Hitler ist nicht totzukriegen

Publié le par Zeit Online - Daniel Erk

Zeit Onlinepubliziert 06/01/2012 at 11:20 Uhr von Daniel Erk

In Magazinen, Unterhaltungsfilmen und politischen Vergleichen: Jedem fällt zu Hitler etwas ein. Das Spiel mit dem Diktator ist eine Banalisierung des Bösen.

Adolf Hitler 1936
Jedem fällt zu Hitler etwas ein. Wirklich jedem. Den Glossenschreibern in den Zeitungen, den Redenschwingern am Tresen ebenso wie denen in den Talkshows, desgleichen den Historikern, den Zeitungsmachern und Politikern, den bezahlten Komikern im Fernsehen und den Scherzkeksen im Internet. Und alle, alle haben sie etwas zu Hitler zu sagen. Hitler macht weiter, Hitler ist überall – und scheinbar nicht totzukriegen.

Ob wir es also wollen oder nicht, ob wir es mögen oder nicht: Das "Dritte Reich" bleibt präsent – in der Politik als Erinnerung an das Versagen der Demokratie und als Mahnung für die Zukunft. In den Medien als beliebter Gegenstand von Dokumentationen und Lehrstücken, in den wieder aufgebauten Städten in Form von Mahnmalen und Gedenkstätten. Und im Alltag in Gestalt von Graffiti, Liedern und Gedichten sowie fragwürdigen Schmierereien auf Bahnhofstoiletten. Auch in unseren Wortschatz, in unsere Witze, in unsere Träume und Ängste hat Hitler, der "Führer" und Verführer (gerne mit rollendem R als "der Föhrer"), Eingang gefunden – fast immer dargestellt als das Böse, der Teufel in Person, als erbärmliche Witzfigur, als verrückter, wirrer Mann. In welcher Inkarnation auch immer: Hitler lebt.

Hitler als Abziehbild

In uns, in unserer Gesellschaft, auf hohem kulturellem und wissenschaftlichem Niveau ebenso wie in den Niederungen von Werbung und Massenunterhaltung. Mit Distanz und einer gewissen Bitterkeit, aber mit noch mehr Erstaunen muss man heute feststellen: So viel Hitler war selten. Dabei, und das mag für viele erst einmal überraschend klingen, ist durchaus nicht immer der Adolf Hitler aus dem Geschichtsbuch gemeint. Dieser Hitler, der heute durch die Gazetten und Fernsehkommentare geistert, ist vielmehr ein Abziehbild und Schatten – ein Hitler-Gespenst, das in Europa und der Welt umgeht. Ein medialer Wiedergänger, dem jede Widersprüchlichkeit genommen wurde.

Dieser Hitler gilt als Alleinschuldiger für Krieg und Völkermord, denn nicht die Deutschen, Hitler allein ist in der Vorstellung vieler schuld an Holocaust und Angriffskrieg. Diese Banalisierung des Bösen ist nicht bloß ein Nebeneffekt, der zwangsläufig passiert, wenn man so komplexe Geschehnisse wie Nationalsozialismus und Holocaust auf 90 Kinominuten, eine Zeitungsseite, eine Pointe oder eine Stunde Fernsehen zusammenstreichen muss. Sie ist oft auch deshalb willkommen, weil sie für die Deutschen eine gute Gelegenheit darstellt, sich von jedem Verdacht freizusprechen, alle Schuld und jede Mitverantwortung für die Verbrechen von sich zu weisen und stattdessen alles auf ihn zu schieben – auf Hitler, die Personifikation des Bösen schlechthin.

Bisweilen erinnern die Aufarbeitung des Geschehenen und der Umgang mit der Frage nach Schuld und Verantwortung an die leichtfertigen Kommentare von Jugendlichen, die im Suff etwas Dummes angestellt haben: Tut mir leid, war ja gar nicht ich, das war dieser Hitler, an dem ich mich besoffen habe. Kommt nicht wieder vor. Und jetzt Schwamm drüber, bitte. So konnte es geschehen, dass dieses Hitler-Bild zur rhetorischen Mehrzweckwaffe wurde. Es eignete sich gleichermaßen als Müllhalde für kollektive Schuld und Verantwortung wie als Schreckgespenst. Mit ihm kann man alles, wirklich alles machen. Und so wird er mittlerweile sogar als Vergleichsgröße herangezogen, wenn es darum geht, die vermeintliche Abscheulichkeit heutiger Politiker zu bemessen – als handle es sich bei Hitler um eine Maßeinheit.

