Mutmaßlicher Täter von Oradour ist tot

Publié le par Berliner Zeitung - Karin Bischoff

Berliner Zeitungpubliziert 25/02/2013 at 21:17 von Karin Bischoff

Mehr als 68 Jahre nach dem Massaker im französischen Oradour-sur-Glane ermitteln die Behörden noch immer gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher. Ihre Chancen schwinden von Woche zu Woche. Nur noch sechs Tatverdächtige sind am Leben.



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Nach dem SS-Massaker wurden die Ruinen von Oradour zum Mahnmal.

 

Die Zeit arbeitet gegen die Ermittler. Mehr als 68 Jahre nach dem Massaker im französischen Oradour-sur-Glane ist einer der mutmaßlichen Kriegsverbrecher, gegen die seit zweieinhalb Jahren ermittelt wird, gestorben. Das teilte die Zentralstelle für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen am Freitag mit. Damit laufen die Ermittlungen nur noch gegen sechs noch lebende Tatverdächtige. Die 85 bis 87 Jahre alten Männer aus Deutschland und Österreich stehen im Verdacht, als Angehörige der Waffen-SS im Juni 1944 am Massaker von Oradour beteiligt gewesen zu sein. Dabei wurden fast alle Dorfbewohner ermordet – insgesamt 642 Menschen.

Einer der Beschuldigten lebt in Brandenburg, im Landkreis Märkisch-Oderland. Der 87-jährige Willi B. war nach Angaben der Ermittler ebenso wie die anderen Beschuldigten Angehöriger der 3. Kompanie des I. Bataillons des Panzer-Grenadier-Regiments „Der Führer“. „Die 3. Kompanie war zur besagten Zeit in Oradour“, sagte Andreas Brendel, der Leiter der Dortmunder Zentralstelle für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Eine Anwesenheit in dem Ort reiche aber nicht als Beweis für die Tat aus. „Wir müssen jedem einzelnen eine konkrete Tötungshandlung oder aber eine Beihilfe nachweisen.“

Drei Tatverdächtige nicht mehr verhandlungsfähig

Die Fahnder hatten Ende 2012 an Frankreich ein Rechtshilfeersuchen gestellt und waren Ende Januar in Oradour – zu einem Ortstermin. „Wir wollten uns ein Bild machen und sehen, wo die einzelnen Angehörigen der 3. Kompanie eingesetzt waren“, sagte Brendel. Zudem habe man die Akten zum Oradour-Prozess in Bordeaux eingesehen. Dort hatte ein Militärgericht im Februar 1953 einundzwanzig SS-Männer wegen ihrer Beteiligung an dem Massaker verurteilt. Demnächst wollen die Ermittler noch einmal nach Frankreich reisen. Acht Zeugen sollen befragt werden, darunter auch Überlebende von Oradour.

Andreas Brendel hofft, die Tat noch aufklären zu können. „Die Beweislage ist aber nicht besonders gut“, muss er eingestehen. Ob es jemals zu einem Gerichtsverfahren kommen wird, ist auch aus einem anderen Grund völlig offen: Drei der Tatverdächtigen sind nicht mehr verhandlungsfähig. „Ich hoffe, die Frage noch in diesem Jahr beantworten zu können“, sagte Brendel.

Die Ermittlungen waren im Oktober 2010 in Gang gekommen, nachdem Historiker neue Hinweise in Akten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit entdeckt hatten. Dabei handelt es sich um Dokumente aus dem Ermittlungsverfahren gegen den Kriegsverbrecher Heinz Barth. Daraus ging hervor, dass auch der jetzt beschuldigte Willi B. gegen Barth ausgesagt hatte, der als einer der Befehlshaber des Massakers von Oradour galt.

Barth war 1953 in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Er lebte lange Zeit unter seinem richtigen Namen völlig unbehelligt in der DDR. Erst 1983 wurde er in Ost-Berlin vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Einen Tag nach dem Urteilsspruch wurden die Akten zu Willi B. geschlossen. Er war damals laut Stasi-Unterlagen „dringend verdächtig“, am Massenmord in Oradour beteiligt gewesen zu sein.

Publié dans Articles de Presse

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