charakter-Bestimmung des Wilhelm Wulff. Diese Uebereinstimmung lieh auch der düsteren Todesprophezeiung des Hamburger Astrologen noch mehr Gewicht, als sie ohnehin bei dem sanguinischen Skeptiker Nebe gemacht hätte.

Die ständig sich zuspitzende Ueberreiztheit des Chefs führt zu komischen Situationen. Eines Tages, als gerade das Gerücht geht, russische Fallschirmspringer würden abgesetzt um die führenden Männer Deutschlands zu beseitigen stürzt Nebe aufgeregt zurück in die Adjutantur, die er kaum eben verlassen hat

Er läßt sich in einen Sessel fallen. "Ein Attentat gegen mich! In meinem Wagen ist eine Bombe untergebracht!" Sein Referent rennt auf den Hof. Aus der geschlossenen Wagentür des Mercedes lugt ein Metallkabel hervor. Vorsichtig öffnet Teichmann den Wagen. Das Kabel führt zu einem Paket, das auf den Rücksitzen liegt. Das Kabel umschnürt ein Paket. Das Paket wird geöffnet. Es enthält Blaubeeren die ein Beamter aus der Schorfheide für den Chef mitgebracht hat.

Oftmals finden Adjutant und Referent ihn geistesabwesend am Schreibtisch sitzen oder aus dem Fenster auf die Straße stieren. Mit leeren Augen begegnet er den Eintretenden und findet sich erst langsam zurecht Mit der politischen Situation und den Anforderungen, die sie an einen Verschwörer stellt, wird er nicht fertig.

Das zeigt die Unterhaltung, die er an einem Dezembertag des Jahres 1943 mit dem Leiter seines ausgezeichneten kriminalbiologischen Instituts Dr. Dr. Ritter hatte. Der Erbbiologe Dr. Ritter ist einer der zuverlässigsten Zeugen, da er sich Nebe gegenüber als Arzt fühlte und da seine Aussagen noch heute zwischen Leidenschaftslosigkeit und menschlichem Verständnis die Waage halten.

Dr Ritter schreibt: "Wiederholt habe ich erlebt, daß er aussprachebedürftig war, und daß er dann zu mir sprach wie ein Patient zum Arzt in der Sprechstunde. Bei diesen Gesprächen ließ er mich wissen, wie er rein menschlich zu Gegenwartsfragen und zu den Persönlichkeiten seiner Umgebung stand."

"Er beschäftigte sich auch viel mit sich selbst, seiner Herkunft, seiner Entwicklung und seinem Charakter Es ließ ihm keine Ruhe, daß ein Graphologe ihm gesagt hatte, er sei ein sehr ehrgeiziger Mann. Daß diese Feststellung berechtigt war, ließ sich nicht übersehen. Dabei litt Herr Nebe an einer tiefsitzenden Unsicherheit, die er gerne zu überdecken und zu kompensieren suchte."

"In Januar 1942 trat ich als vorläufiger Leiter des neugegründeten KBI auch in eine dienstliche Beziehung zu Herrn Nebe. Dadurch hatte ich Gelegenheit, ihn hie und da in größerem Kreise kennenzulernen. Während der Zeit meiner nebenamtlichen Zugehörigkeit zum RKPA habe ich die Erfahrungen machen müssen, daß es Herrn Nebe nicht gegeben war, rasch zu klaren Entschlussen zu kommen. Er hatte sein Herz auf dem rechten Fleck, aber er sah sich immer wieder gezwungen zu lavieren, und er scheute gern vor eindeutigen Stellungnahmen zurück. Dies zeigte sich bei großen ebenso wie bei kleinen Entscheidungen."

"Es war oft sehr schwer zu durchschauen. welche Beweggrunde er für sein Handeln hatte. Manchmal war ich frappiert zu sehen, wie er sich abwartend verhielt und zusah, welche Gruppe sich mit ihren Argumenten durchsetzte. Er vermied es, seine Mitarbeiter vor den Kopf zu stoßen oder sich offen auf eine Seite zu stellen."

