Frühe Kennedy-Aufzeichnungen Fasziniert von Hitlers Deutschland

Publié le par Der Spiegel - Johanna Lutteroth

Der Spiegelpubliziert 21/05/2013 at 17:43 Uhr von Johanna Lutteroth

Faschismus? "Das Richtige für Deutschland." Als junger Mann bereiste John F. Kennedy zwischen 1937 und 1945 drei Mal Deutschland - und zeigte sich beeindruckt vom "Dritten Reich". Nun erscheinen die überraschenden Aufzeichnungen des späteren US-Präsidenten erstmals auf Deutsch.
Schwieriger Begleiter

 

Schwieriger Begleiter: John F. Kennedy mit Dackel Offie und seinem besten Freund Kirk LeMoyne Billings, genannt Lem, während ihrer gemeinsamen Europa-Reise. Am 20. August 1937 notierte der spätere US-Präsident in Nürnberg in seinem Tagebuch: "Offie ist ein ziemliches Problem, denn wenn er muss – muss er." Leider sorgt der kleine Mitreisende noch für ein weiteres Problem: Der häufig kränkelnde Kennedy reagierte allergisch auf das Tierchen.

 

Im Sommer 1937 landeten zwei junge US-Amerikaner und ein Ford Cabriolet im Hafen von Le Havre. Ihre Mission: Europa in drei Monaten. Es war die klassische "Grand Tour" der reichen Ostküstenamerikaner, die so wie der Debütantenball zum Pflichtprogramm der heranwachsenden Elite gehörte. Der eine hieß Kirk LeMoyne Billings, genannt Lem, der andere Jack - besser bekannt als John F. Kennedy.

Die beiden Jungs hatten gerade das erste College-Jahr an der Elite-Uni Harvard hinter sich, waren 20 Jahre alt und abenteuerlustig. Den Trip genossen sie in vollen Zügen, flirteten, feierten und trafen sich mit Bekannten. Gleichzeitig setzten sie sich aber auch aktiv mit den politischen Systemen auseinander - vor allem mit dem Faschismus in Italien und Deutschland. Lem Billings erinnerte sich später, Kennedy sei "völlig eingenommen von dem Interesse an der Hitler-Bewegung" gewesen. Zwei weitere Male reiste der spätere US-Präsident als Student nach Deutschland: Im Sommer 1939 recherchierte er für seine Abschlussarbeit, die sich mit dem Münchener Abkommen von 1938 beschäftigte. 1945 begleitete er den damaligen US-Marineminister James Forrestal auf einer Rundreise.

Jedes Mal dokumentierte er das Erlebte in seinem Tagebuch (1937), in Briefen an seine Eltern und Lem Billings (1939) und in detaillierten Reiseberichten (1945). Diese Dokumente hat der Aufbau-Verlag nun unter dem Titel "Unter Deutschen: Reisetagebücher und Briefe 1937-1945" erstmals zusammenhängend in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Wie ein roter Faden ziehen sich Kennedys Reflexionen über den Faschismus durch die Aufzeichnungen. Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Kennedy habe den Faschismus gutgeheißen und Hitler sogar bewundert.

"Die Deutschen sind wirklich zu gut"

"Komme zu dem Schluss, dass der Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist", notierte Kennedy etwa am 3. August 1937 in sein Tagebuch und fragt: "Was sind die Übel des Faschismus im Vergleich zum Kommunismus?" Und am 21. August 1937 hielt er fest: "Die Deutschen sind wirklich zu gut - deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen." Einen Tag später schwärmt er von den deutschen Autobahnen: "Das sind die besten Straßen der Welt."

Selbst 1945 schien der junge Beobachter noch von Hitler fasziniert. Am 1. August schrieb er nach der Besichtigung des Obersalzbergs: "Wer diese beiden Orte (Obersalzberg und Kehlsteinhaus - d. Red.) besucht hat, kann sich ohne Weiteres vorstellen, wie Hitler aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten wird, die je gelebt haben."

War Kennedy also Hitler verfallen? Feststeht, dass ihn die Inszenierung des Faschismus beeindruckte - wie so viele ausländische Besucher vor ihm, darunter auch der US-amerikanische Dokumentarfilmer Julien Bryan oder Martha Dodd, Tochter des US-Botschafters in Berlin (1933-1937). Susan Sontag schätzte die Notizen in den siebziger Jahren so ein: Kennedy sei der "Faszination des Faschismus" zwar erlegen. Aber die Inszenierung habe ihn nicht geblendet.

