Der Rudolf von Athen

Publié le par Der Spiegel

Der Rudolf von Athen

Frau Suzy Bidault, geborene Borel, vor 8 Jahren noch Botschaftsrätin 1. Klasse und stellvertretende Leiterin der Personalabteilung des Quai d''Orsay, ließ ihren Gatten Georges in diesem Jahr allein zur spätsommerlichen Leber-Kur nach Vichy fahren.

Georges et Suzanne Bidault-Borel

Georges et Suzanne Bidault-Borel

Nur ungern erinnerte sie sich an einen Ort, wo sie vier Jahre lang in Gesellschaft Marschall Philippe Pétains das fade Brunnenwasser der Kollaboration hat trinken müssen. Außerdem war sie seelisch leicht indisponiert. Schuld an ihrer plötzlichen Seelenmigräne war ein früherer Kollege von ihr aus der Kultur-Abteilung des Auswärtigen Amtes, der Gesandtschaftssekretär a. D. Roger Peyrefitte.

Georges Bidault hatte diesen anrüchigen Nachwuchsdiplomaten Anfang 1945, kurz vor dem Honigmond seiner Ehe mit Suzy, auf deren inständige Bitte frist- und ruhmlos aus dem diplomatischen Dienst entlassen. Der Grund: Peyrefitte war verdächtig, ein Freund der Deutschen und dazu Träger einer weiteren unglücklichen Veranlagung zu sein.

Seit dieser undiplomatischen Verabschiedung durch den Quai d''Orsay hatte sich Roger Peyrefitte als Romanschriftsteller versucht: Mit vier Romanen, einigen Novellen und einem Drama, die wegen ihres speziellen haut goût ein skandalöses Echo fanden, hatte er seinem Namen, der sich sinnvollerweise wie das Wort "perfid" ausspricht, alle nur mögliche Ehre gemacht.

Als besonders perfid muß man seine Manie anseheh, verschlüsselte Romanfiguren

mit wirklichen, namentlich genannten Personen so zu vermischen, daß Wahrheit und Dichtung kaum mehr auseinanderzuhalten sind. Peyrefittes Spezialität ist ein neuer Typus des Pamphlets, eine Mischung von Historie und Roman-Chronik, die es seinen Opfern schwer macht, ihn vor den Kadi zu zitieren.

Peyrefitte gilt in Frankreich als ein sehr begabter, aber auch als ein ungewöhnlich boshafter Autor. Er schreibt den klassischen Stil der französischen Moralisten; aber sein Sarkasmus ist ohne Gnade, und seine Frivolität schreckt vor keiner Entblößung zurück. Als vor zwei Jahren der erste Band seines Diplomatenspiegels "Les Ambassades" erschien, gab es im Quai d''Orsay ein kleines Erdbeben. Das "peyrefide" Bild, das Autor Peyrefitte von der Kehrseite der französischen Diplomatie entworfen hatte, war allerdings so niederträchtig, daß es einer Heiligtumsschändung gleichkam. Die Personalabteilung des Quai d''Orsay gab ein Kommuniqué heraus, mit dem sie den Frevler, unter Anspielung auf gewisse Umstände seines Privatlebens, moralisch vernichtete.

Peyrefitte antwortete mit einer neuerlichen Peyrefidie: "Wenn man ein Milieu schildert, das man gut gekannt hat, besteht die Chance, daß man sich nicht irrt. Mir scheint, daß es Leute gibt, die diese Chance, soweit sie mich betrifft, nicht zu schätzen wußten. Ich war darauf gefaßt, unter ihnen Diplomaten anzutreffen. Um so mehr wundere ich mich, auf Kritiker zu stoßen, die mir vorwerfen, daß ich der ''entlassene Dienstbote'' sei, der sich an seiner Herrschaft rächt. Sie vergessen, daß es in der Diplomatenkarriere keine Dienstboten gibt; was allerdings nicht heißen soll, daß man dort Herrschaften vorfindet."

Der Skandal, den der Autor der "Ambassades" mit seinen frechen Spöttereien über Frankreichs Diplomaten herbeigeführt hatte, machte ihm Appetit auf einen zweiten Versuch, der ihm Genugtuung für den von Madame Bidault inspirierten Hinauswurf aus seiner vor dem Kriege in Athen vielversprechend begonnenen Diplomaten-Karriere verschaffen sollte.

