Der NS-Terrorapparat hat schon in den Anschluss-Tagen funktioniert

Publié le par Nachrichten.at - Heinz Niederleitner und Wolfgang Braun

Nachrichtenpubliziert 08/03/2013 at 00:04 Uhr by Heinz Niederleitner und Wolfgang Braun

LINZ. Über die Beziehung Adolf Hitlers zu Linz sowie Verfolgung und Widerstand in der „Patenstadt des Führers“ sprachen die OÖNachrichten mit Walter Schuster, Direktor des Archivs der Stadt Linz.



Hitler beim Anschluss

Hitler beim „Anschluss“ im März 1938 auf der Linzer Landstraße: Der Diktator hat Linz als seine Heimatstadt gesehen. Bild: OÖN

 

OÖNachrichten: Hitler hielt seine erste Rede beim Einmarsch in Linz. War die Stadt eine Hochburg der Nationalsozialisten?

Walter Schuster: Im Unterschied von Graz, der „Stadt der Volkserhebung“, war Linz keine absolute Hochburg. Im März 1938 ist eine besondere Begeisterung für den Nationalsozialismus ausgebrochen. Das betrifft aber nicht Linz allein. Etwas anders ist es, dass Hitler am 12. März als erste Station, wo er zur Bevölkerung spricht, Linz wählt. Er hat Linz als seine Heimatstadt empfunden.

OÖNachrichten: Neben Hitler haben auch die SS-Verbrecher Ernst Kaltenbrunner und Adolf Eichmann einen Linzer Hintergrund. Ist das Zufall?

Walter Schuster: Aus der Zwischenkriegszeit kann man nicht schließen, dass der Nationalsozialismus auf besonders fruchtbaren Boden gefallen ist. Durch demokratische Wahlen kam die NSDAP nie in den oberösterreichischen Landtag und war im Linzer Gemeinderat nur eine Splittergruppe. Trotz der politisch schwierigen Phasen Österreichs waren die Verhältnisse in Oberösterreich bis 1934 nicht so schlecht.

OÖNachrichten: Hitler hat auffälligerweise erst in Linz entschieden, wie es mit dem „Anschluss“ weitergeht (siehe Text links).

Walter Schuster: Hitler war zweifellos berührt durch den Jubel in Linz. Er hat sich ja mit der Stadt emotional sehr verbunden gefühlt. Gleich am 13. März hat er die Patenschaft von Linz übernommen und eine neue Donaubrücke versprochen. In diesen außenpolitisch so bedeutenden Tagen hat sich Hitler mit Belangen von Linz beschäftigt.

OÖNachrichten: Auf den „Anschluss“-Bildern sieht man nur jene, die gejubelt haben. Wie groß war der Anteil der Nazis, jener der Opportunisten und jener, für die der „Anschluss“ ein Unglück war?

Walter Schuster: Empirische Daten haben wir nicht. Wir wissen, dass der NS-Terrorapparat schon in den „Anschluss“-Tagen funktioniert hat. In Linz wurden Polizeibeamte ermordet, NS-Gegner verhaftet und Juden verfolgt. Aber die Mehrheit der Bevölkerung hat sich in die „Anschluss“-Euphorie ergeben. Wie viel davon fanatische Nationalsozialisten waren oder den Nationalsozialismus nicht durchschaut haben, lässt sich nicht sicher sagen.

OÖNachrichten: War damals der Nationalsozialismus durchschaubar?

Walter Schuster: Wir wissen, dass einzelne Menschen verstanden haben: Hitler bedeutet Krieg. Aber manche gebildete Menschen sahen zum Beispiel eine Karrieremöglichkeit.

OÖNachrichten: Gab es in Linz Widerstand gegen den Nationalsozialismus?

Walter Schuster: Linz war keine Hochburg des Widerstandes. Es gab einzelne Widerstandshandlungen und unterschiedliche Gruppen: Kommunisten aus der Schiffswerft oder konservativer Widerstand wie bei Camilla Estermann: Sie wurde 1944 hingerichtet, einer der Richter war der Linzer Bürgermeister Franz Langoth. Im KZ Mauthausen ermordet wurde der Sozialdemokrat Richard Bernaschek.

OÖNachrichten: Wie hat die Bevölkerung auf die Gewalt gegen Juden reagiert?

Walter Schuster: Die Menschen haben sich unterschiedlich verhalten. Der Antisemitismus hat in Österreich eine lange Geschichte; gegen Juden zu sein war in der Denkweise vieler Menschen damals nichts Besonderes – sehr wohl aber in dieser Radikalität. Manche haben die Chance gesehen, sich einen jüdischen Betrieb unter den Nagel zu reißen. Manche haben „private Rechnungen“ beglichen. Andere haben vor 1938 nicht gewusst, wer überhaupt Jude war, weil viele Juden in Linz assimiliert waren. Viele Menschen haben das Leid der jüdischen Mitbürger verdrängt.

OÖNachrichten: Wie ist Linz ab 1945 damit umgegangen, „Patenstadt des Führers“ gewesen zu sein?

Walter Schuster: Die handelnden Politiker sind angesichts der vielen Probleme 1945 sehr pragmatisch ans Werk gegangen. Man wollte die in der NS-Zeit gegründete Großindustrie weiterbetreiben. Natürlich wurden die NS-Wohnbauten genutzt. Das Problem, das aber nicht Linz allein betrifft, war: Man hat sich dem Nationalsozialismus und der NS-Zeit nicht kritisch gestellt. Das war auch schwierig: Verwandte eingerechnet kann man davon ausgehen, dass zirka ein Viertel der Bevölkerung zumindest formal NS-Mitglieder waren. Man hat nach dem Krieg auch führende Nationalsozialisten schonungsvoll behandelt, in der Beamtenschaft gab es Kontinuitäten. Das ist eher die Hypothek der NS-Zeit und nicht so sehr Hitlers „Patenschaft“.

Zur Person:

Walter Schuster ist seit 2004 Direktor des Archivs der Stadt Linz, wo er schon seit 1990 arbeitet. Zu seinen Veröffentlichungen gehört eine Biografie von Franz Langoth, den NS-Bürgermeister von Linz. Das Archiv der Stadt Linz hat sich seit geraumer Zeit besonders mit der NS-Epoche beschäftigt. Zentralen Niederschlag fand dies in dem zweibändigen Werk „Nationalsozialismus in Linz“. Seit Jahren beschäftigt sich das Archiv mit der Erschließung des fotografischen Erbes. Zur NS-Zeit gibt es den Band „Bilder des Nationalsozialismus in Linz“.

Lesen Sie auch die Original-Zeitungsberichte aus der Linzer Tages-Post, dem Vorläufer der OÖNachrichten.

Publié dans Articles de Presse

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