Hitlers bewährte Kriminalisten

Publié le par Berliner Zeitung - Andreas Mix

Die Kriminalpolizei war während des Nationalsozialismus keine verbrecherische Organisation, glaubten die Alliierten. Der Spiegel untermauerte dies 1949 mit einer Artikelserie. Was für eine Fehleinschätzung!

Arthur Nebe, der Chef der Reichskriminalpolizei, ließ die Einsatzgruppe B in Weißrussland über 45000 Menschen ermorden.

Arthur Nebe, der Chef der Reichskriminalpolizei, ließ die Einsatzgruppe B in Weißrussland über 45000 Menschen ermorden.

Der Untergang des NS-Staats lag gerade einmal viereinhalb Jahre zurück, da machte der Spiegel mit einer Serie zur jüngsten Geschichte auf. Unter dem reißerischen Titel "Das Spiel ist aus" berichtete das Nachrichtenmagazin von September 1949 bis April 1950 vom "Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei" und ihrem Leiter, Reichskriminaldirektor und SS-Gruppenführer Arthur Nebe. Stolz verkündete der Herausgeber Rudolf Augstein im Vorwort, dass 54 Personen "gutwillig vernommen" wurden für das Porträt des "ersten und bisher letzten Chefs der deutschen Kriminalpolizei". In dreißig Folgen erfuhren die Leser im typischen Spiegelsound vom abenteuerlichen Aufstieg und Fall Nebes, von Großtaten der Kriminalisten im Kampf gegen das Verbrechen und ihrer Vereinnahmung durch das Regime.

Was die Kriminalbeamten tatsächlich trieben, verschleierte der anonyme, aber wohl informierte Autor. Im Verbund mit der Gestapo exekutierte die Kriminalpolizei die nationalsozialistische Verfolgungspolitik. Im Rahmen der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" nahmen die Kriminalbeamten ohne richterlichen Beschluss mehr als 80000 Menschen in "polizeiliche Vorbeugungshaft": "Berufsverbrecher", Prostituierte, Bettler, Obdachlose, Alkoholkranke und andere soziale Randgruppen. Die Kriminalbeamten begrüßten die neuen Instrumente, die ihnen das NS-Regime im "Kampf gegen Verbrecherunwesen" gab. Wer als "Berufsverbrecher", "asozial" oder "arbeitsscheu" galt und in Konzentrationslager einzuweisen war, entschieden die Polizisten aus eigener Machtvollkommenheit. Um den "Volkskörper" zu säubern, gingen die Kriminalisten gegen immer mehr Bevölkerungsgruppen vor. Ab 1943 deportierten sie mehr als 23000 Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich nach Auschwitz.

Unmittelbar am Vernichtungskrieg beteiligt war die Kriminalpolizei bereits zuvor. In den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, die nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Sommer 1941 Juden, Kommunisten und Kriegsgefangene erschossen, stellten Kriminalbeamte neben Gestapoführern und Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der SS das Führungspersonal. So kommandierte der Chef des Reichskriminalpolizeiamtes Arthur Nebe die Einsatzgruppe B, die in Weißrussland mehr als 45000 Menschen ermordete. Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts in Berlin entwickelten 1941 mobile Gaswagen, in denen Insassen psychiatrischer Anstalten und Juden erstickt wurden. Im Gegensatz zur Gestapo und dem SD erklärten die Alliierten im Nürnberger Prozess die Kriminalpolizei nicht zur verbrecherischen Organisation. Dabei war die Kriminalpolizei ebenso wie die Gestapo und der SD Teil des Reichssicherheitshauptamtes, der Terrorzentrale des NS-Staats.

