Hitlers politisches Tribunal

Publié le par Stern - Susann Kreutzmann

Sternpubliziert 12/07/2004 at 13:02 Uhr von Susann Kreutzmann

Vor allem unter der Präsidentschaft Roland Freislers war der NS-Volksgerichtshof ein politisches Gericht zur Ausschaltung der NS-Gegner. Eine Ausstellung in Berlin beleuchtet jetzt seine Entwicklung zum Terrorgericht.

Carl Friedrich Goerdeler

Angeklagt wegen der Beteiligung am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944: der Widerstandskämpfer und frühere Bürgermeister von Leipzig Carl Friedrich Goerdeler als Angeklagter vor dem Volksgerichtshof

Das Berliner Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" zeigt vom 12. Juli bis zum 12. September (täglich 10 bis 20 Uhr - Eintritt frei) die Ausstellung "Der Volksgerichtshof - Hitlers politisches Tribunal". Die Ausstellung am Bauzaun neben dem Martin-Gropius-Bau, dem Gelände der früheren Zentralen von Gestapo und SS, ist eine Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Deren Direktor Peter Steinbach spricht bei der Eröffnung am Sonntagabend über das Thema "Der Volksgerichtshof und die Nachkriegsjustiz in beiden deutschen Staaten: Überlegungen im 60. Jahr nach dem Anschlag am 20. Juli 1944".

Die Ausstellung dokumentiert auch die enge Zusammenarbeit des politischen Sondergerichts, dessen Verhandlungen oft Schauprozesscharakter hatten, mit der Gestapo. Ein großes Kapitel ist der Nachkriegszeit und dem Umgang mit den Richtern des Volksgerichtshofes in beiden deutschen Staaten gewidmet. Vereinzelte Ermittlungsverfahren führten in der Bundesrepublik nicht zu einer rechtskräftigen Verurteilung. Bis heute sei kein ehemaliger Richter oder Staatsanwalt vor einem bundesdeutschen Gericht rechtmäßig verurteilt worden, heißt es im Begleittext zur Ausstellung. 1984 stufte der Bundestag den Volksgerichtshof als Terrorgericht ein.

Der NS-Volksgerichtshof war ein politisches Gericht zur Ausschaltung der Gegner des NS-Regimes. Vor allem unter der Präsidentschaft Roland Freislers entwickelte sich der Volksgerichtshof ab 1942 zu einem reinen Terrorinstrument zur Durchsetzung der NS-Willkürherrschaft. Freisler verhängte zahlreiche Todesurteile gegen Mitglieder der Roten Kapelle, der Weißen Rose, des Kreisauer Kreises und gegen die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944. Insgesamt fällte der Volksgerichtshof etwa 5200 Todesurteile.

Offene Wunde im Herzen Berlins

Mitten im Herzen Berlins tut sich eine Wunde auf. Kurz hinter dem Potsdamer Platz erinnert eine Baustelle an die unendliche Geschichte des NS-Dokumentationszentrums Topographie des Terrors. Dort ragen zwischen Sandbergen drei riesige, mit Unkraut überwucherte Betonsäulen in den Himmel. Seit mehr als vier Jahren liegt die Baustelle für eine neue Gedenkstätte brach. Jetzt wird das Projekt am ehemaligen Ort des Schreckens neu ausgeschrieben. Noch vor Jahresende soll in einem Wettbewerb ein neuer Architekt ermittelt werden. Zwei Jahre später könne schon der erste Spatenstich erfolgen, 2008 die Eröffnung, hofft Kulturstaatsministerin Christina Weiss.

Neun Jahre währte das Gezerre um die Realisierung des Entwurfs des Architekten Peter Zumthor. 1993 hatte der Schweizer den Zuschlag für den Bau erhalten. Zwei Jahre später war Grundsteinlegung. Die neue Gedenkstätte sollte nach den hoffnungsvollen Vorstellungen aller Beteiligten 1997 eröffnet werden. Doch was dann kam, war alles andere als ruhmvoll für diesen historischen Ort. Zwei Baufirmen gingen Pleite. Das Projekt stoppte immer wieder. Seit vier Jahren rührt sich gar nichts mehr.