"Nach außen hin wirkte es so, als ob er niemanden an seine Stellung herankommen lassen wolle und als ob es ihm darum zu tun sei, sich bei seinen Vorgesetzten in möglichst gute Erinnerung zu bringen. Trotz dieser für das Dritte Reich so charakteristischen Haltung konnte ich letzten Endes nur zu der Ueberzeugung kommen, daß hinter seinem so schwankenden Verhalten der heimliche Wunsch stand, soviel Unheil wie möglich zu verhüten und mit den guten Kräften, die ihm in seiner Umgebung begegneten, zusammenzuarbeiten."

"Wenn ich an die gelegentlichen Gespräche mit Herrn Nebe zurückdenke, tritt mir immer wieder vor Augen, in welchem Maße der nicht sehr starke Mann an der unglaublichen schweren Last tragen mußte, die er sich aufgebürdet hatte. Im Laufe der Jahre brachte er mehrmals tiefseufzend zum Ausdruck, daß er abtreten möchte, weil er nicht mehr alles das verantworten könnte, was ihm aufgetragen wurde. Dabei hat sich Herr Nebe mir gegenüber nie über Einzelheiten ausgelassen. Er hielt sich streng an sein Dienstgeheimnis, und ich kann mich nicht entsinnen, Geheimsachen von ihm erfahren zu haben ..."

"Es konnte nicht ausbleiben, daß Herr Nebe einen gelegentlich auch enttäuschte. Er stand nicht immer zu dem was er zugesagt und versprochen hatte. Man mußte, wenn man merkte, daß er auch unter anderem Einfluß stand, sehr eindringlich werden, um ihn zu bewegen, standhaft zu bleiben."

"Am wohlsten fühlte er sich immer, wenn man ihm Wünsche vorbrachte, die er, ohne auf große dienstliche Schwierigkeiten zu stoßen, von sich aus erfüllen konnte. Dann freute er sich wie ein Kind, besonders wenn er merkte, daß er etwas Gutes vollbringen durfte."

Folgende Begebenheit kennzeichnet den Gewährsmann Ritter: Ritter, den Nebe vergebens ermunterte, doch wenigstens aus der Kirche auszutreten, war zu Ohren gekommen, daß in Dachau eine Reihe von Pastoren gefangen gehalten wurden. Er versuchte ihnen zu helfen, und zwar über Nebe. "Machen Sie einen Vorschlag" sagte der.

Ritter kam auf die Idee, daß diese Pastoren für seine erbbiologischen Forschungen alte Zeitungsbände durchstöbern könnten. Sofort rief Nebe noch in Gegenwart Ritters bei dem Inspekteur der KZ, dem SS-Obergruppenführer Glücks, an: "Sie haben da doch diese Pfaffen! Können Sie mir die nicht für wichtige Arbeiten zur Verfügung stellen?" Glücks konnte.

Wenn Dr. Ritter zu Nebe kam und es war jemand dabei, begrüßten sie sich mit dem Deutschen Gruß, aber beide so übertrieben. daß es zu einem besonderen Ulk wurde

Am besagten Dezembertag des Jahres 43 nun war Dr. Ritter mit Nebe in Wien zusammen, weil Nebe die Absicht hatte. seinem KTI und seinem KBI noch KMI, ein krim nalmedizinisches Institut, anzugliedern. (Auch die Gerichtsmedizin wollte er seinem Amt noch zuschanzen, das mißlang ihm aber.) Nach einem Herrenabend mit Professoren, die Nebe wenige Monate vorher behandelt hatten, gingen Nebe und Dr. Ritter nachts um S1 Uhr durch die völlig abgedunkelten Straßen zum Hotel zurück.