Hitlers stärkste Waffe

Denn die begeisterten Zeilen in Kennedys Aufzeichnungen sind nur eine Seite seiner Gedanken. Von Anfang an erkannte er etwa, dass der Erfolg des Nazi-Regimes vor allem auf Propaganda basierte und betrachtete die Geschehnisse mit Distanz und Weitsicht: "Hitler scheint hier so beliebt zu sein wie Mussolini in Italien, wenngleich Propaganda wohl seine stärkste Waffe ist", resümierte er etwa am 17. August 1937 in München. Zwei Jahre später beurteilte er die Krise um Danzig äußerst kritisch: Im Mai 1939 schrieb er Billings: "Sollten sich Deutschland zum Krieg entschließen, wird es versuchen, Polen in die Rolle des Aggressors zu drängen, und sich selbst ans Werk machen." Drei Monate später schrieb er seinem College-Freund: "Es sieht nicht gut aus, weil die Deutschen mit ihren Propagandageschichten über Danzig und den Korridor schon so weit gegangen sind, dass man sich kaum vorstellen kann, sie könnten noch einlenken."

Letztlich schwanken seine Berichte so wie viele andere ausländischer Beobachter zwischen Aversion und Anziehung. Aus seinen Notizen lässt sich dennoch eindeutig herauslesen, dass ihm die Deutschen unheimlich waren. Er bewundert zwar ihre technischen Errungenschaften. Etwa als er Sommer 1945 mit Marineminister Forrestal eine Werft besuchte, auf der im Krieg U-Boote gefertigt worden waren. Eins pro Tag, wie Kennedy anerkennend in seinem Bericht fest hielt. Gleichzeitig schreckte ihn der bedingungslose Gehorsam der Deutschen ab: "An der Fügsamkeit der deutsche Beamten zeigt sich, wie einfach es in Deutschland wäre, die Macht an sich zu reißen. Sie besitzen weder die Neugier der Amerikaner noch deren angeborenen widerständige 'Ich bin aus Missouri, erklärt mir das erst mal!'-Haltung gegenüber der Obrigkeit."

Mit dieser Unsicherheit über die Natur der Deutschen im Gepäck bereiste Kennedy im Sommer 1963 schließlich Europa. Die Rahmenbedingungen dieser Reise waren denkbar schwierig. Die Berlin- und Kuba-Krise hatten die Welt kurz zuvor in einen Ausnahmezustand versetzt. Es schien, als stünde man erneut vor einem Krieg. Kennedy brauchte starke Mitstreiter in Europa. Doch der französische Staatspräsident Charles de Gaulle "verweigerte dem US-Präsidenten die Partnerschaft", wie es der SPIEGEL im Juni 1963 formulierte.

Ist er ein Berliner?

Kennedy war folglich auf die Unterstützung der Bundesrepublik angewiesen. Aber würde es ihm gelingen, die Deutschen für sich zu gewinnen? Der US-Präsident galt hierzulande als ausgewiesener Deutschland-Feind. "Eisiger Raureif hatte mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten das deutsch-amerikansiche Verhältnis überzogen", fasste der SPIEGEL kurz vor Kennedys legendären Deutschlandbesuch 1963 die Lage zusammen und leitete den Text mit einem Zitat aus den Briefen des Apostel Paulus an die Korinther ein: "Denn ich fürchte, wenn ich komme, dass ich euch nicht finde, wie ich will, und ihr mich auch nicht findet, wie ihr wollt."

Trotz der Zweifel auf beiden Seiten eroberte Kennedy mit nur einem Satz die Herzen der Deutschen: "Ich bin ein Berliner", rief er über den Platz vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin und erntete tosenden Beifall. Mit diesen vier Worten machte er unwiderruflich klar, dass die USA Berlin nicht aufgeben würden.

Egon Bahr, Architekt der Ostpolitik, erinnert sich im Vorwort von "Unter Deutschen", dass Kennedy beim Galadiner nach seinem großen Auftritt ausgesprochen gelöst gewirkt habe. Bahr hatte nie wirklich verstanden, warum - bis er die frühen Aufzeichnungen Kennedys las. Der US-Präsident war sich vorher offenbar nicht sicher gewesen, ob es ihm gelingen würde, die obrigkeitshörigen Deutschen für sich einzunehmen.