Mit dem soeben in dem seriösen Verlag Flammarion (Paris) erschienenen zweiten Band seiner skandalösen Diplomaten-Chronik "Le fin des Ambassades" hat sich Peyrefitte an der ehemaligen Mademoiselle Borel, die bereits mit dem Gedanken spielt, in wenigen Wochen Hausherrin im Elysée-Palast zu werden, grausam gerächt. Er stellt sie seinen Lesern unter dem durchsichtigen Pseudonym einer "Mademoiselle Crapote" vor ("crapaud" = Kröte)*).

"Es fehlte ihr nicht an Geist", heißt es von "Mademoiselle Crapote", "obwohl sie auf die Stirn der Büste Gobineaus, deren Vorhandensein in der Bibliothek des Quai d''Orsay sie als provozierend empfand, ein Hakenkreuz gemalt hatte. Es fehlte ihr auch nicht an Charme: Die einen meinten, das rühre von ihrem leichten Lispeln her; die anderen, von der Asymmetrie ihrer Augen - einer Besonderheit, die von den Alten für ein Schönheitsmerkmal der Venus gehalten wurde ... Sie hatte ihre Hoffnungen nacheinander in zwei Sekretäre gesetzt; aber der eine zog ihr eine reiche Amerikanerin und der andere ein Tippfräulein vor. Seitdem kultivierte sie nur noch den Patriotismus ..."

Autor Peyrefitte, der in seiner zweibändigen Sittengeschichte der französischen Diplomatie selbst als "Comte Georges de Sarre" auftritt, hatte in Athen reichlich Gelegenheit gehabt, an Stelle der patriotischen gewisse sokratische Gefühle zu kultivieren, die ihm von Natur aus näher lagen. Er war daher, als ihn die Ironie des Schicksals in die dienstliche Nähe einer "so wenig vom Geist des Griechentums berührten Person" wie Mademoiselle Crapote verschlug, gegen die Versuchung des Chauvinismus gefeit.

Vor allem seine Freundschaft mit einem jungen deutschen Diplomaten namens Rudolf Schwartz, mit dem er einst auf der Akropolis, im Schatten des Parthenon, über die Schönheit und die Liebe philosophierte, hatte ihn für edle und abgeklärte Gefühle empfänglich gemacht. Rudolf Schwartz, zweiter Sekretär der deutschen Gesandtschaft in Athen, war ein "auffallend hübscher junger Mann", dessen "glatte, frische Wangen ihm das Aussehen eines achtzehnjährigen Jünglings gaben".

In seiner Gesellschaft suchte Georges de Sarre Erholung von den kleingeistigen Intrigen, die sich hinter der Fassade der sogenannten "großen Welt" der Diplomaten abzuspielen pflegten, und an ihn mußte er immer wieder denken, als die Akropolis nur noch ein Stück Erinnerung für ihn war und sein Blick, statt auf den attischen Gefilden, mit immer neuem Erstaunen auf dem "Amazonenbusen" von Mademoiselle Crapote haften blieb.

Außer Mademoiselle Crapote und Rudolf Schwartz gab es im Leben des Comte Georges de Sarre noch ein Wesen, mit dem ihn gemeinsame Erlebnisse verbanden: Françoise Laurent, die Tochter des französischen Gesandten in Athen, der "ein kleiner, drahtiger Mensch mit dem Gesicht eines Eichkaters" war**) - während seine Frau aus einer "ungeheuren, mit einer

Perücke frisierten Fleischmasse bestand, unter der sich die Andeutung eines Gesichtes abzeichnete".

Françoise dagegen war schlank, frisch, blond und hinreichend frivol, um sich von dem zynischen Comte Georges de Sarre verführen zu lassen. Dieser teilte ihre Gunst mit dem siebzehnjährigen Sohn des Obersten Baron Grondin, französischem Militärattaché in Athen, des männlichen Pendants zu Mademoiselle Crapote, dem die "Marseillaise" jedesmal Tränen der Ergriffenheit entlockte. Der Oberst war der Todfeind des Gesandten und behauptete, daß ein Mann von seinem Schlage, der es wage, an der Schwelle eines neuen Krieges mit dem Gesandten Deutschlands, dem Fürsten von Erbach, "im schönsten Einvernehmen zu stehen", auf der Stelle füsiliert gehöre*).