Dr Ritter: "Ich ging, ohne daß wir uns sehen konnten, neben Herrn Nebe einher. Mitten aus einem etwas gewagten Gespräch über die Kriegslage fragte Herr Nebe plötzlich aus dem Dunkel heraus: 'Doktor, nun sagen Sie mir einmal als Psychiater, kann man mit Recht sagen, daß der Führer geisteskrank ist?'

"Offen gestanden, mir wurde etwas schwummrig zumute, ausgerechnet einem SS-Gruppenführer fast amtlich eine Antwort hierauf geben zu sollen. Da ich ihn aber nicht vor den Kopf stoßen durfte, äußerte ich ganz klar: 'Geisteskrank im Sinne eines organischen Leidens scheint mir der Führer nicht zu sein.'"

"Wir gingen schweigend weiter. Dann kam die Frage: 'Nun sagen Sie mir bitte mal als Charakterologe, was Sie vom Führer halten. Sie werden ja als solcher auch schon darüber nachgedacht haben.' Mir schoß durch den Kopf, ob ich wohl am kommenden Morgen irgendwo hängen würde Doch mußte ich schließlich Herrn Nebe vertrauen, da er mich bisher nie bloßgestellt, sondern mir sachlich immer geholfen hatte. Und doch erschien mir diese Frage derart abrupt, daß ich mir wünschte, dieses Gespräch würde in der vorsichtigen Art geführt, wie wir es sonst gewöhnt waren."

"Meine Antwort sollte wahr sein, aber ich wollte mich lieber nicht auf lange Diskussionen einlassen. Darum sagte ich einfach: 'Herr Nebe, auch das will ich Ihnen. so gut ich kann, beantworten: ich halte Hitler für einen Mann, der wirklich zu allem fähig ist'"

"Herr Nebe setzte dann noch einmal an: Doktor, was würden Sie sagen, wenn auf den Führer ein Attentat gemacht würde."

"Ueber diese Frage hatte ich schon viel nachdenken müssen, und ich war seit 1940 immer zu dem gleichen Ergebnis gekommen Mir mußte es als überheblich erscheinen, in dieses gewaltige Weltkriegsgeschehen als Einzelner eingreifen zu wollen. Was wußte man von dem, was vor sich ging. Hatte man sich nicht schon oft gefragt, woher man das Recht und die Kraft nahm, sich innerlich von dem Denken und Tun der meisten Bekannten abzusetzen."

"Man durfte wohl den Versuch machen, die Bezirke geistiger Freiheit zu verteidigen, aber man durfte wohl nicht im Großen Schicksal spielen wollen, es sei denn, man hätte die Fähigkeiten und die Macht dazu. Ein Attentat mitten im Kampf um das Leben des Volkes schien mir unter den herrschenden Umständen und unter Berücksichtigung der vorhandenen Persönlichkeiten zu gewagt."

"Ich sah keinen Mann, der sich in dieser Krise an die Stelle Hitlers hätte setzen können. Ich hatte dumpf das Gefühl, daß wir das folgerichtige Ende des Kampfes und des Diktators abwarten müßten."

"Das versuchte ich Herrn Nebe dem Sinn nach klar zu machen."

Von Dr. Ritter stammt ferner eine Bemerkung, die fast übereinstimmend in allen Aussagen von RKPA-Seite wiederkehrt, nämlich: "Ich kann mich nicht entsinnen, bis zum Jahre 1943 jemals eine offene Kritik Nebes an dem Führer gehört zu haben." Gegenüber der Person Hitlers hatte der Widerstandsmann Nebe immer noch Hemmungen.

Es gibt keine zureichende Erklärung, wie Nebe diese Hemmungen verloren haben soll, es sei denn wieder die von RKPA-Seite, die wissen will, die ihm befohlene Exekution der 50 englischen Flieger von STALAG Luft III. habe Nebe über die letzte Klippe hinweggeholfen.

