Israël : Eichmann - Satan in der Zelle

Publié le par Der Spiegel

Der Spiegelpubliziert 30/05/1962 at 17:24 Uhr

Niemand erkannte sie unter ihrem falschen Namen. Kein Reporter entdeckte sie zwischen den Passagieren, die mit einer Maschine der Swissair am Nachmittag des 29. April auf dem israelischen Flugplatz Lydda bei Tel Aviv landeten.

Adolf and Veronika EichmannDie mollige dunkelhaarige Mittfünfzigerin erhob sich erst schwerfällig von ihrem Sitz, als die letzten Passagiere das Flugzeug verlassen hatten und zwei Beamte des israelischen Geheimdienstes den wahren Namen der Frau flüsterten. Wenige Minuten später saß sie in einem Polizeiwagen.

Ohne die Paß- und Zollkontrollen zu passieren, fuhr der Wagen zum Ramle -Gefängnis. Die Geheimdienstler führten die Frau in die am sorgsamsten bewachte Zimmerflucht der nichtkommunistischen Welt: den Zwangsaufenthalt des zum Tode verurteilten SS-Obersturmbannführers und Juden-Endlösers Adolf Eichmann.

Kurz darauf tauchte das fahle Gesicht des Todeskandidaten hinter der Glaswand auf, die alle Besucher von dem Delinquenten trennt. Sprachlos starrte der Mann auf die Frau, bevor er sich umständlich den Kopfhörer umstülpte und zum Mikrophon griff.

Wer die Besucherin des 29. April war, erfuhr die Öffentlichkeit erst einen Tag danach aus einem amtlichen Kommuniqué: "Frau Vera Eichmann traf gestern abend in Israel ein, besuchte ihren Mann und verließ in den heutigen Morgenstunden wieder das Land."

Die Geheimaktion Vera hatte ein Mann nachdrücklich empfohlen, der als einziger Ausländer den Todeskandidaten regelmäßig besuchen darf und sich mit der milden Beharrlichkeit angelsächsischer Kirchensektierer geschworen hat, Adolf Eichmann zum rechten Glauben zu bekehren. Der kanadische Gottesmann William Lovell Hull, Pastor der Sekte "Zion Christian Mission" in Jerusalem, hofft auf ein gutes Ende seiner Bemühungen.

"Die Macht des Satans in Eichmanns Zelle ist zwar noch ungeheuerlich", seufzt der 62jährige Evangelist. "Aber ich habe eine gewaltige Verantwortung. Wäre nicht Gott mit mir, ich würde, nicht versuchen, Eichmann zu Gott zurückzuführen."

Das Glück des Predigers Hull will nun freilich, daß eine höhere Macht ihn nicht nur mit den Gaben des Seelsorgers ausgestattet hat, sondern auch mit der flinken Geschicklichkeit moderner Werbechefs. Als Kaufmann Gottes wirkt William Lovell Hull, wo immer ihn der Ruf seiner Sekte hinführt.

Seine kaufmännische Geschicklichkeit hatte sich zunächst in profaneren Gefilden bewährt. Er arbeitete auf der Getreidebörse im heimatlichen Manitoba, bis ihn eines Nachts, wie sich Hull deutlich erinnert, "ein sehr persönlicher Ruf Gottes" erreichte, nach Palästina zu ziehen.

Der Salesman empfing die Weihen eines Pastors der "Zion Christian Mission" und siedelte 1935 von Kanada nach Jerusalem über. Später wußte er sich die Sympathie der israelischen Regierung zu sichern, schrieb ein Buch über "Aufstieg und Untergang Israels" und verteidigte in seiner Hauspostille "A Christian Voice in Israel" die Politik des jüdischen Staates.

Seine guten Beziehungen zu der israelischen Regierung ermöglichten ihm auch den Kontakt zu Eichmann, dessen christliche Bekehrung Evangelist Hull ersehnt, seit er Zeuge werden mußte, wie Hitlers Judenhenker bei der Vereidigung zu Beginn des Prozesses die 'ihm gereichte Bibel zurückwies. Von dieser Stunde an war Hull entschlossen, Eichmann, der 1937 aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist, zum Christentum zurückzuführen.

Der Seelensucher erwirkte die Genehmigung der israelischen Regierung. Eichmann zweimal in der Woche besuchen zu dürfen. Am 11. April standen der Pastor und seine dolmetschende Ehefrau Lillian zum erstenmal, durch die Glaswand des Besucherzimmers getrennt, dem Todeskandidaten gegenüber und ließen ihm eine deutsche Bibel zuschieben.

William Hull hatte ein sorgfältiges Programm ausgearbeitet: Bei jeder Zusammenkunft lesen Missionar und Todeskandidat gemeinsam in der Bibel, dann läßt Hull seinem Zögling ein Traktat zurück, das Eichmann durcharbeiten und mit Anmerkungen versehen soll. Hull: "Die Erfolge meiner Besuche bei Eichmann ermutigen mich, ihm auch weiterhin zur Seite zu stehen."

Zuweilen bricht freilich der Unwille des Gefangenen durch. Als Hull einmal Eichmann bat, eine Stelle in den Büchern Salomos aufzuschlagen, protestierte der einstige SS-Mann: "Das ist doch das Alte Testament?" Hull bejahte. Darauf Eichmann: "Das werde ich nicht lesen. Ich glaube nicht an diese jüdischen Fabeln und Geschichten."

Da belehrte der Evangelist seinen Zögling: "Hören Sie mal. Ich habe einen Plan ausgearbeitet, durch den Ihre Seele vielleicht gerettet wird, und wenn Sie diesem Plan nicht folgen, kann ich Ihnen auch nicht helfen." Gehorsam schlug Adolf Eichmann das Alte Testament auf.

Angesichts dieser Verkrampfung (Hull: "Noch sprechen wir beide nicht vom gleichen Gott") nutzte der Kanadier jede Gelegenheit, seinen Zögling weicher zu stimmen.

Als Hull erfuhr, seit März erwäge eine Regierungskommission, Vera Eichmann einen einmaligen Besuch in der Zelle ihres Mannes zu erlauben, setzte er sich nachdrücklich für die Geheimaktion Vera ein.

Seit Veras 90-Minuten-Besuch bei dem zum Tode Verurteilten (Eichmann: "Auf Wiedersehen") ist der Gefangene geneigter, die Belehrungen des Pastors zu akzeptieren.

So geartete Erfolge lassen William Hull hoffen, Adolf Eichmann für das Christentum zurückgewinnen zu können, bevor das in dieser Woche verkündete Urteil des Jerusalemer Gerichtshofes Rechtskraft erhält.

Erklärte Bekehrer Hull: "Ich bin nicht an seinem Körper interessiert, sondern nur an seiner Seele - und ihr sollte man eine Chance geben, sich zu retten."

Eichmann-Missionar Hull, Ehefrau
Letzter Trost ...
... aus den Büchern Salomos: Eichmann-Ehefrau Vera


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