Kipphardts Eichmann-Stück wird in München uraufgeführt

Publié le par Der Spiegel

Der Spiegelpubliziert 17/01/1983 at 18:42 Uhr

Adolf Eichmann stand schon einmal auf der Bühne: 1965, als an den Münchner Kammerspielen Heinar Kipphardts "Joel Brand, die Geschichte eines Geschäfts" uraufgeführt wurde. Das Stück behandelte eine besonders makabre "Episode" der nazistischen Judenausrottung: daß nämlich der Cheftransporteur Eichmann gegen Ende des Krieges im Auftrag Himmlers versucht hatte, die Juden in Ungarn mit einem Kompensationsgeschäft gegen Lastwagen von der Endlösung freikaufen zu lassen. Das "Geschäft" kam nicht zustande.

Adolf Eichmann trial
Das Stück "Joel Brand" war ein Beispiel jenes "Dokumentartheaters", das damals die Bühnen beherrschte, sich auf überlieferte Fakten und Protokolle berief statt auf dichterische Erfindung und Fiktion.

Heinar Kipphardt ("In der Sache J. Robert Oppenheimer" 1964) und Peter Weiss ("Die Ermittlung" 1965) waren, neben Hochhuth, die erfolgreichsten und wirksamsten Vertreter des Dokumentartheaters - wohl auch, weil beide ihre Stücke als politisch-polemische Vehikel ansahen, um das Weiterwirken faschistischer Strukturen in die Gegenwart nachzuweisen.

"Bruder Eichmann",

( Buchausgabe im Rowohlt-Verlag. ) ( Theatervertrieb Ute Nyssen & J. ) ( Bansemer. )

das Stück, dessen Probenbeginn der im November 1982 verstorbene Dramatiker am Münchner Residenztheater noch erlebt hat, wirkt wie ein Nachzügler des Dokumentartheaters - und wie eine Antwort auf die Vergangenheitsbewältigung a la "Holocaust".

Grundlage des Stücks sind die Tonbandaufzeichnungen der israelischen Vernehmungen Adolf Eichmanns, das Buch der Hannah Arendt "Eichmann in Jerusalem" sowie weitere Zeitdokumente, die Kipphardt zur Möglichkeit nutzte, die Linien seines Stücks in die Gegenwart zu verlängern: Noch das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila wird thematisch in das Stück einmontiert.

Die Kernszenen bilden die Verhöre Eichmanns durch den israelischen Polizeihauptmann Avner Less: Sie geben Eichmann Gelegenheit zur Selbstdarstellung, in ihrer Technik erinnern sie an Kipphardts Oppenheimer-Stück. Kurze Einblendungen, etwa von Szenen aus Auschwitz, orientieren sich ganz zweifelsfrei an der oratorischen Form der "Ermittlung" von Peter Weiss - so als sei damit eine episierende, also distanzierende Form gefunden, die Darstellung unvorstellbaren Grauens möglich mache, ohne es an theatralische Horroreffekte zu verraten.

Seine Hauptthese trägt Kipphardts Stück schon im Titel: "Bruder Eichmann" zeigt, daß man es nicht mit einem dämonischen Bösewicht nach dem Muster Richards III. zu tun hat, sondern mit einer "Funktion", durch die ein Durchschnittsmensch, dem Gehorchen alles ist, zum eifrigsten Erfüllungsgehilfen der entsetzlichsten Todesmaschinerie werden konnte. Hier deckt sich Kipphardts Stück mit der Hannah-Arendt-These von der "Banalität des Bösen", die die große jüdische Publizistin ja auch aus der Beobachtung des Eichmann-Prozesses und seiner grau-unscheinbaren Hauptperson abgeleitet hatte.

In seiner Szenen-Kollage führt Kipphardt einen Eichmann vor, der auch in der israelischen Untersuchungszelle so "funktioniert", wie er denkt, daß es sein jeweiliges Gegenüber von ihm erwartet: für seinen Anwalt und seine Frau spielt er das unschuldige Opfer eines ungeheuerlichen Raubvorgangs, für eine israelische Psychiaterin den Kavalier österreichischer Schule, für die Israelis den korrekten, weil korrekt behandelten Gefangenen.

Neben dem Bild des aschgrauen Vollstreckungsbeamten, den kein Schuldgefühl plagt, solange er sich auf Befehle berufen kann, und der sich viel darauf zugute hält, daß er kein Blut (nicht einmal eine Schnittwunde) sehen kann, zeigt das Stück politische Konstellationen, die ähnlich geeignet sind, bürokratische Unmenschlichkeit zu erzeugen, wie es mit der "Endlösung" geschah:

Italienische Terroristenfahnder schildern ihre Methode, um zu Geständnissen zu kommen. US-Piloten, die mit der B-52 in Vietnam gebombt haben, sehen sich als gut funktionierende Ingenieure, denen der Tod nur als abstrakte Aufgabe begegnet, Israels Verteidigungsminister Scharon äußert sich als patriotischer Technokrat ("Ich interessiere mich nicht für die persönlichen Fälle") in einem Interview mit Oriana Fallaci über die Last mit den Palästinensern.

In München wird Kipphardts Stück am 21. Januar Premiere haben. Regie führt Dieter Giesing, dem 1976 und 1981 besonders eindrucksvolle Neuinszenierungen des "Oppenheimer" in Hamburg und München gelangen.

Den Eichmann spielt Hans Michael Rehberg. Er ist der Sohn des wohl erfolgreichsten Dramatikers der Nazizeit, dessen patriotische Stücke über den großen Fritz und Preußens Gloria von den Nazis zur Einübung des Kadavergehorsams aufgeführt wurden.

S.165 Buchausgabe im Rowohlt-Verlag. Theatervertrieb Ute Nyssen & J. Bansemer. * Horst Sachtleben. Hans Michael Rehberg (als Eichmann). *

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