Kein Verbrechen dieses Krieges hat die englische Oeffentlichkeit so erregt wie das Schicksal der 50 englischen RAF-Offiziere, die nach einem Fluchtversuch aus dem Stammlager (STALAG) Luft III in Sagan (Schlesien), auf Befehl Hitlers erschossen werden mußten. Kein Verbrechen ist in Nürnberg so hartnäckig abgestritten worden. Selbst Göring, der sich ein Vergnügen daraus machte, möglichst viel Verantwortung auf sich zu nehmen, atmete schwer, als er die Mitschuld am Tode der 50 englischen Flieger in Sagan entrüstet von sich wies.

Göring konnte sich entlasten, Keitel konnte sich entlasten, Jodl konnte sich entlasten, ebenso der General Westhoff, der Chef des Kriegsgefangenenwesens. Ein Mann dagegen hätte sich auf keinen Fall entlasten können, wenn er in Nürnberg vor Gericht gestanden hätte Arthur Nebe.

Bei der Lagebesprechung am 25. März 1944 meldete Himmler dem Führer die Flucht der 76 Offiziere. Sie hatten sich in monatelanger Arbeit den Tunnel "Harry" gebuddelt, der 75 Meter lang war und acht Meter unter der Erdoberfläche verlief.

Hitler machte Keitel schwere Vorwürfe wegen der erheblichen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, weil die geflohenen Offiziere die in Deutschland befindlichen sechs Millionen Ausländer bei der Organisation eines bewaffneten Aufstandes unterstützen könnten. Hitler erteilte dann den Befehl: Die Gefangenen bleiben bei Himmler.

Eine Uebergabe der bereits von der Wehrmacht wieder ergriffenen und in das Lager zurückgebrachten 15 Offiziere an Himmler lehnte Keitel ausdrücklich ab; diesen Offizieren geschah nichts.

Daß die Gefangenen, die bei Himmler verbleiben sollten, zu erschießen seien, ist von Hitler bei dieser Lagebesprechung in Gegenwart von Keitel nicht befohlen worden. Immerhin mußten Keitel und Jodl befürchten, daß die Ergriffenen zumindest in ein KZ verbracht würden. Sie mußten Repressalien an deutschen Gefangenen befürchten. (Aber was mußten sie nicht befürchten!)

Nach der Genfer Konvention hätten die Offiziere ins Lager zurückgebracht werden müssen und schlimmstenfalls mit einer Disziplinarstrafe belegt werden können. Aber Hitler beschloß - "wegen des Luftterrors" - die Genfer Konvention nicht zu beachten und erteilte Himmler direkt den Erschießungsbefehl für "über die Hälfte" der Geflohenen.

Nebe, Chef des Sonderdienstes für die Verhütung von Kriegsgefangenenfluchten, fahndete nach den Geflohenen. Das Meisterstück, das seine Kripo hier vollbrachte, hat in der Geschichte der deutschen Kriminalpolizei nicht seinesgleichen. Aus dem ganzen Reichsgebiet, das von Ausländern, darunter 140000 entlaufene Kriegsgefangene, wimmelte, hatte er die Entflohenen bis auf drei innerhalb weniger Tage wieder beisammen.

Dies war aber der schlimmste Streich, den Stapo-Müller dem Nebe jemals gespielt hat: Zwar, die Stapo sollte erschießen, aber Müller arrangierte es bei Kaltenbrunner so, daß die Kripo aussuchen sollte, wer erschossen wurde.

Eine ganze Nacht saß Nebe ohne Schlaf über seinem Schreibtisch und studierte die Lebensläufe und die Lichtbilder der Offiziere. Mehrere Male sortierte er die aus, die verschont bleiben sollten, jedesmal merkte er, daß er nicht 50, wie befohlen, sondern nur drei oder vier zur Erschießung überbehalten hatte. Gegen Morgen fand man ihn auf seinem Sofa eingeschlafen. Die Liste war komplett. Aber Arthur Nebe war auch mit seinem Führer fertig.