Wie viel Hitler steckte etwa in Kim Jong-il, dem nordkoreanischen Despoten? Wie war das mit George W. Bush? Und was ist mit Barack Obama? Ist er vielleicht auch ein bisschen Hitler? Und sei’s nur ein klitzekleines bisschen? Alles verfügbare Wissen, aller Anstand hält selten jemanden davon ab, eine der unsäglichen Hitler-Analogien zur Anwendung zu bringen. Und so haben Obamas radikale Gegner im eigenen Land ihren Präsidenten wegen eben der Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung mit Hitler verglichen.

Doch die Hitler-Figur ist längst aus dem politischen Bereich herausgetreten und durchlebt eine zweite Karriere als Werbefigur – und zwar keineswegs von einer Seite, von der man es erwarten würde. Nicht Neonazis und Faschisten, sondern die ganz gewöhnliche Produktwerbung versucht immer wieder mit Hitler auf einfache und billige Weise zu zeigen, dass etwas unaussprechlich abscheulich ist und somit als verbrecherisch zu gelten hat: Rauchen etwa, das Abholzen von Wäldern, die Verarbeitung von Pelzen, Käfighaltung von Tieren. Aber selbst für die Erzeugung von Glücksgefühlen muss bisweilen Hitler herhalten. Da wird dann in Anzeigen suggeriert, eine asiatische Nudelsuppe oder ein rumänisches Radio seien so umwerfend, dass sie selbst einen Menschen wie Hitler handzahm und friedlich gemacht hätten. Wie weit solche Assoziationen gehen, hat das Satiremagazin Titanic mehrfach kritisch hinterfragt und ad absurdum geführt.

Unklar ist, worüber und warum man eigentlich lacht

So war Hitler war seltenDas Spiel mit dem Hitler ist, zumindest in Deutschland, auch rechtlich eine Gratwanderung. Der Paragraf 86a des deutschen Strafgesetzbuchs regelt nämlich, dass die Symbole verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen nicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden dürfen. Und zu diesen Symbolen gehören nicht allein das Hakenkreuz, die Siegrune und der Totenkopf der entsprechenden SS-Division, sondern auch die Phrasen "Sieg Heil", "Heil Hitler" und "Meine Ehre heißt Treue" sowie Bilder vom Kopf Adolf Hitlers. Das Verbot gilt tatsächlich vollkommen unabhängig von der zugrunde liegenden Absicht oder Gesinnung – mit einer Ausnahme. Nämlich dann,wenn mit solchen Symbolen und Sätzen offenkundig die Gegnerschaft zum NS-Regime ausgedrückt werden soll.

Diese juristischen Feinheiten haben natürlich kaum jemanden davon abgehalten, sich am Phänomen Hitler abzuarbeiten. Hitler ist längst zu einer beliebten Witz- und Comicfigur mutiert – mäßig begabte Komödianten bedienen sich bei ihm ebenso unqualifiziert wie Cartoonisten, Texter, Theatermacher und Musiker. Wo die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt in ihren Reportagen über den Prozess gegen Adolf Eichmann, der 1961 in Jerusalem stattfand, über den Organisator der Deportationen und des Holocaust noch von der "Banalität des Bösen" sprach, bleibt angesichts dieser neuen Allgegenwärtigkeit Hitlers bloß noch eine Banalisierung des Bösen festzustellen.

Man lebt ganz gut davon

Dazu hat auch die Verarbeitung des ""Dritten Reich"es" durch die Unterhaltungsindustrie beigetragen. In dem Moment, da sich Hollywood dem Holocaust zuwandte – wie mit Anne Frank – Die wahre Geschichte und vor allem mit Schindlers Liste –, blieb das nicht ohne Konsequenzen für den alltäglichen Umgang mit Personen, Symbolen und Inhalten des Nationalsozialismus.

Und natürlich lebt man zudem gut davon: Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang von 2004 haben mehr als 4,5 Millionen Deutsche im Kino gesehen – das weltweite Einspielergebnis soll 92 Millionen US-Dollar betragen haben. Das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel hatte bis 2010 insgesamt 46-mal Adolf Hitler oder einen anderen Nazi auf dem Cover. Und allein zwischen 1995 und 2009 wurden ganze 13 Dokumentationen von Guido Knopp zu Hitler und zum Zweiten Weltkrieg ausgestrahlt. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", schrieb Paul Celan in seiner Todesfuge, dem vielleicht eindringlichsten Gedicht über den Holocaust. Heute klingt das wie ein Fluch: Immer, immer wenn es um Tod und Verderben geht, ist Hitler als Meister aus Deutschland nicht fern.

