Der Endlöser

Publié le par Süddeutsche Zeitung - Willi Winkler

JournalSüddeutsche Zeitung published 11/05/2010 at 10:47 von Willi Winkler

Adolf Eichmann hat sechs Millionen Menschen auf dem Gewissen: Vor fünfzig Jahren wurde der Judenmörder in Argentinien gefasst und später in Israel hingerichtet.

Eichmann AdolfWenn er melancholisch wurde, konnte es kaum ausbleiben, dass er von den alten Zeiten zu schwärmen anfing. Der in einem Vorort von Buenos Aires versteckte kleine Angestellte fühlte sich in seiner wahren Bedeutung verkannt. Schließlich war es ihm gelungen, das "Judenproblem" weitgehend zu lösen, ohne dass der Fahrplan der Deutschen Reichsbahn groß wäre beeinträchtigt worden. Er hatte sich nach seiner Flucht aus Deutschland wieder aufgerappelt, ein Haus nach eigenen Plänen gebaut, seine Frau und seine Kinder zu sich geholt, und er verfügte über eine sichere Stelle, war er doch (wie die Frankfurter Allgemeine in unüberbietbarer Diskretion formulierte) "mit einem sehr bescheidenen Gehalt in den Dienst eines bedeutenden Industrieunternehmens des Metallsektors außerhalb von Buenos Aires" getreten.

Ein Bedauern wollte ihn nur anwandeln, wenn er in seiner Ehre als Organisationstalent gekränkt wurde oder wenn ihm klar wurde, dass er die Sache nicht zu Ende geführt hatte. "Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden", die ein Forscher nachgewiesen hatte, "10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich zufrieden und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet."

Festnahme im fernen Südamerika

Ein Kommando dieses Feindes überfiel den unscheinbaren Angestellten am Abend des 11. Mai 1960, als er eben aus dem Bus stieg, der ihn von der Arbeit nach Hause gebracht hatte. Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad flog den Mann, der sich Ricardo Klement nannte, nach Israel, wo Ministerpräsident David Ben Gurion am 24. Mai in der Knesset bekannt gab, dass es gelungen sei, den Kriegsverbrecher Adolf Eichmann festzunehmen.

Niemand war auf diese Sensation vorbereitet, und eigentlich wollte Eichmann auch niemand haben. Dass er seit 1950, seit er aus seinem Versteck in der Lüneburger Heide, geflohen war, in Argentinien lebte, war spätestens 1958 bekannt. Die Bundesrepublik hatte kein Auslieferungsabkommen mit Argentinien und auch sonst wenig Interesse, Eichmann vor Gericht zu bringen. Der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer musste drei Mal nach Israel reisen, um bei den dortigen Behörden auf die Festnahme zu dringen. Dieses Zögern war nicht weiter überraschend, bestand doch zwischen Israel und Westdeutschland eine hochgeheime Vereinbarung, wonach die Bundeswehr Waffen nach Israel liefern sollte. Besonders Konrad Adenauers Staatssekretär Hans Globke zeigte sich für Israels Belange ansprechbar; er hatte 1936 den Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst und damit die "Endlösung" vorbereitet. Er war leicht zu erpressen.

Das Erbe der Nazis

Die Nachricht von der Ergreifung Eichmanns löst weltweit Betriebsamkeit aus. Das Bonner Außenministerium sammelt über seine Botschafter Stimmungsbilder, denn über das inzwischen einigermaßen rehabilitierte Deutschland droht der Schatten der Vergangenheit zu fallen. Eichmann soll Memoiren geschrieben haben, in denen er Mitkämpfer inkriminieren könnte.

In der Geschäftsführung von Mercedes-Benz in Stuttgart langt ein Schreiben an, das den Personalvorstand und ehemaligen SS-Untersturmführer Hanns Martin Schleyer davon in Kenntnis setzt, dass ein alter Kamerad, der frühere SS-Obersturmbannführer Eichmann, in der Tat bis zum Tag seines Verschwindens unter falschem Namen bei Mercedes-Benz Argentinia S.A. beschäftigt gewesen sei. Selbst bei der CIA ist man bestürzt und bittet die israelischen Kollegen um Aufklärung. Argentinien sieht seine Souveränität verletzt und bringt die Entführung vor den UN-Sicherheitsrat, und der Chefredakteur des Stern schreibt einen empörten Leitartikel, in dem Henri Nannen behauptet, der Staat Israel gerate "jetzt in die Gefahr, das Erbe der Nazis anzutreten".

Auch bei Nannen hat sich ein alter Kriegskamerad gemeldet, der viel vom Erbe der Nazis versteht. Der junge Kunsthistoriker Nannen hatte im Krieg in der Propagandakompanie "Kurt Eggers" gedient und seinen Teil zur Wehrkraftzersetzung des Feindes beigetragen. Damals lernte er den holländischen SS-Mann Willem Sassen kennen, der sich aus Liebe zu Nazi-Deutschland einbürgern ließ und deshalb nach dem Krieg wegen Kollaboration verurteilt wurde. 1948 gelang ihm die Flucht nach Südamerika, wo er sich bald als Presseagent Evita Perons nützlich machte. Sassen blieb Deutschland verbunden und diente dem Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel als Ghostwriter. Mit freundlicher Unterstützung von Kamerad Nannen sang Sassen 1950 im Stern das hohe Lied des Kriegshelden Rudel. Seine Tochter Saskia Sassen sieht darin trotzdem den Beweis, dass ihr Vater nicht dem deutschen völkischen Mystizismus erlegen sei, sondern im Herzen Holländer blieb: "Ironisch, spöttisch, mit einem bösartigen Humor."

Lesen Sie weiter auf Seite zwei, wie der Prozess gegen Eichmann zur Geheimdienst-Klamotte wurde.

Publié dans Articles de Presse

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