Die Erschießungen gingen nach bewährtem Muster vor sich. Gestapo-Beamte holten die gefaßten Fliegeroffiziere im Auto aus den Gefängnissen in verschiedenen Teilen Deutschlands. Sie weihten die betreffenden Gefängnisleiter in einigen Fällen ein, zum Teil aber wurde erzählt, die Gefangenen würden für Vernehmungen in Berlin gebraucht.

Im Hamburger STALAG-Prozeß hat Obersekretär Walter Breithaupt, Fahrer bei der Gestapo-Leitstelle Saarbrücken, die Erschießung der Engländer R. J. Bushell und B. M. W. Scheidhauer geschildert, (Breithaupt bekam lebenslänglich Gefängnis.)

Um 4 Uhr morgens wurden die beiden Engländer aus dem Gefängnis in ein Auto verfrachtet. Die Gestapo-Leute Dr. Spann und Schulz warteten im Wagen.

Dann ging es auf die Autobahn nach Mannheim. "Fahren Sie doch nicht so schnell, wir haben viel Zeit", sagte Dr. Spann zum Fahrer. Wenig später ließ er halten. Den Offizieren wurden die Handschellen abgenommen, "damit sie austreten können".

Die Offiziere gingen zwei Meter seitlich in das Gras und drehten sich um. Dr. Spann und Schulz zogen Pistolen und schossen zur gleichen Zeit. Der Bericht nach Berlin hatte den gleichen Wortlaut wie alle anderen Berichte über die Erschießung von den entflohenen britischen Fliegeroffizieren: "Auf der Flucht erschossen."

Aus diesen Berichten wurde in Berlin eine Akte zusammengestellt, die an das Auswärtige Amt weitergeleitet wurde, um die aus der Schweiz und aus England kommenden Behauptungen, diese Erschießungen seien glatter Mord, zu widerlegen.

In Nebes Büro sind aber Akten über die Fliegererschießungen gefunden worden, die in allen Einzelheiten den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen. Das entsprach Nebes Gewohnheit, tatsächliche Begebenheiten schriftlich festzuhalten, um später einmal zeigen zu können, "wie es wirklich war". Nebe legte seit 1936 in etwas dilettantischer Auffassung Material beiseite, betreffend etwa die "Geisteskrankheit" der Herren Himmler und Heydrich. Die Wahrheit über Sagan hat er aktenkundig festgehalten.

Er vor allem hatte allerdings solch ein schriftliches Alibi dringend nötig. Bei der Auge-um-Auge-Justiz, die die Engländer im Hamburger Sagan-Prozeß geübt haben, wäre Arthur Nebe mit Sicherheit auf der Strecke geblieben, und selbst der Chef der englischen Atomwächter Sir Percy Sillitoe, sein Freund, hätte nicht viel für ihn tun können.

Nebes direkter Untergebener, der Leiter der Kripoleitstelle Breslau, Wielen, bekam lebenslängliches Gefängnis, nur weil er sich von Nebe selbst mündlich darüber hatte belehren lassen, "daß die Befehle des Führers widerspruchslos ausgeführt werden müßten".

14 von 18 Angeklagten im Hamburger Prozeß, meist Stapo-Leute, bekamen "death by hanging". Die englische Oeffentlichkeit blickte auf das Hamburger Curio-Haus. Nebe hätte dort nichts Gutes zu erwarten gehabt.

Kaum ein anderer Kriegsverbrecher ist von den Engländern so beharrlich gesucht worden. Noch im Dezember 1945 wurde in den Interniertenlagern nach Leuten gesucht, die über Nebes derzeitigen Aufenthalt Auskunft geben konnten. Nebe hatte aber diese Welt schon längst verlassen, und zwar hatten ihm Kaltenbrunner, Himmler und Stapo-Müller dabei geholfen.