Wenn auch die Beziehungen zu Françoise durch Besuche bei der Patronin eines diskreten Hauses in Patisia, dessen Existenz Rudolf Schwarz ebenfalls nicht ganz unbekannt war, gelegentliche Abwandlungen erfahren hatten ("Meine Mädchen sind ganz wild auf Sie; sie lieben so raffinierte

Männer!"), so waren sie doch trotz des öffentlichen Skandals, in den Georges de Sarre durch einen Hotelpagen verwickelt wurde, seine einzig beständigen zum weiblichen Geschlecht geblieben.

Die Photographien von Françoise und von Rudolf Schwartz waren darum auch die einzigen, die Georges de Sarre nach seiner überstürzten Rückberufung durch den Quai d''Orsay auf dem Schreibtisch seiner Pariser Junggesellenwohnung duldete. Er fragte sich oft, was aus seinem deutschen Diplomatenfreund geworden sei. Am Tage des Abkommens von München hatte er ihm ein Glückwunschtelegramm geschickt, das ihm die letzten Svmpathien von Mademoiselle Crapote raubte - die es tendenziöserweise mit dem Flandins an Hitler verglich. Da kam im Frühjahr 1939 ein Brief aus Berlin, der dem Comte de Sarre alias Peyrefitte anzeigte, daß in der Griechenseele seines Freundes Rudolf eine bemerkenswerte Wandlung vor sich gegangen war.

Rudolf Schwartz war eine Art "Edelnazi" geworden. "Meine Rückkehr nach Berlin, in die Gemeinschaft meines Volkes, hat manche Wahnbilder in mir zerstört", schrieb er. "Ich habe meine Einzelseele im Parthenon gelassen und dafür die unermeßliche Seele meines Volkes wiedergefunden ... Ich atme nur noch in ihr und durch sie. In Athen erkannte ich noch nicht die Größe der Aufgabe, die sich mein Land gestellt hat ... Verzeihen Sie mir ein solches Geständnis? Hätte ich Ihre Illusionen erhalten sollen? Ich habe mich dazu zwingen müssen, Ihnen die Wahrheit zu sagen. Ich wollte Ihnen klarmachen, daß ich die gleiche Härte besitze, wie jeder andere meiner Rasse auch; daß ich ein Mensch bin, der einen Panzer um seine Seele trägt."

Diese martialische Sprache von jenseits des Rheins überraschte den Comte de Sarre nicht einmal sonderlich. Die Sprache der Militärs, von Mademoiselle Crapote um einige zündende chauvinistische Metaphern bereichert, hatte die Sprache der Diplomaten auch aus den Wandelgängen des

Quai d''Orsay verdrängt. Der Krieg schien von nun an unvermeidlich.

Am 30. August 1939, um Mitternacht, erlosch die Frist, die Hitler für das Erscheinen eines polnischen Bevollmächtigten festgesetzt hatte. Am Nachmittag des nächsten Tages war der französische Ministerrat zusammengetreten. Außenminister Georges Bonnet, unterstützt von seinen Kollegen Queuille, Chautemps und Monzie, war gerade dabei, Daladier für den Vermittlungsvorschlag des Duce zu gewinnen, als ein Lakai mit einem silbernen Tablett eintrat: Er brachte einen dringenden persönlichen Brief des Botschafters Coulondre für Daladier.

Mit diesem "erschreckenden Dokument" habe der Berliner französische Botschafter eine der größten Verantwortungen der Geschichte auf sich geladen, behauptet der Autor der "Ambassades". Coulondre schrieb: "Ich erfahre aus sicherer Quelle, daß Herr Hitler zögert; daß inmitten der Partei Unsicherheit herrscht, daß die Berichte eine wachsende Unzufriedenheit im Volke erkennen lassen. Wir müssen nur fortfahren, fest zu bleiben, fest, fest ... Während ich Ihnen dies schreibe, Herr Präsident, ist mein Herz von Bewegung übervoll ... Sie sind, soweit ich weiß, Angler. Nun wohl, der Fisch ist ''angehauen'' ..."

