Haus nüchterner Erinnerung

Publié le par Jüdische Zeitung - Lukas Andel

Jüdische Zeitungpublished 01/06/2010 at 13:27 by Lukas Andel


Auf den Trümmern der NS-Diktatur: Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" mit jahrelangem Zank verzögert

Eichmann prozess holocaustDen Ort der Erinnerung an den Terror der Nationalsozialisten auf Dauer zu gestalten, das dauerte mehr als 30 Jahre. 1978 wies der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm auf die historische Bedeutung der Brachfläche an der Berliner Mauer hin. 1980 mahnte die Internationale Liga für Menschenrechte, das Abriss-Grundstück an der Ecke Prinz-Albrecht-Straße (heute: Niederkirchnerstraße) / Wilhelmstraße zwischen der alten Stadtmitte Berlins, dem Anhalter Bahnhof und dem Potsdamer Platz nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Am 6. Mai 2010 hat nun Bundespräsident Horst Köhler an dieser Stelle das neue Dokumentationszentrum der Stiftung «Topographie des Terrors» eröffnet. Hier standen die Schreibtische der Massenmörder, hier wurden aber auch bei Verhören und in Zellentrakten mehr als 15.000 Menschen unmittelbar zu Opfern.

In enger Nachbarschaft fanden sich auf diesem Areal ab 1934 im Hotel Prinz Albrecht die Machtzentrale Heinrich Himmels sowie im Prinz-Albrecht-Palais des Hauses Hohenzollern, das bis dato als Gästehaus der Reichsregierung diente, der Sicherheitsdienst der SS, in dem Adolf Eichmann ein Jahr später das «Referat Juden» übernahm und ab 1939 das von Reinhard Heydrich geleitete Reichssicherheitshauptamt. Wenige Meter entfernt war schon 1933 die vormalige Industrieschule für Kunst und Handwerk als Görings Gestapohauptquartier mit eigenem Gefängnistrakt requiriert worden.

Wo die Nazis innerhalb kürzester Zeit ihre Schaltzentralen für die staatspolizeiliche Verfolgung bis hin zur Planung und Vollstreckung des Völkermords organisierten, tat sich nach 1945 lange Zeit wenig. Das Gelände zwischen dem West-Berliner Kreuzberg und dem im Ostsektor gelegenen alten Regierungsviertel war lange Zeit Trümmerlandschaft, als «Autodrom» Spielplatz für Motorfreunde und Brachfläche für die Sanierung der Wohngebiete von Kreuzberg. Zur 750-Jahr-Feier Berlins wurde 1987 der trostlose Winkel an der Mauer immerhin mit einer ersten Freiluftausstellung bedacht, die dem Gelände seinen heutigen Namen gab: «Topographie des Terrors». Im unwegsamen Schutt wurde jetzt ein Teil der Fundamente der von den Nazis genutzten Gebäude freigelegt.

Die Spurensuche am Ort der Täter verfestigte sich. 1989 übernahm Reinhard Rürup, Professor für neuere Geschichte an der TU-Berlin, ehrenamtlich die wissenschaftliche Leitung der Gedenkstätte. 1992 folgte die Gründung einer Stiftung, die sich zur Aufgabe machte, die Ausstellung auf Dauer als Dokumentationszentrum und Gedenkstätte einzurichten. Geschäftsführender Direktor ist Rabbiner Andreas Nachama; er hat wesentlichen Anteil daran, dass die Idee nun realisiert worden ist, wenn auch als «Hütte» und nicht als «Palast», wie er es in der Presse gefordert hatte, als 2004 ein großer Traum platzte.