Inzwischen waren die Kosten immer weiter gestiegen. Rund 39 Millionen Euro hatten der Bund und das Land Berlin für das anspruchsvolle Dokumentationszentrum veranschlagt. 15 Millionen Euro waren bereits ausgegeben, ohne dass auch nur die Grundmauern der künftigen Gedenkstätte errichtet worden wären. Immer wieder war das extravagante Projekt von Zumthor vereinfacht worden, um Kosten zu sparen.

Direktor warf das Handtuch

Ende April schmiss dann der Wissenschaftliche Direktor der Stiftung, Reinhard Rürup, das Handtuch. Die Fertigstellung des Bauwerkes habe sich in "nicht akzeptabler Weise" verzögert, erklärte er und wies darauf hin, die Besucher könnten seit Jahren so gut wie nichts der ehemaligen Schaltzentrale des NS-Terrors wirklich besichtigen. Absperrungen und die Überreste der Bauarbeiten hindern sie daran.

Einen knappen Monat später beschlossen Bundesregierung und Land, den Entwurf von Zumthor nicht mehr weiter zu verfolgen. Mit einer Neuausschreibung des Projekts soll ein Neuanfang symbolisiert werden. Ist das ein Grund zur Hoffnung? "Ich bin verhalten optimistisch", meint der Geschäftsführende Direktor der Topographie des Terrors, Andreas Nachama. In seiner Bewertung ist er vorsichtig. Vieles deute in eine positive Richtung, sagt er.

Nach dem Aus für das bisherige Projekt gibt es noch kein neues Konzept. Die errichteten Betonsäulen müssen wohl abgerissen werden. Bescheidener und unauffälliger soll der kommende Entwurf sein. "Die neue Architektur soll dem Gelände dienen", erklärt Nachama. Er hätte sich schon vor elf Jahren lieber einen "undekorierten Schuppen" als den aufwändigen Zumthor-Entwurf gewünscht.

Zentrum des NS-Verbrecherapparates

Auf dem Gelände der heutigen Topographie des Terrors befanden sich zwischen 1933 und 1945 die wichtigsten Zentren der NS-Verbrecherpolitik: die Geheime Staatspolizei, die SS-Führung und das Reichsicherheitshauptamt. An diesem "Ort der Täter" fielen grundlegende Entscheidungen über den Völkermord an Millionen Juden, über die "Germanisierung" eroberter Gebiete in Polen und der Sowjetunion, über die Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Regierungsviertel war in dem Karree zwischen Prinz-Albrecht-Straße, Wilhelmstraße und Anhalter Bahnhof das eigentliche Zentrum der NS-Verbrecherherrschaft aufgebaut worden. Hier standen die Schreibtische von Reinhard Heydrich, der unter anderem die Konzentrationslager aufbaute, und von dem Polizeichef und SS-Reichsführer, Heinrich Himmler. Es gibt wohl keinen anderen Ort, an dem Terror und Mord in gleichem Umfang geplant und organisiert wurden.

In der letzten Kriegsphase wurde der Gebäudekomplex teils zerstört, teils schwer beschädigt. Jahrelang kümmerte das historische Areal in direkter Nachbarschaft zur Berliner Mauer vor sich hin. 1987 zur 750-Jahr-Feier von Berlin wurde das Gelände provisorisch hergerichtet. Der provisorische Eindruck besteht auch heute noch. Bisher können sich die Besucher nur in einem schmalen Gang eine Ausstellung anschauen. An der Seite erinnern ausgegrabene Fundament- und Treppenreste an die grauenvolle Vergangenheit des Ortes. Kurz dahinter stehen Reste der Berliner Mauer. Beim Blick in die Ferne ragt die postmoderne Silhouette des Potsdamer Platzes in den Himmel.

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