"Hitlers Kriminalisten" (Patrick Wagner) deuteten das Urteil der Alliierten als Freispruch, der ihnen die Rückkehr in den Beruf sichern sollte. Die Spiegel-Serie über "Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei" leistete dazu publizistische Beihilfe. Ihr Verfasser war Dr. Bernd Wehner, ehemals Kriminalrat und SS-Hauptsturmführer. Der promovierte Jurist, ab 1931 Mitglied der NSDAP und SA, leitete die "Reichszentrale zur Bekämpfung der Kapitalverbrechen". In dieser Funktion ermittelte er die "polnischen Greueltaten" an der deutschen Minderheit im September 1939 und die Attentate auf Reinhard Heydrich und Adolf Hitler. In alliierter Haft diente er sich den neuen Machthabern an. Die Arbeit als "eine Art Privatdetektiv" für die britische Besatzungsmacht erfüllte den erfahrenen Kriminalisten jedoch nicht. "So wurde ich, auf ziemlichen Umwegen, Serienschreiber und danach Reporter beim Spiegel", erinnerte sich Wehner fast vierzig Jahre später. Mit Anekdoten und allerlei intimen Details beschrieb er die Karriere seines Vorgesetzten Arthur Nebe vom Ermittler im Rauschgiftdezernat der Berliner Kriminalpolizei zum Chef der zentralisierten Kriminalpolizei 1937. Wegen seiner Kontakte zum Widerstand tauchte Nebe nach dem missglückten Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 unter. Von der Geliebten verraten, verhaftete die Gestapo ihn Anfang 1945.

Nebe wurde vom "Volksgerichtshof" zum Tode verurteilte und zwei Monate vor Kriegsende hingerichtet. Wehner zeichnete das Bild eines fachlich versierten, aber politisch naiven Menschen, der mit dem Regime einen "Teufelspakt" einging: "Nebe verkörperte im Grunde, wenn es so etwas gibt, die Kollektiv-Seele des Deutschlands unter Hitler: Anständig, aber ängstlich und ehrgeizig." Das galt auch für Nebes Tätigkeit als Einsatzgruppenführer, die "fürchterlichste Zeit seines Lebens". Mit den gleichen Strategien, mit denen Wehner "den anständigen, ehrgeizigen, ängstlichen Ausrottungshäuptling" Nebe entschuldete, wusch er auch dessen Mitarbeiter rein: "Es gibt in der ganzen Berliner Kripo keinen Beamten, der mehr Nationalsozialist als Kriminalist ist." Ausführlich schilderte Wehner den Kampf gegen das Verbrechen. Die Spiegel-Leser erfuhren, wie die unerschrockenen Kriminalbeamten Einbrecherkönige, Autofallendiebe und Serienmörder zur Strecke brachten. Der Autor sparte dabei nicht mit Lob für seine Kollegen ("Scotland Yard - längst übertroffen."). Als "Kripo-Kollege Dr. Wehner" trat er im Verlauf der Serie auch selbst auf. Er war dabei, als der Massenmörder Bruno Lüdke überführt wurde.

Im geistig behinderten Hilfsarbeiter aus Köpenick sahen die Krimianlisten den Prototyp des gemeingefährlichen "Berufsverbrechers". Sie schrieben Lüdke, den Wehner im Spiegel als "etwas zurückgebliebenen Neandertaler" und "Tiermenschen" dämonisierte, mehr als fünfzig nicht aufgeklärte Morde aus dem gesamten Reich zu. Vermutlich hatte Lüdke keines dieser Verbrechen begangen. Der "doofe Bruno" starb 1944 an den Folgen medizinischer Versuche, die das Kriminaltechnische Institut an ihm durchführte. Dass Lüdke wie so viele andere beim Kampf für eine verbrechensfreie Gesellschaft "auf der Strecke" blieb, wertete Wehner als Kollateralschaden. Was zählte, waren die Erfolge. Ihre Grundlage bildeten die Zentralisierung der Kriminalpolizei und wissenschaftliche Innovationen. Das Kriminaltechnische Institut, das die Gaswagen entwickelte und an KZ-Häftlingen mit vergifteter Munition experimentierte, galt Wehner als "wirklich phantastisch". Lautstark trommelte er für die alten Kollegen, die von den Alliierten aus dem Dienst entfernt worden waren. Dazu zählte Paul Werner, ehemals SS-Standartenführer und Stellvertreter Nebes im Reichskriminalpolizeiamt.