Dieser begann 1993 mit einem Ideenwettbewerb für das Zentrum, den der Schweizer Architekt Peter Zumthor mit einem Aufsehenerregenden Entwurf gewann. Der Grundstein für das mehrstöckige Gebäude wurde 1995 gelegt, bald schon waren drei Treppentürme für knapp 14 Millionen Euro gebaut, aber in der weiteren Planung uferten die zu erwartenden Gesamtkosten aus. Mit 38 Millionen Euro hätten sie sich gegenüber den ersten Ansätzen verdoppelt, aber Insolvenzen ließen selbst für eine abgespeckte Version weitere Steigerungen in Millionenhöhe erwarten, so dass das fast bankrotte Berlin und der Bund als zögerlicher Zuschussgeber 2004 die Notbremse zogen. Das Bauprojekt wurde gestoppt. Ende 2004 gab es mit dem Abriss der Türme wieder Trümmer auf dem Grundstück des Grauens.

Reinhard Rürup trat nach 15 Jahren als wissenschaftlicher Direktor zurück. Der um sein Werk gebrachte Architekt Zumthor schied nach heftigem Rechtsstreit und mit einer vermutlich sechsstelligen Abfindung. Nach dem Totalschaden des Projekts lag es am neuen Zentrums-Chef Andreas Nachama, mit neuer Bescheidenheit eine Wiederbelebung zu versuchen.

Dass dies gelang, mag daran liegen, dass sich Berlin unterdessen mit zwei neuen, Aufsehen erregenden Erinnerungsorten der Geschichte gestellt hatte. 2001 war das von Daniel Libeskind gestaltete Jüdische Museum eröffnet worden, das zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte thematisiert. Und 2005 war auf einer 19.000 Quadratmeter großen Fläche zwischen dem Brandenburger Tor und dem Gelände der «Topographie des Terrors» als Symbolisierung der Schoa das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht worden. Nachama vertrat ebenso wie der Juryvorsitzende Nikolaus Hirsch vor diesem Hintergrund die Auffassung, dass die 2006 erneut ausgeschriebene Gedenkstätte für die Täter nüchtern und ohne bauliche Metaphorik auf das von den Trümmern geräumte Gelände ausgerichtet sein sollte. Das war - aus kluger Einsicht wie aus unumgänglichen Sparzwängen - eine klare Absage und, wie der «Tagesspiegel» schrieb, eine Kriegserklärung an Peter Zumthors Entwurf.

Immerhin beteiligten sich 309 Architekten, um das bezahlbare Zentrum neu zu konzipieren. Den Zuschlag erhielt Ursula Wilms vom Büro Heinle, Wischer & Partner. Sie realisierte ein quadratisches Gebäude mit 50 Metern Seitenlänge und 3.500 Quadratmetern Nutzfläche, das optisch dem benachbarten Gropius-Bau ähnelt. Das Parterre mit 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche und einem Seminarraum für 199 Gäste lässt viel Blick frei auf das umliegende Gelände. Im Souterrain ist Platz für Forschungs- und Archivarbeit in der Bibliothek mit 20.000 Bänden. 14 feste Mitarbeiter haben hier ihren Arbeitsplatz. Erwartet werden an die 500.000 Besucher pro Jahr.

Bei der Eröffnung hoben der Bundespräsident, die Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Kulturstaatsminister Bernd Neumann das neue Zentrum als Ort der aktiven Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis und ihren Opfern hervor.

Die späte Realisierung des Projekts mit weniger als 20 Millionen Euro Baukosten ließ Rabbiner Nachama einen Stein vom Herzen fallen. Was als Open-Air-Museum begann, ist mehr als zehn Jahre hinter dem Plan unter Dach und Fach. Die Öffnung des Gebäudes zum Gelände macht die Arbeit des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann zu einem unverzichtbaren Teil des Projektes. Die Ausgrabungen lassen nur noch wenige Spuren der Nutzung des Geländes durch die nationalsozialistischen Machthaber erkennen: Grundrisse von Küchen und Zellentrakten. Die Umgestaltung des Geländes assoziiert rings um das Haus Versteppung, zum Rand hin wachsen anspruchslose, für Trümmergelände typische Robinien.

Publié dans Articles de Presse

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