Peyrefitte: "Nichts fehlte auf diesem unsterblichen Blatt Papier. Die diplomatische Karriere schillerte dort in all ihren Farben. Es gab die Referenz auf eine ''sichere Quelle'', die eine Falschmeldung wiedergab; es gab die Anrede ''Herr Hitler'', die in einem vertraulichen Brief den diplomatischen Ton bewahrte; es gab die Gefühlsnote des ''übervollen Herzens'' und es gab den ungenierten Vergleich aus dem Angelsport. Aber die Leine, die der Fisch zerreißen sollte, war für Millionen Menschen der Lebensfaden der Parzen."

Auch Rudolf Schwartz war um sein Leben besorgt. Es schien, daß er im Angesicht des Todes zu seiner Einzelseele zurückgefunden hatte. Die letzte Post aus Deutschland brachte die Nachricht von seiner Einberufung. "Ich denke an Delos und an Korinth, wie die sterbenden Griechen an Argos dachten", schrieb er Georges de Sarre in Erinnerung an ihre gemeinsamen Pilgerfahrten in die ewige Landschaft der Antike - wo sie beide am "Quell aller Reinheit der Welt" getrunken hatten.

Im Quai d''Orsay gingen einige Veränderungen vor sich. Giraudoux, der geschrieben hatte: "Der Trojanische Krieg findet nicht statt", wurde Chef des Informationsamtes und zog mit der Presse- und Kulturabteilung ins Hotel "Continental". Er erklärte vor dem Mikrophon, daß die Deutschen keine Seife mehr hätten, und daß ihre Lebensmittel-Reserven binnen zwei Monaten verbraucht seien.

Verschiedene "Wracks des Quai d''Orsay" - pensionierte Diplomaten, die ihre Existenz in Erinnerung rufen wollten - wurden als Chiffrierbeamte beschäftigt und in kleinen Büros untergebracht, die bis dahin als W. C. gedient hatten. Paul Claudel berief sich darauf, daß er schon während des ersten Weltkrieges Artikel über die "deutsche Barbarei" geschrieben habe, und Mademoiselle Crapote billigte die Idee des Generalstabes, die Minenfelder des Warndt-Waldes durch eine Herde Schweine in die Luft zu jagen.

Nach der Demission Giraudoux'' und dem plötzlichen Ende der "drôle de guerre" im Mai 1940 blieb Mademoiselle Crapote das "letzte Refugium der französischen Illusionen" im Hotel "Continental". Nicht für lange Zeit allerdings, denn das beginnende Debakel zog auch sie mit in den Strudel

der allgemeinen Absetzbewegung nach dem Süden. Der neue Generalsekretär des Quai d''Orsay, der ehemalige Botschafter beim Heiligen Stuhl, Charles-Roux, ersetzte das Schlagwort Coulondres vom "Festbleiben, fest, fest" durch die weniger heroische Devise: "Fliehen, fliehen, nichts als fliehen."

Indessen erinnerte sich die Regierung, die sich bereits auf der Flucht befand, im letzten Augenblick des kostbaren Dokuments über den Vertrag von Versailles, das auf keinen Fall in die Hand des Feindes fallen durfte. Der Chef des Protokolls verpackte es zusammen mit dem "Westfälischen Friedensvertrag" in den Brustwickel seines Sohnes und brachte beide Verträge unter Lebensgefahr nach Bordeaux.

Wenige Stunden später zerriß eine ungeheure Detonation die Luft: Die Brücken der Loire waren gesprengt worden; der letzte Fluchtweg nach dem Süden war abgeschnitten. Der "Heros von Verdun", Marschall Pétain, hatte den Nachfolger Daladiers, Paul Reynaud, abgelöst, der vergeblich mit dem geflügelten Wort: "Aux armes, citoyens!" an den "größten General der Revolution, die Marseillaise", appelliert hatte*). Die Waffen schwiegen.