Henryk M. Broder hat 1989 im Spiegel beinahe prophetisch geschrieben: "Was macht die Menschen so kirre? Es sind ja nicht nur die sogenannten Ewiggestrigen und die paar Neo-Nazis, die glasige Augen und feuchte Hände kriegen, wenn ER aus der Gruft der Geschichte aufsteigt. Eine mögliche Erklärung wäre: Die Beschäftigung mit dem "Dritten Reich", egal ob kritisch, apologetisch oder affirmativ, hat einen überaus hohen Unterhaltungswert."

Unklar ist allerdings, worüber und warum man eigentlich lacht, wenn der Name Hitler fällt. Lacht man aus Unsicherheit? Über den oft so heuchlerischen, verlogenen, verkrampften und dümmlichen Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte? Über die alberne Wortwahl und die falsche Betroffenheit und die gleichzeitige, oft gar nicht so klammheimliche Faszination? Und lacht man, ob man nun will oder nicht, dabei nicht zugleich immer über die Opfer?

Die Banalisierung des Bösen geht unverdrossen weiter

Interessanterweise sind gerade die Deutschen sehr penibel und ängstlich, was solch bittere Pointen über dieses sogenannte "dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte" betrifft. Deutlich penibler jedenfalls als Amerikaner, Engländer und Israelis. Beinahe so, als wollten sie ihre aufrechte, antifaschistische Gesinnung auf diese Weise unter Beweis stellen – blöderweise einige Jahre zu spät. Wie groß dieser Spielraum für böse Scherze zum "Dritten Reich" ist, hängt sehr stark vom Land ab – und vom Jahrgang. Tendenziell scheinen die betroffenen Generationen und Länder verständlicherweise sensibler im Umgang mit der ja selbst erlebten Geschichte zu sein, während die Nachgeborenen ebenso wie Bewohner aus entfernten Weltregionen, beide ausgestattet mit einer größeren Distanz, deutlich respekt- und rücksichtsloser zu Werke gehen.

Man sollte also meinen, es sei Konsens, dass Hitler-Deutschland und seine Verbrechen in den Fängen der Unterhaltungsindustrie nicht unbedingt gut aufgehoben sind. Vor allem nicht angesichts der Tatsache, dass in den kommenden Jahren mehr und mehr Zeitzeugen, Opfer wie Täter, sterben und Erinnerung und Gedenken an "Drittes Reich", Weltkrieg und Holocaust somit immer abstrakter werden. Sobald das geschieht, tut sich fast zwangsläufig ein noch größerer Spielraum für Interpretationen, Banalisierungen und Schindluder auf, und die Gefahr, dass der geschichtliche Kern zunehmend ins Hintertreffen gerät, wächst weiter.

Wer weiß: Wahrscheinlich sitzt die erste Generation, die auf YouTube mehr über das "Dritte Reich" und Hitler erfährt als aus dem Geschichtsunterricht, bereits vor den Monitoren. Anders gesagt: Vielleicht sollte man die Vermittlung von Geschichte lieber nicht Boulevardblättern, Hobbykomikern und Hollywood überlassen, sondern diese Entwicklung eindämmen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Denn die Banalisierung des Bösen geht unverdrossen weiter, und ein Ende ist nicht in Sicht. Es mag ja begrüßenswert sein, dass 70 Jahre nach "Drittem Reich", Hitler und Holocaust den meisten noch etwas zu diesem Thema einfällt – aber müssen es fast ausschließlich Klischees und schlechte Scherze sein?

Daniel Erk

Daniel Erkist Jahrgang 1980, hat Public Policy, Politikwissenschaft sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft in Göttingen und Berlin studiert und ist Journalist. Er war Kolumnist für Neon; für die taz betreibt er seit 2006 den Hitlerblog, der 2010 als "bestes Weblog des Jahres" mit einem Lead Award in Bronze ausgezeichnet wurde. Bis September 2011 war er Redakteur von ZEIT ONLINE. Texte von ihm sind unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, in der Frankfurter Rundschau, im Bildblog und der Riesenmaschine der Zentralen Intelligenz Agentur (Z.I.A.) erschienen. Sein Buch Soviel Hitler war selten erscheint am 9. Januar 2012 im Heyne Verlag. Daniel Erk wohnt in Berlin.


Dieser Text ist ein Auszug aus:

Daniel Erk: Soviel Hitler war selten. Die Banalisierung des Bösen oder warum der Mann mit dem kleinen Bart nicht totzukriegen ist. Heyne Verlag, München 2012. 240 S. 9,99 Euro. Das Buch erscheint am 9. Januar 2012.

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