Werner und Wehner hatten sich gegen Kriegsende gemeinsam nach Österreich abgesetzt, wo sie in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerieten. Werner, "der gute Geist der Kriminalpolizei", formulierte 1939 das Programm der "nationalsozialistischen Verbrechensbekämpfung": "Wer sich durch gemeinschaftswidriges Verhalten außerhalb der Gemeinschaft stellt, verdient keinerlei Rücksicht und wird mit scharfen Waffen polizeilich bekämpft und niedergerungen." Wehner empfahl den fünffachen Familienvater Werner, "ein innerlich ausgefüllter Mann mit Kammermusik- und Skineigungen", via Spiegel wärmstens zur weiteren dienstlichen Verwendung. Anders als Werner war Karl Schulz, von den Kameraden liebevoll "Karlchen" genannt, bereits in den Polizeidienst zurückgekehrt. Der ehemalige Adjutant Nebes in der Einsatzgruppe B hatte sich vor Kriegsende wie viele andere SS- und Polizeimitarbeiter nach Norden abgesetzt. In Schleswig-Holstein fand er rasch eine Stellung bei der dortigen Kriminalpolizei. Wehners Elogen auf die Kriminalpolizei und ihr Personal fielen zusammen mit der Diskussion um die Gründung des Bundeskriminalamtes. In der Frühphase der Bundesrepublik schloss die Polizei an die starken föderalen Traditionen aus der Weimarer Republik an. Aufgrund der Erfahrungen aus der NS-Zeit sperrten sich die Alliierten, aber auch deutsche Politiker gegen eine mit umfangreichen Kompetenzen ausgestattete zentrale Polizeibehörde.

Die Spiegel-Serie bot die Möglichkeit, mit Beispielen aus der Praxis diese Widerstände zu brechen. Im Nachwort zur letzten Folge leitete Rudolf Augstein konkrete politische Forderungen daraus ab. Er forderte den raschen Aufbau einer zentralen, weisungsbefugten Polizeibehörde, unabhängig vom Einfluss "der nicht sachverständigen Polizeichefs". Dazu sollte auf die "alten Fachleute" zurückgegriffen werden, "auch wenn diese mit einem SS-Dienstrang "angeglichen" worden waren. Derartige Bedenken wurden im "Gnadenfieber" der 1950er-Jahre schon bald hinfällig. "Karlchen" Schulz stieg zum Leiter des LKA Bremen auf. Paul Werner, dem die Ernennung zum Chef des Bundeskriminalamtes verwehrt blieb, konnte sich mit einer Stelle als Ministerialrat in Stuttgart trösten. Augsteins Polizeireporter Bernd Wehner warb ein Jahr nach Abschluss der Serie im Spiegel noch einmal dafür, die "Elite der bewährten deutschen Kriminalisten" wiederzuverwenden und zum erprobten Modell einer zentralisierten Kriminalpolizei zurückzukehren. Auf Anraten von Augstein ging Wehner noch im selben Jahr zur Polizei zurück. Von 1954 bis zu seiner Pensionierung 1970 leitete er die Kriminalpolizei in Düsseldorf. Als Herausgeber der Fachzeitschrift "Kriminalistik" und Autor einer populären Geschichte der deutschen Kriminalpolizei betrieb er noch lange danach Vergangenheitspolitik in eigener Sache. Als Wehner, mit den höchsten Auszeichnungen seiner Zunft geehrt, 1996 starb, würdigte ihn der Düsseldorfer Polizeipräsident: "Mit ihm begann der gute Ruf der Düsseldorfer Kripo.

Publié dans Articles de Presse

Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :
Commenter cet article