Ermittlungen nach 67 Jahren wieder aufgenommen

Publié le par Berliner Zeitung - Karin Bischoff

Berliner Zeitungpubliziert 14/12/2011 at 21:25 Uhr von Karin Bischoff

Mord verjährt nicht: Willi B. aus Brandenburg ist 86 Jahre alt und einer von sechs mutmaßlichen SS-Kriegsverbrechern, gegen die die Staatsanwaltschaft in Dortmund ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord eingeleitet hat.



Looking for the Perpetrators of Oradour-sur-Glane

 

Es ist ein unscheinbares Haus, in dem Willi B. mit seiner Ehefrau lebt. Die Fassade ist alt und grau verputzt. Weiße Gardinen hängen hinter den Fenstern. Das Bellen eines Hundes ist durch den Lärm einer nah gelegenen und vielbefahrenen Straße zu hören. Willi B. lebt hier im Landkreis Märkisch-Oderland seit Jahrzehnten ruhig und eher zurückgezogen. Mit der Ruhe ist es vorbei, seit Mitte Oktober die Polizei und ein Krankenwagen auf das Gehöft fuhren. Vier Kriminalbeamte und ein Staatsanwalt standen mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür von Willi B., der nicht verstand, was die Männer von ihm wollten.

Willi B. ist 86 Jahre alt und einer von sechs mutmaßlichen SS-Kriegsverbrechern, gegen die die Staatsanwaltschaft in Dortmund ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord eingeleitet hat. Er ist von den Beschuldigten der einzige, der in den neuen Bundesländern lebt. Die sechs Männer, heute 85 und 86 Jahre alt, sollen als Angehörige der Waffen-SS am 10. Juni 1944 am Massaker im französischen Dorf Oradour-sur-Glane beteiligt gewesen sein, bei dem 642 Frauen, Kinder und Männer zusammengetrieben und ermordet wurden. Mord verjährt nicht, deshalb wurden nach neuen Hinweisen die Ermittlungen auch nach 67 Jahren wieder aufgenommen.

Amtsarzt untersucht Willi B.

Vier der Beschuldigten sind eventuell nicht vernehmungs- geschweige denn verhandlungsfähig, darunter auch Willi B. Er soll an Demenz leiden. Doch ob das wirklich so ist, ist unklar, sagt Andreas Brendel, der ermittelnde Staatsanwalt in Dortmund. Das soll nun der Amtsarzt von Märkisch-Oderland klären, der Willi B. untersuchen soll. „Ich habe bei dem zuständigen Gesundheitsamt einen entsprechenden Antrag gestellt“, sagt Brendel. Vom Ergebnis der Untersuchung hänge ab, wie es weitergeht in dem Verfahren.

Bei den Hausdurchsuchungen der sechs Beschuldigten wollten die Ermittler Beweise sicherstellen: Tagebücher oder Fotos aus Kriegszeiten. Doch sie fanden nichts. Bisher, sagt Brendel, lasse sich nur einer der Beschuldigten von einem Anwalt vertreten – dieser eine sei nicht Willi B. Brendel erklärt, man warte die ärztlichen Untersuchungen zwar ab, gehe aber in dem Fall auch weiteren Hinweisen nach. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir noch weitere Beschuldigte des Massakers von Oradour namhaft machen können“, sagt der Staatsanwalt.

Die sechs mutmaßlichen Kriegsverbrecher leben in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und eben in Brandenburg. Sie waren einst Angehörige der 3. Kompanie des I. Bataillons des Panzer-Grenadier-Regiments „Der Führer“. Die Kompanie sei definitiv zum Zeitpunkt des Mordens in Oradour im Einsatz gewesen, sagt Brendel.

Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen, nachdem Historiker in DDR-Akten neue Hinweise fanden. Es sind Dokumente des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Nach diesen Akten trat Willi B. im Prozess gegen den Kriegsverbrecher Heinz Barth als Zeuge auf. Barth war bereits 1953 in Frankreich der Prozess gemacht worden. Damals wurden 65 namentlich bekannte Angehörige der 3. Kompanie angeklagt. 44 von ihnen, darunter Barth, waren nicht anwesend. Sie wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Barth lebte lange Zeit unbehelligt in der DDR. Erst 1983 wurde er in Ost-Berlin zu lebenslanger Haft verurteilt. Barth war der Vorgesetzte von Willi B.

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