Marshall-Plan ohne Theater

Publié le par Der Spiegel

Europa wartet auf 22,4 Milliarden

George Marshall

George Marshall

Die erste Etappe des Marshall-Plans ist durchlaufen. Die Pariser Verhandlungen der 16 Nationen über die Zukunft von 400 Millionen Europäern sind abgeschlossen. Amerika weiß jetzt, was der alte Kontingent braucht, um gesunden zu können. Der auf Verlangen Mr. Claytons, des Wirtschaftsberaters von Außenminister Marshall revidierte Konferenzbericht liegt jetzt in Washington vor.

Englands Ernest Bevin schloß die Konferenz mit einer großen Rede: der Bericht sei keine Bitte um Almosen, sondern die berechtigte Forderung Europas auf Hilfe.

Der auf Washington gezogene Wechsel lautet auf 22,4 Milliarden Dollar. Davon hat die Weltbank 3,1 Milliarden bereits zugesagt. Die Restsumme muß vom USA-Kongreß akzeptiert werden. Ueber seine vorzeitige Einberufung hat Präsident Truman noch keine Entscheidung gefällt.

Die Teilnehmer an der Konferenz im Pariser Großen Palais haben neben der Berechnung der Dollar-Forderung einen umfangreichen Vierjahresplan für die Organisierung der eignen Anstrengungen Europas ausgearbeitet. Er sieht Produktionssteigerungen auf allen Gebieten vor.

Marshall hat seinem französischen Kollegen Bidault mitgeteilt, daß ein Anlaufen seines Plans vor dem Frühjahr unmöglich sei. Sein Vertreter Robert A. Lovett hat jedoch die Notwendigkeit sofortiger Dollarhilfe öffentlich zugegeben. "Newsweek" befürwortet diesen Gedanken. Die USA müßten einer politischen Hilfsoffensive Moskaus zuvorkommen, Während Westeuropa die schlechteste Ernte seit 1830 habe, sei in Rußland die beste seit Kriegsbeginn gereift. Die Aufhebung der Brotrationierung in der UdSSR sei wahrscheinlich. Trotzdem könnten noch vier Millionen Tonnen Weizen ausgeführt werden. Wenn ein Stalin-Hilfsplan dem Marshall-Projekt gegenübergestellt werde, könne er schon bei den französischen Gemeindewahlen im Oktober unerwartete Ergebnisse bringen.

22,4 Milliarden Dollar sind viel Geld für den amerikanischen Steuerzahler. Im letzten Vorkriegsjahr brachte er nur 5,2 Milliarden auf. Der Krieg selbst kostete ihn jedoch 300 Milliarden. Und das Pacht- und Leih-Programm weitere 50 Milliarden.

Mit kleinen Unterschieden im Ton lobt sowohl die westeuropäische als auch die amerikanische Presse die Arbeit der Pariser Konferenz. Die Umarbeitung des Berichts geschah in 15stündigen Sitzungen.

Das Konferenzbüro im Großen Palais durfte in den letzten Wochen keine einzige Theaterkarte für die Delegierten besorgen.

Publié dans Articles de Presse

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