Demjanjuk-Prozess nach zähen Monaten in der Schlussphase

Publié le par L'Alsace

JournalL'Alsace publié le 20/02/2011 à 00:00

In München werden bald die Plädoyers im Verfahren gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher von Sobibor gehalten.

Demjanjuk JohnDie Weltöffentlichkeit schaute nach München, als dort am 30. November 2009 in einem Rollstuhl John Demjanjuk zum ersten Mal in den Gerichtssaal geschoben wurde. Eineinviertel Jahre später geht der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher nun in seine letzte Phase. Übermorgen soll nach mehr als 80 Verhandlungstagen die Beweisaufnahme geschlossen und mit den Plädoyers der Staatsanwaltschaft begonnen werden. Im März könnte ein Urteil fallen. Während die Anklage den 90-jährigen Demjanjuk weiter für schuldig hält, hält sein Verteidiger ihn für unschuldig — an diesen Positionen hat sich in dem überaus zähen Prozess nichts geändert.

Demjanjuk wird vorgeworfen, 1943 als Wärter im Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von 27 900 Juden beteiligt gewesen zu sein. Der Prozess wegen Beihilfe zum Mord ist historisch, weil der gebürtige Ukrainer als erster sogenannter Trawniki vor Gericht gestellt wurde : So hießen aus Osteuropa stammende Kriegsgefangene, die die SS für die Judenvernichtung zwangsrekrutierte. Etwa 5 000 von diesen Trawniki soll es gegeben haben, nach Überzeugung von Historikern wäre ohne sie niemals die Ermordung der Juden in dem geschehenen Ausmaß möglich gewesen.

Zentrale Frage der Identität

Die zwei zentralen Fragen im Demjanjuk-Prozess lauten, ob der Angeklagte denn tatsächlich ein KZ-Wächter war und ob er sich der Aufgabe als KZ-Wächter hätte überhaupt entziehen können, ohne sein eigenes Leben zu riskieren. Für die Frage nach der Identität Demjanjuks hat die Anklage vor allem Demjanjuks alten Dienstausweis als Beweismittel vorgelegt. Ein Gutachter des Landeskriminalamts bewertete den Dienstausweis nach einem Vergleich mit anderen SS-Ausweisen als authentisch. Er konnte allerdings nicht ausschließen, dass alle von ihm überprüften Ausweise erst nach Kriegsende in der Sowjetunion hergestellt wurden — Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch brachte die These von einer möglichen Fälschung durch den Geheimdienst KGB auf. Die Staatsanwaltschaft und die Vertreter der vielen Nebenkläger — zahlreiche Hinterbliebene von Sobibor-Opfern verfolgen den Prozess — gehen davon aus, dass Demjanjuk hätte den Befehl verweigern oder zumindest leicht hätte fliehen können, er also mehr oder minder freiwillig an der Judenvernichtung beteiligt war. Den Versuch der Prozessverschleppung hielten Nebenkläger Busch vor — er wolle verhindern, dass es zu einem Urteil gegen seinen greisen Mandanten komme.

Doch die Sorgen, Demjanjuk werde vor einer Verurteilung im Gefängnis sterben, bewahrheiteten sich nicht. Der Angeschuldigte verfolgte den Prozess zwar stets vom Krankenbett aus, doch die permanenten Untersuchungen durch Gerichtsärzte zeigten, dass sich sein Gesundheitszustand sogar im Vergleich zur Zeit vor seiner Überstellung aus den USA gebessert hat. Was er von dem Verfahren hält, ließ Demjanjuk vor zehn Monaten in einer Erklärung mitteilen : « Folter und Tortur » sei das, was da in München mit ihm gemacht werde. Das Gericht wird bald entscheiden, ob es 90-Jährigen für unschuldig hält oder ihn mit bis zu fünfzehn Jahren Haft bestraft.


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