Aehnliche Anfragen erlebte Hans-Rudolf Berndorff. Er hatte sich gegen Kriegsende aus Berlin nach Kiel abgesetzt. Dort wohnte sein Freund, Dr. Ulrich Mohr (jetzt für "Quick" in Tibet). Der war als deutscher Kapitänleutnant Verbindungsoffizier beim britischen Admiral geworden Mohr nahm ihn in seinen Stab und so wurde Berndorff Unter-Verbindungsoffizier beim britischen Admiral, was sehr komisch war, denn er hatte von Seekriegsdingen keine Ahnung.

Der britische Spionage-Abwehroffizier des Admirals äugte mißtrauisch, und als Berndorff einen Dampfer mit einem Motorschiff verwechselte, griff der Abwehrmann zu und dachte, er habe einen großen Fang getan und einen Spion gefaßt. Als er noch dazu entdeckte, daß es jener Berndorff war, der das auch in England gelesene Buch "Spionage" verfaßt hatte, triumphierte er, aber dann kam ein britischer Oberstleutnant, der durchschaute, daß Berndorff die Stellung des Essens, des Tees und der Zigaretten wegen angenommen hatte.

Als er die Personalien festgestellt hatte, wurde er sehr aufgeregt und sagte: "Sie sind doch viel mit Nebe umgegangen? Wo ist Nebe?"

Berndorff wußte ebensowenig von Nebes Tod wie der Offizier und meinte, Nebe sei zuletzt in einem Versteck in Mecklenburg gewesen (was ja irrig war). Der Oberstleutnant zerstreute den Spionageverdacht gegen Berndorff und forderte ihn auf, mit ihm zu überlegen, wie man Nebe finden könnte, da seine Dienststelle ihn dringend suche.

Dem Mann lag so viel daran, daß er noch zu Berndorff kam, als der schon nach Lübeck verzogen war. Das Ganze spielte von Anfang Mai bis Anfang Juni 1945.

Im Dezember 1943 spricht Nebe mit dem Erbbiologen Dr. Dr. Ritter über ein Attentat auf Hitler. In der ersten Hälfte des Jahres 1944 wird aus einem Attentat das Attentat des 20. Juli.

Was hat Nebe für die Verschwörer getan? Er hat sie mit Nachrichten aus dem Allerheiligsten versorgt. Er war der wichtigste Informand der Widerstandsbewegung. Er wußte, welche Schläge von seiten der Gestapo gegen die Verschwörer im Gange waren, und konnte manchmal vorwarnen.

Aber darüber hinaus hätte er den Verschwörern ein nützliches Vorbild sein können. Mancher hätte noch seinen Kopf, wenn alle insgesamt die Vorsicht des Chef-Kriminalisten geübt hätten, wiewohl sie bei Nebe manchmal Karl-May-hafte Züge hatte.

Nebe, der vor 1933 gern mit Schiebermütze und Shagpfeife ging, wie um Sherlock Holmes zu spielen, observierte die Gegend erst viertelstundenlang, ehe er zu einer Verabredung mit seinen Widerstandsfreunden. ging Er ließ sein Auto in einer Nebenstraße stehen und traf sich immer nur mit je einem Partner. Er verabredete sich für Mittwoch, wenn er Freitag kam, nach einem festgelegten Schlüssel. Das System der "konspirierenden Cafés" war ihm zuwider.

Er "konspirierte" lediglich mit Gisevius und Strünck, die beide 1939 von ihrem gemeinsamen Freund Oster zur Abwehr eingezogen worden waren. Gisevius firmierte als Vizekonsul in der Schweiz, und Strünck hatte eine direkte Telefonverbindung in die Schweiz.

Nebe, der noch als SS-General vor einem simplen Wehrmachtshauptmann Haltung annahm (wie sowohl Strünck als auch Oster bezeugten), scheute sich im Amt, offen den Londoner Rundfunk zu hören, obwohl er es gedurft hätte. Dann mußte immer einer im Vorzimmer aufpassen.