Auf Schloß Rochecotte, dem Schloß Talleyrands, wartete die Nachhut der "Hauptkampfstellung B" des Quai d''Orsay auf neue Instruktionen. Da brachten zwei schwere Mercedeswagen unverhoffte Gäste: Einige höhere deutsche Offiziere und ein elegant gekleideter Zivilist baten um Einblick in die Archive. Graf de Robien, Chef der Personalabteilung des Quai d''Orsay, erkannte in dem geheimnisvollen Zivilisten den Direktor des deutschen Kultur-Instituts in Paris, Dr. Karl Epting, wieder. Er ahnte Schlimmes.

Die Herren verlangten nach den von Frankreich unterschriebenen Verträgen. Epting: "Könnten Sie uns zum Beispiel den Versailler Vertrag zeigen?" Graf de Robien hatte diese Frage erwartet. Sie sollte ihm Gelegenheit geben, in dieser Stunde der Demütigung ein letztes Mal über den Sieger zu triumphieren. "Ich bedauere", sagte er mit eisiger Stimme. "Auf Anweisung der Regierung habe ich ihn mit dem Westfälischen Friedensvertrag wenige Tage vor dem Waffenstillstand nach Bordeaux geschickt."

Epting verzog keine Miene. Er äußerte den Wunsch, die Besichtigung fortzusetzen. Die Lektüre des Vertrages von Troyes, der dem König von England das Recht auf den Titel eines Königs von Frankreich einräumte, schien ihn zu fesseln. "Und was ist dies hier?", fragte er, indem er auf einen kleinen Koffer wies. Man beeilte sich, seine Neugierde zu befriedigen: Der Koffer enthielt ein großes, in weißes Leder gebundenes Buch. Es war der "Vertrag von Versailles".

Dem Chef des Protokolls war ein unverzeihlicher Irrtum unterlaufen: Er hatte die Ausfertigung für Poincaré mit dem Original verwechselt. Als Epting seine Archivare schickte, um die Beute abholen zu lassen, war der Koffer bereits leer. Die Gestapo war schneller gewesen. Himmler hatte sich die einzigartige Chance, dem Führer das Originalexemplar des Versailler Vertrages zum Geschenk zu machen, nicht entgehen lassen. Dem Comte de Sarre, dessen peyrefide Beziehungen zur deutschen Diplomatie die Spur des "Versailler Vertrages" finden helfen sollten, fiel unter diesen Umständen die Aufgabe zu, bei seinen Freunden in der Pariser deutschen Botschaft diskrete Recherchen anzustellen. Er reiste nach Paris.

In der deutschen Botschaft, wo statt des Grafen Welczeck Herr Abetz residierte, empfing ihn sein Freund, der Gesandtschaftsrat Dr. Ernst Achenbach, "ein mit der Axt behauener Riese, der die Idee der deutschen Macht inspirierte". Achenbach, den Mademoiselle Crapote schon immer für einen "Nazi" gehalten hatte, war indessen "ein Mann ohne Vorurteile", der dem Comte de Sarre versicherte, daß Abetz und er nur nach Paris gekommen seien, um die deutschen Generäle darin zu hindern, "Dummheiten" zu begehen. Er bedauerte im übrigen nicht, daß die Gestapo den "Versailler Vertrag" gestohlen hatte: Um so schneller werde die Erinnerung an einen Krieg ausgelöscht, der die Ursache für einen anderen geworden sei. "Die Franzosen

werden bald den Beweis unseres guten Willens in Händen haben", fügte er hinzu. "Wir haben den Führer dafür gewinnen können, daß die Gebeine des Herzogs von Reichstadt an Frankreich zurückgegeben werden."

"A propos", sagte Achenbach noch beim Abschied, "ich vergaß: Rudolf Schwartz ist hier." Georges empfing seinen Freund im Schlafrock. Sie betrachteten sich einen Augenblick, lächelten sich an und umarmten sich. Die Härte, von der der junge deutsche Diplomat in einem seiner Briefe gesprochen hatte, war in seinen Zügen nicht zu finden. Er war wieder der Rudolf von Athen geworden.

