Kritischer-Nähr-Stand

Publié le par Der Spiegel

Agrarischer Stuhl-Wechsel - Wenn die Zeiten wieder ruhiger werden, werde ich, das tun, wovon ich seit anderthalb Jahren nur träume," hatte Josef Baumgartner vor einem knappen Jahr geseufzt, "in kurzen Lederhosen große Wanderungen machen, im Winter Skilaufen und mich wissenschaftlich mit den agrarpolitischen Zusammenhängen der Weltwirtschaft befassen."

Josef Baumgartner

Josef Baumgartner

Die Zeiten haben sich nicht wesentlich geändert, aber jetzt beginnen seine Träume wahr zu werden. Mit vor Aufregung wippenden Locken war die Chefstenotypistin des bayrischen Landwirtschaftsministeriums mit einem Fernschreiben zu ihrem Minister gekommen. Schlange-Frankfurt kündigte für Bayern eine Kürzung der Fettrationen, weil es seine bizonalen Kartoffelverpflichtungen nicht erfüllt habe. "Jetzt habe ich es satt," schrie Josef Baumgartner, im Krieg Feldwebel in der Wehrmacht, mit der ihm eigenen Lautstärke. "Ich gehe!" und unverzüglich verließ er das weitläufige grün gestrichene Haus, von dem aus er seit Oktober 1945 die bayrische Agrarpolitik geleitet hatte.

Es hatte ihn schon gefuchst, daß ihm vor ein paar Tagen Gouverneur Wagoner die drei Zentner Kartoffeln unter die Nase gerieben hatte, die trotz Anweisung der Amerikaner noch nicht an die verschleppten Personen verteilt werden waren, während die Eingeborenen nicht einmal alle einen Zentner im Keller haben.

Als dem etwas cholerischen Mann dann noch von seinen bäuerlichen CSU-Fraktionskollegen vorgehalten wurde, er sei vor dem preußischen Agrarchef Schlange zu Kreuze gekrochen und habe beim "Kartoffelkrieg" (siehe "Spiegel" Nr. 40) eine.

Schlappe für Bayern eingesteckt, war das ministerielle Maß voll. Er selbst würde heute auf Schlanges Posten sitzen, wenn ihn nicht sein bayrischer CSU-Freund Josef Müller torpediert hätte.

In einem Handschreiben ließ Baumgartner seinem Premier Dr. Hans Ehard wissen, er sei es müde, unter solchen Umständen sein Land zu nähren. Der behutsame Hans Ehard hätte den Riß in seinem Kabinett gar zu gerne gekittet, aber Josef Baumgartner hatte seine Demissionsabsichten schon in alle Welt posaunt.

Es ist nicht das erstemal, daß der 43 jährige oberbayrische Bauernsohn zurücktreten will. Schon im Februar war er der Ansicht, daß aus Bayern zuviel Lebensmittel für außerbayrische Gebiete herausgesogen würden, und im Oktober empfahl er sogar allen bizonalen Ernährungsministerkollegen, mit ihm zusammen zu demissionieyen. Aber beim erstenmal wollte Hans Ehard nicht, und beim zweitenmal sträubten sich die Kollegen. So blieb er denn und waltete seines schweren Amtes. "Ich arbeite täglich von 8 Uhr früh bis 11 Uhr abends. Seit ich hier tätig bin, kenne ich kein Privatleben mehr." Seine Frau und sein fünfjähriges Söhnchen kamen über Bayerns Kalorien um das Familienleben.

Der massige Mann mit dem vollen dunklen Haar, der es ablehnte, eine Nazi-Villa zu beziehen und in zwei Zimmern einer Baracke wohnt, hat sich auf dem väterlichen Hof schon von Kindesbeinen an mit der Agronomie beschäftigt. Seine Eltern hätten zwar gern gesehen, daß er Geistlicher würde, und schickten ihn in die Lateinschule des Benediktiner-Klosters Scheyern; aber in seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich wieder, mit dem landwirtschaftlichen Kreditwesen in Bayern. Die Bauern warnte er vor den Nazis, als er im Bayrischen Bauernverein bei Dr. Heim untergekommen war, und unter den Nazis warb er Versicherungsnehmer für die Allianz, bis er Soldat wurde.

Seine alten Bauernfreunde, die die Anti-Hitler-Broschüren vor 1933 gelesen hatten, wußten ihm 1947 wenig Dank für seine Bemühungen, ihre Rechte gegen Frankfurts Schlange zu wahren. Ihr 54jähriger dicker Generalsekretär Dr. Alois Schlögl, der im Moment wegen Ernährungsschwierigkeiten in Regensburg im Bett liegt, machte ihn für die Hofbegehungen ("Gestapo-Methoden") und andere scharfe Maßnahmen verantwortlich gegen die Baumgartner in Wirklichkeit auch Sturm gelaufen hatte.

Alois Schlögl hat aus dem Bett heraus seine Freunde davon überzeugen können, daß er der richtige Nachfolger für Baumgartner sei. In einer Kabinettsgeheimsitzung drückten sie es durch, und nächste Woche soll die CSU-Fraktion ihren Segen dazu geben. Auch die Frage, wer Alois Schlögls Nachfolger werden soll, ist so gut wie gelöst. Josef Baumgartner hat jetzt sowieso nichts zu tun. Er will mit Alois Schlögl den Posten tauschen.
 

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