Zu Hause hatte er eine 900-Marks-Radiotruhe mit Vorwähler die auf der Moskauer Länge öfter in Betrieb war. Am 15. September 1943 waren, laut Tagebuch der Frau Adjutant Maisch, die Maischs in Berlin und besuchten Nebe. Am Abend erklärte Nebe, er müsse unbedingt London hören, denn am Vortage habe London durchgegeben, die Engländer wüßten noch nicht, ob ihre Truppen sich in Nettuno halten könnten Als dann durchkam, daß die Engländer dennoch hielten, habe sich Nebe so gefreut, daß er fast geweint habe. Man sieht also, daß Nebes Widerwillen gegen das Regime echt war.

Zu beiden Hauptverschwörer-Kategorien

* den eigentlichen Attentätern,

* den in Aussicht genommenen Amtsträgern in Schlüsselpositionen.

gehörte er nicht. Er wurde soweit informiert, daß man im Ernstfall der Kripo sicher sein konnte, und mehr war ihm auch gar nicht lieb

Immerhin war das manchmal mehr, als man selbst Gördeler dem Matador der zweiten Kategorie, anvertraute. Wenn aber jetzt Versionen auftauchen, nach denen Helldorf Innenminister werden sollte und Nebe, zusätzlich zum Chef der Kripo, noch Polizeipräsident von Berlin so sind das mit ziemlicher Sicherheit post-festum-Pläne oder sehr subjektive Absichten.

Ueber die Aktion "Walküre" erfuhr Nebe von Generalmajor Hans Oster, der 1943 als Stabschef der Abwehr aufgeplatzt war, von Strünck und von dem persönlichen Referenten des Justizministers, Hans von Dohnanyi. Dohnanyi und der Chef des Allgemeinen Heeresamtes im OKW, General Olbricht, waren in den Wochen vor dem 20. Juli mit Nebe bekannt gemacht worden.

Dergleichen hatte bei Nebe für gewöhnlich so seine Schwierigkeiten So verweigerte er beharrlich eine Zusammenkunft mit Gördeler so sehr Gördeler immer darauf drang. Wenn Gördeler plötzlich vor Strüncks Tür stand, entwetzte Nebe über den Balkon in die Küche.

Gördeler selbst wußte noch nicht einmal Nebes Namen. Er wußte nur, daß "ein hoher SS-Führer" Informationen gab. So kam Nebe auch nicht in Gördelers "Widerstands-Katalog" vor, in dem sonst nahezu alle Beteiligten zur Freude der Gestapo vermerkt waren.

Aber von der "Walküre" wußte Nebe. Das Stichwort "Walküre" war gewählt worden, weil unter der Parole der Alarmzustand begründet werden konnte, der dann verhängt werden sollte, wenn bei einem Aufstand ausländischer Arbeiter - es gab deren 6 bis 12 Millionen in Deutschland - die Polizei der Situation nicht mehr Herr wurde und die Wehrmacht eingreifen mußte.

Im Fall von "Walküre" sollten Nebes Beamte die Truppen zu den Berliner Ministerien führen Das war natürlich kein stichhaltiger Auftrag, denn dazu hätte man die Kripo nicht gebraucht. Aber man wollte die Kripo und ihren Chef, für dessen diffizile Situationen und für dessen Aengste man das beste Verständnis hatte, durch eine Aktion an den Putsch binden.

Um die Beamten bereitzustellen, mußte Nebe den Chef seiner Exekutive, Hans Lobbes, informieren. Beide galten als Freunde. Frau Nebe war zu Frau Lobbes nach Joachimstal in der Schorfheide evakuiert worden, beider Töchter, Gisela und Ingrid, waren, beide ohne das erforderliche Alter, in Prag auf der Schule für die weibliche Kriminalpolizei, um dem Kriegshilfsdienst und anderen Diensten zu entgehen.