 

Frühe Erinnerungen

Frühe Erinnerungen: Kennedy schrieb fleißig Tagebuch - so auch auf seiner zweimonatigen Europa-Reise, die der damals Zwanzigjährige 1937 zusammen mit seinem Freund Lem im eigenen Auto unternahm. Auf dieser Bildungsreise lernte er unter anderem das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland kennen, was seine spätere Politik prägen sollte. Hier ist ein späteres Tagebuch zu sehen, das auf einer Auktion 1998 versteigert wurde.

Freunde fürs Leben

Freunde fürs Leben: Um 1935 posiert Kennedy hier mit Freunden. Rechts ist Lem Billings zu sehen, den er zwei Jahre zuvor an der Choate Preparatory School for Boys in Connecticut kennengelernt hatte. Sie blieben ein Leben lang eng befreundet, und Billings arbeitete später in der Kennedy-Administration und hatte für seine häufigen Besuche sogar ein festes Zimmer im Weißen Haus.

Hitler und Mussolini

Hitler und Mussolini: Auf seinen Reisen 1937 nach Italien und 1939 nach Deutschland erlebte Kennedy italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten. Am 17. August 1937 notierte er nach der Ankunft in München: "Hitler scheint hier so beliebt zu sein wie Mussolini in Italien, wenngleich Propaganda wohl seine stärkste Waffe ist." Kennedy stellt sich in seinen Aufzeichnungen unsichere Fragen über die Zukunft in Europa: "Kann ein Bündnis zwischen Deutschland und Italien Bestand haben?" und "Wäre der Faschismus möglich in einem Land mit einer Vermögensverteilung wie in den USA?".

Straßenkünstler
Straßenkünstler: Auf seiner Reise durch Europa jongliert John F. Kennedy 1937 auf einer Straße. Der Student reiste von Köln weiter nach Amsterdam und war der Meinung, dass in Holland "alle aussehen wie Juliana und Bernhard" - das damalige Königspaar.

Besten Straßen der Welt
"Besten Straßen der Welt": Kennedy zeigte sich bei seinem Deutschland-Besuch im August 1937 begeistert von den neuen "Reichsautobahnen". "Das sind die besten Straßen der Welt", schrieb der spätere Präsident. "In Deutschland allerdings (sind sie) unnötig, da hier kaum Verkehr ist, in den USA dagegen wären sie großartig, da es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt." Das Foto zeigt einen Autobahnabschnitt um 1938 auf der Strecke zwischen Berlin und München.

Krank aber fröhlich
Krank, aber fröhlich: Ende August 1937 musste Student John F. Kennedy während seiner Europa-Reise in einem Londoner Krankenhaus behandelt werden. Er hatte reichlich Tomatensaft und Pralinen zu sich genommen - und davon Ausschlag bekommen. Die genauen Umstände der Erkrankung gehen aus dem Tagebuch nicht hervor, doch er notierte am 28. August 1937: "Immer noch krank – sehr schlimme Nacht gehabt." Kennedy litt zeitlebens unter anderem an Magen-Darm-Problemen, die ihm zumindest auf diesem Bild die Laune nicht vermiesen konnten.

Vater und Sohn
Vater und Sohn: Im März 1939 geht der junge John F. Kennedy in London zusammen mit seinem Vater Joseph, Botschafter der USA in Großbritannien, an Bord einer Air-France-Maschine nach Rom. Dort soll Joseph Kennedy US-Päsident Roosevelt bei der Krönung von Papst Pius XII. vertreten.

Freund der Familie
Freund der Familie: Am 12. März 1939 wurde Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli auf der Loggia des Petersdoms zum Papst Pius XII. gekrönt. Das Kirchenoberhaupt war ein Freund von John F. Kennedys Vater Joseph. Bei der Zeremonie war die Familie Kennedy in Rom anwesend. Bereits auf seiner Reise 1937 besuchte der junge John F. Kennedy den damaligen Kardinal und notierte im Tagebuch über ihn: "Er ist wirklich ein großer Mann, auch wenn sein Englisch eher dürftig ist."

Privilegierte Jugend
Privilegierte Jugend: Kennedy macht 1939 mit einer seiner Schwestern in Ägypten einen Ausritt auf einem Kamel. Die aus Massachusetts stammende reiche Familie ermöglichte ihren Kindern nicht nur Ausbildungen auf renommierten Privatschulen und Universitäten, sondern auch mehrere Bildungsreisen.