In tiefe Gedanken versunken, fuhr Georges de Sarre nach Vichy, um die exilierten Diplomaten des Quai d''Orsay von dem Schicksal des "Versailler Vertrages" zu unterrichten. Mademoiselle Crapote empfing ihn mit Vorwürfen: Sie hatte den Koffer mit den Utensilien ihrer täglichen Hygiene bei den Verträgen gelassen. Der Gedanke, daß sie eine Deutsche damit beglückt haben könne, machte sie rasend. Georges de Sarre beruhigte sie, so gut er konnte.

Die "Neue Ordnung", die er in der Umgebung des Marschalls antraf, die vielen beschäftigungslosen Militärs, das Übermaß an Fahnen, Pétain-Bildern und dröhnender Marschmusik lagen ihm schwer auf der Griechenseele. Er beschloß, einige Tage Urlaub zu nehmen. Da spielte ihm der Zufall einen ähnlich bösen Streich wie in jenem Hotel in Athen, wo ihm ein harmloser Page fast die Karriere verdorben hätte. Auch diesmal sprach der Schein gegen ihn. Zu allem Unglück kehrte der Tugendbesen in Vichy gründlicher als in der Stadt des Sokrates: Man legte ihm nahe, seine Demission einzureichen.

Das Schicksal wollte dem Autor der "Ambassades" gleichsam eine Chance geben, die politische Szene zu wechseln. Zwei Jahre verbrachte er in der ländlichen Geborgenheit seines Elternhauses im Languedoc; versunken in die Träumerei seiner Noblesse, die ihm die Tugendwächter Vichys auf so plumpe Weise hatten streitig machen wollen. Der Stern Hitlers sank, und auch die Gebeine des Herzogs von Reichstadt hatten die Gefühle der Franzosen nicht für die "Neue Ordnung" erwärmen können.

Roger Peyrefitte, alias Georges de Sarre, erinnerte sich an die Worte des Demosthenes: "Niemals hat man Athen überzeugen können, sich mit der Macht des Unrechts zu verbünden; die Sklaverei zu wählen, damit es sich in Sicherheit wiegen kann ..."

Ein Brief des Grafen de Robien zerschnitt den gordischen Knoten seiner patriotischen Gewissensprobleme. Der teilte ihm mit, daß Vichy seine Wiedereinstellung in den diplomatischen Dienst beschlossen habe. Georges de Sarre ließ sich nicht lange bitten. Er wußte jetzt, wo sein Platz war.

Mademoiselle Crapote begrüßte ihn wie einen verlorenen Sohn. Sie war die Seele

der Résistance von Vichy geworden, und obwohl sie dem Marschall die Treue geschworen hatte, gab sie den Text seiner Botschaften stets vor ihrer Veröffentlichung an den "Generalstab der Résistance" weiter. Pater d''Argenlieu vom Londoner Rundfunk hatte sie längst von einem Eid entbunden, der "gegen das Gesetz und gegen die Religion" verstieß.

Als Georges de Sarre ihr jedoch zu verstehen gab, daß man ihn wegen seiner germanophilen Vergangenheit zur Delegation des Marquis Fernand de Brinon beordert habe, des Vertrauten von Abetz, Ribbentrop und Göring, der in seinem Büro im ehemaligen Pariser Innenministerium mit der Gestapo um das Leben verhafteter Résistanceleute feilschte, wurde ihre Miene plötzlich eisig.

Allerdings erzählte er ihr nicht, daß ihn eigentlich ein sentimentales Motiv darin bestärkt hatte, diese suspekte Berufung anzunehmen: Laurent, sein Vorgesetzter in Athen, war nach Frankreich zurückgekehrt, und die frivole Françoise hatte den Wunsch geäußert, einen Blick in seine Pariser Junggesellenwohnung zu tun.

Ihre Liebe war noch ebenso frisch und ebenso verderbt wie unter dem Himmel

Athens. Françoise war außer Rudolf das einzige Wesen, das ihn verstand: "Sie bewunderte sein Schicksal, das ihn dazu verdammte, stets unschuldig und stets das Opfer des Anscheins zu sein."