Lobbes war also ebenfalls informiert. Seit Frühjahr 1943, sagt er selbst. Seit 1938, meint Gisevius, bei dem allerdings Nebes gesamter Widerstand einige Jahre vorverlegt zu sein scheint. (Gisevius: "Praktisch war ja Nebes Verhalten schon seit 1934 auf Umsturz gerichtet")

Aber vielleicht meint Gisevius, Lobbes habe von Nebes allgemeiner Mißstimmung schon seit 1938 gewußt. Die erste konkrete Aufforderung, die Kriminalisten, sämtlich Berliner, bereitzustellen, erfolgte an Nebe jedenfalls an einem Sonnabend im November 1943, am Vorabend des "Tornister-Attentats" als Hitler bei der Vorführung einer neuen Uniform in die Luft gesprengt werden sollte. Damals wunderten sich die eingeteilten Beamten die kein Telefon hatten, warum sie ohne erkennbaren Grund alle halbe Stunde im Amt anrufen mußten, ob etwas für sie vorliege.

Kriminalkommissar Schäfer war Kommissar vom Dienst. Arthur Nebe und Lobbes verlassen das Gebäude nicht, obgleich es auf Mitternacht zugeht. Halbstündlich erfolgen Anrufe: "Hier Kriminal-Obersekretär Hillmann (oder Seyffarth o. a.). Liegt für mich etwas vor?"

Schäfer ist verwundert, fragt. Bekommt zur Antwort: "Ich habe Anordnung von Lobbes, halbstündlich nach Weisungen zu fragen." Er erfährt, daß sich eine Reihe von Beamten in erhöhtem Alarmzustand befindet. Diejenigen, die kein Telefon im Hause hatten, mußten von sich aus in kurzen Abständen im Amt anfragen.

 

In einem hölzernen Pferd

gruben sich zwei Offiziere der Royal Air Force 1943 den Weg aus der Kriegsgefangenschaft des Stalag Luft III bei Sagan in die Freiheit. Das von ihnen selbst gebaute hölzerne Pferd war ein Turnbock, 1 Meter 38 hoch und mit 0,91 X 1,52 Meter Bodenfläche (links oben), in dem sie sich zweimal täglich an ihren Schacht dicht vor dem Stolperdraht tragen ließen (links unten). In viereinhalb Monaten gruben sie einen 33,4 Meter langen Tunnel unter dem elektrisch geladenen Stacheldraht weg ins Freie. Stieß der Grabende im waagerechten Tunnel an die graue Sandschicht, so merkte er, daß er nicht so hoch graben durfte, um nicht vorzeitig an die Erdoberfläche zu kommen. Sein Komplice hockte derweil im senkrechten Eingangsschacht und zog das Gefäß mit einem Strick nach vorn (rechts unten).

Der Sand wurde in selbstangefertigte Säcke gefüllt, die ebenfalls im Bauch des hölzernen Pferdes hingen (rechts unten), und wurde mit den beiden Flucht-Aspiranten wieder fortgetragen. Eingangsschacht und Tunnelanfang mußten mit gestohlenen Ziegelsteinen, Barackenbrettern und Rot-Kreuz-Verpackungen abgestützt werden, damit sie unter den ständigen Sprüngen der hilfswilligen Kameraden nicht einstürzten. Stalag Luft III galt als eines der fluchtsichersten Lager Aber anders als den 76 Offizieren des großen Ausbruchs gelang diesen beiden Schülern des Odysseus nicht nur die Flucht aus dem Lager selbst: sie abenteuerten sich nach England zurück. Der eine von ihnen, Eric Williams, beschrieb seine klassische Flucht in dem Buch "The wooden horse". "Das hölzerne Pferd" (siehe Abbildungen)

Publié dans Articles de Presse

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