Tannhauser.jpg
"Tannhäuser": Am 14. Juli 1939 sitzen Adolf Hitler und Joseph Goebbels in der Loge des Münchner Nationaltheaters während der Festaufführung des Wagner-Stücks. John F. Kennedy schaute sich die Inszenierung einen Monat später an und berichtete seinem Vater in einem Brief von seinen Eindrücken.

Studienabschluss
Studienabschluss: Das Studentenleben ist vorbei! Kennedy sitzt 1940 an einer Schreibmaschine, in der linken Hand sein Buch "Why England Slept". Dabei handelt es sich um die für ein breites Publikum veröffentlichte Ausgabe seiner Abschlussarbeit in Politikwissenschaft mit dem Titel "Appeasement at Munich" über die britische Abrüstungspolitik in Deutschland. Die guten Kontakte seines Vaters halfen dem jungen Kennedy nicht nur bei der Erstellung dieser Arbeit, sondern auch bei der anschließenden Vermarktung der Publikation.

Legende am Himmel
Legende am Himmel: Mit solch einer Transportmaschine des Typs Douglas C-54 der US-Luftwaffe flog John F. Kennedy Ende Juli 1945 mit Marineminister James Forrestal nach Berlin. Drei Jahre später, von Juni 1948 bis September 1949, wurde jener Flugzeugtyp durch seinen Dauereinsatz während der Berliner Luftbrücke berühmt, mit der die Einwohner West-Berlins mit Lebensmitteln und Hilfsgütern versorgt wurden. Hier ist das Flugzeug des US-Piloten Gail Halvorsen beim Anflug auf Berlin zu sehen - jener Pilot, der aus dem Flieger an kleine Fallschirme gebundene Süßigkeiten abwarf und daher auch "Candyman" genannt wurde.

Immer wieder Berlin
Immer wieder Berlin: Während Kennedys Besuch in Berlin Ende August 1939 soll er in der amerikanischen Botschaft vor dem deutschen Angriff auf Polen gewarnt worden sein. Der Kennedy-Spross überbrachte seinem Vater die Warnung nach London und erlebte dort wenige Tage später von der Besuchergalerie des Parlaments die Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland durch Premierminister Chamberlain. Im Sommer 1945 besuchte Kennedy erneut Berlin. Seine Eindrücke von der zerstörten Stadt hält er in einem Reisebericht fest: "Alles ist zerstört. Unter den Linden und die Straßen sind verhältnismäßig frei, doch es gibt kein einziges Gebäude, das nicht ausgebrannt ist. In manchen Straßen ist der Gestank der Leichen überwältigend – süßlich und ekelerregend."

Nachkriegsreise
Nachkriegsreise: Nach seinem Besuch in Berlin im Sommer 1945 fuhr Kennedy weiter nach Bremen, wo er am 30. Juli eintraf. Im Vergleich zum nahezu vollständig zerstörten Berlin war er vom Zustand Bremens und vor allem des Umlands eher positiv überrrascht. Das Bild vom 28. April 1945 zeigt die Ruine der Stephani-Kirche in Bremen und im Vordergrund die zerstörte Adolf-Hitler-Brücke (Westbrücke).

Berühmter Berliner
Berühmter Berliner: Am 26. Juni 1963 - es war der 15. Jahrestag der Berliner Luftbrücke - hält US-Präsident John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin seine berühmte Rede, aus der das Zitat "Ich bin ein Berliner" stammt. Etwa 1,5 Millionen Menschen jubelten vor Ort, als der erste US-Präsident, der die geteilte Stadt besuchte, diese symbolischen Worte sprach. Damit sicherte er der Stadt und der Bundesrepublik seine Solidarität und die Unterstützung der USA zu. Kennedy galt vor seiner Rede nicht unbedingt als Freund der Deutschen, auch wenn er das Land in seiner Jugendzeit schon mehrmals besucht hatte.

Spickzettel
Spickzettel: Auf dieser Karte hat sich US-Präsident John F. Kennedy jenen Satz für seine Rede in West-Berlin notiert, der später zu einem der berühmtesten Zitate des 20. Jahrhunderts werden sollte. In englische Lautschrift übertragen steht hier "Ish bin ein Bearleener".

 

Zum Weiterlesen :

John F Kennedy Unter DeutschenOliver Lubrich (Hrsg.): "John F. Kennedy - Unter Deutschen. Reisetagebücher und Briefe 1937-1945". Aufbau Verlag, Berlin 2013, 256 Seiten.

Publié dans Articles de Presse

Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :
Commenter cet article