Am 1. Januar 1944 überbrachte das Personal der "Délégation générale" dem Marquis de Brinon die Neujahrsglückwünsche. Der aber hatte seine Botschafter-Uniform, die ihm das Aussehen eines Admirals verlieh, zu Hause gelassen. Seine gewaltige Bourbonennase trat noch schärfer hervor als sonst, und seine Züge waren verschlossen. Seine Gedanken waren ihm auf die Stirn geschrieben: Sie drückten "unendlichen Ekel" aus.

In der französischen Hauptstadt waren noch immer die Deutschen; aber der Krieg hatte seinen Höhepunkt erreicht und näherte sich Paris. Vor allem: Es gab keinen Champagner mehr. Rudolf Schwartz, der einige Tage Urlaub hatte, war von Berlin nach Paris gekommen. Wie Brinon trug auch er bereits den Trauerflor seiner begrabenen Hoffnungen. Er hatte einen Abstecher nach Athen unternommen, denn er wollte die Stadt seiner ersten glücklichen Diplomatenjahre noch einmal wiedersehen: "Stolz schlug sein Herz, als er vom Flugzeug aus das Hakenkreuzbanner über der Akropolis flattern sah."

Aber als er die ersten Griechengesichter wiedersah, begriff er, daß er nur als ein "Usurpator" gekommen war. "Die Zukunft ist dunkel", prophezeite er seinem Freund. "Was ich tun werde? Sicher wird man mich bald wieder einberufen. Ich habe Athen wiedergesehen. Ich wollte dich wiedersehen. Adieu."

Am 25. August erreichte die Division Leclerc Paris. Die deutsche Garnison ergab sich. Am nächsten Tag schritt General de Gaulle unter dem Beifall eines ganzen Volkes über die Champs Elysées. Die Leibwache Brinons, vier furchterregende Hünen, hatte ihr Metier nicht zu wechseln brauchen. Sie marschierte hinter dem General. Dichter-Botschafter Claudel widmete ihm eine Ode, die ursprünglich für Pétain bestimmt gewesen war. Sie begann mit den Worten "Général, nous voilà!"

Nicht nur Claudel, sondern auch die anderen bekannten Gesichter des Quai d''Orsay waren wieder da; vor allem Mademoiselle Crapote, von der es hieß, daß sie bald heiraten werde. Georges de Sarre, der einen Brief erhalten hatte, in dem ihm wegen "diplomatischer Unwürde" seine Entlassung mitgeteilt wurde, sah ihre vertraute Silhouette hinter der Scheibe eines schweren Wagens, der dem neuen Außenminister*) gehörte, und der sie zum Quai d''Orsay trug. Sie hatte den Kopf hoch erhoben und den Oberkörper kerzengerade aufgerichtet. Eine Eskorte weißbehandschuhter Motorradfahrer begleitete sie.

Einem Passanten, der den soeben entlassenen Diplomaten Peyrefitte fragte, wer sie sei, antwortete dieser: "Ich kenne die Dame leider nicht." *) Im 1. Band erscheint Frau Bidault unter ihrem tatsächlichen Mädchennamen Borel. Die Attribute, die ihr Peyrefitte im 1. Band zuschreibt, werden bezeichnenderweise in dem 2. Band auf "Mademoiselle Crapote" übertragen.**) Die gaullistische Wochenzeitung "Carrefour" behauptete, daß Laurent mit dem ehemaligen französischen Gesandten Cosme in Athen identisch sei.*) Viktor Prinz zu Erbach-Schönberg war in den Jahren 1937 bis 1939 tatsächlich deutscher Gesandter in Athen. Nach dem Diplomaten-Gotha sind bei der Deutschen Gesandtschaft in Athen während der Jahre der dortigen Tätigkeit Peyrefittes folgende weitere Beamte tätig gewesen: Als erster Gesandtschaftsrat Theodor Kordt (1935/38): als Attachés Herbert Blankenhorn (1935), A. Velhagen (1936/38) und St. J. Klimek (1938). Ein Gesandtschaftssekretär Rudolf Schwartz hat also während Peyrefittes Tätigkeit in Athen (1935/38) nicht existiert.*) Napoleon: "Die Marseillaise war der größte General der Revolution, und die Wunder, die sie vollbrachte, sind ohne Beispiel."*) Außenminister der Regierung de Gaulle wurde Georges Bidault.

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