Die Ehre Eichmanns

Publié le par Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung published 11/05/2010 at 10:47

Ganz ironiefrei, aber recht geschäftstüchtig widmete sich Sassen dem pseudonymen Ricardo Klement. Gemeinsam wollten sie ein Werk verfertigen, das die Ehre Eichmanns wieder herstellen und seine Verdienste um die Ausrottung der Juden keineswegs unter dem Scheffel verstecken sollte. Die Globalisierungstheoretikerin Saskia Sassen erlebte als Kind, wie Ricardo Klement eine Zeitlang jeden Sonntagmorgen ins Haus kam und mit ihrem Vater und aufs Tonband redete.

CampDiese Memoiren bietet Sassen bereits vor der Verhaftung Eichmanns Time/Life an, die sie für einen Teilabdruck kaufen. Nach dem Verschwinden des SS-Gefährten reist Sassen nach Deutschland und bietet die Memoiren dem Spiegel und dem Stern an. Der Stern, der bestreitet, sie erworben zu haben, erwirbt sie für dreißigtausend Mark und beginnt Ende Juni 1960 mit einer Serie über den "Endlöser".

Durch einen IM in einer der beiden Redaktionen gelangt das Manuskript nach München zum Bundesnachrichtendienst (BND), dessen Chef Reinhard Gehlen das Konvolut sofort auswerten und auf Namen alter, aber längst in neue Stellungen gelangte Nazis untersuchen lässt. Der Vorabdruck, den Life im November 1960 bringt, wird durch Amtshilfe der CIA gesäubert. Es geht natürlich um den Staatssekretär Globke.

Prozess gegen eine einzelne Person

Im November treffen sich deshalb im exterritorialen Zürich der israelische Geschäftsträger in Deutschland, Felix E. Shinnar, und Abgesandte des BND, um zu beraten, wie man den ehemaligen Rassegesetzkommentator Globke aus dem Verfahren in Jerusalem heraushalten könne. So wird der Prozess gegen den Menschheitsverbrecher Eichmann auch noch zur Geheimdienst-Klamotte. Ein V-Mann aus dem Bundeskanzleramt wird nach Jerusalem geschickt, um die deutschen Journalisten zu überwachen; Eichmanns Anwalt Robert Servatius wird in Köln und in Jerusalem observiert; nicht wenige Männer mit nachgewiesener nazistischer Vorgeschichte arbeiten als Zuträger des BND und des Mossad.

Im Frühjahr 1961 entsteht plötzlich das Gerücht, Eichmann sei Kommunist geworden. Im Herbst, nachdem in Berlin die Mauer hochgezogen worden ist, beschließt die CIA im Verein mit dem BND, die Neuigkeit an die Presse zu geben. Am 7. Dezember 1961 macht die Münchner Abendzeitung damit "exklusiv" auf.

Zum Kummer beider Geheimdienste wird die Nachricht nicht von anderen Zeitungen übernommen. Auf der anderen Seite spart die DDR nicht mit hinterlistigen Andeutungen, um die Bonner Führung zu diskreditieren, und überlegt, ob "in Zusammenarbeit mit Mielke bestimmte Materialien besorgt bzw. hergestellt werden sollten. Wir brauchen unbedingt ein Dokument, das in irgend einer Form die direkte Zusammenarbeit Eichmanns mit Globke beweist".

Für alle Fälle wird in absentia ein Prozess gegen Hans Globke geführt, der am 23. Juli 1963 nicht weiter überraschend mit dessen Verurteilung zu lebenslangem Zuchthaus endet. Selbst Hannah Arendts Reportage "Eichmann in Jerusalem" muss ein politisches Redigat hinnehmen; die deutsche Übersetzung, die 1964 im Piper-Verlag herauskommt, wird von Hans Rössner betreut, einem ehemaligen SS-Mann, der Sorge trägt, dass Hannah Arendts Anklagen gegen Amtsträger der Bundesrepublik abgemildert werden.

Am 16. März 1962 schreibt Gehlen "nur persönlich" an seinen Chef Globke unter dem Betreff "Beabsichtigte Namhaftmachung Staatssekretärs Globke als Zeuge in der Berufungsverhandlung gegen A. Eichmann", dass dieser Globke im Prozess nicht erwähnt werden wird. "Entsprechende Maßnahmen sind eingeleitet."

Die Interventionen hatten Erfolg: Der Eichmann-Prozess wurde ein Prozess gegen diese einzelne Person Eichmann. Der Mann, der am 31. Mai 1962 hingerichtet wird, hat offenbar ganz allein sechs Millionen Juden umgebracht.

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