Nur zugeschaut

Publié le par Berliner Zeitung - Katrin Bischoff und Jens Blankennagel

Berliner Zeitungpubliziert 09/12/2011 at 21:41 Uhr von Katrin Bischoff und Jens Blankennagel

Die Stasi deckte mutmaßliche Kriegsverbrecher wie Willi B. – obwohl sie von deren Beteiligung am Massaker von Oradour überzeugt war.



Heinz Barth

SS-Mann Heinz Barth (l. mit unbekannten SS-Leuten) wurde als Einziger in Deutschland wegen der Kriegsverbrechen in Oradour verurteilt.

 

Manchmal können Bücher doch etwas ändern. Etwa das Buch "NS-Verbrechen und Staatssicherheit" von Henry Leide. Der 46-Jährige ist Sachbearbeiter in der Rostocker Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde. "Die Beschreibungen im Buch waren ein Auslöser für die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft", sagt er. Sie richten sich gegen sechs einstige Angehörige der Waffen-SS, die am 10. Juni 1944 am Massaker im französischen Oradour-sur-Glane beteiligt gewesen sein sollen. Die SS ermordete damals 642 Zivilisten. Einer der mutmaßliche Kriegsverbrecher, der 86-jährige Willi B., wohnt bei Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland).

"Er und ein inzwischen verstorbener SS-Mann hätten schon in der DDR vor Gericht gestellt werden müssen", sagt Leide. 1983 wurde einem der Befehlshaber für das Massaker, dem einstigen SS-Obersturmführer Heinz Barth, in Ost-Berlin der Prozess gemacht. "Die Stasi hatte die anderen beiden als Zeugen verhört und als Mittäter eingestuft", sagt Leide. Doch nur Barth wurde angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. "Es war eine Art Schauprozess, der zeigen sollte, wie hart die DDR gegen Nazis vorgeht. Die beiden anderen Fälle wurden bewusst vertuscht. Es war eine Farce."

Der Grund für die Vertuschung: Die DDR war gegenüber Frankreich bereits in Erklärungsnot, weil der Kriegsverbrecher Barth Jahrzehnte lang unter seinem richtigen Namen unbehelligt in der DDR gelebt hatte. "Ein internationaler Aufschrei des Entsetzens wurde befürchtet, wenn die DDR hätte zugeben müssen, dass es noch mehr SS-Täter gibt. Also wurden sie laufen gelassen und ihre Taten verschwiegen", so Leide.

Die Stasi-Akten, die der Berliner Zeitung vorliegen, belegen Leides Einschätzungen. Willi B. und der bereits verstorbene Rudi A. aus Sachsen waren von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Anfang der 1980er-Jahre als Zeugen gegen Heinz Barth vernommen und auch überwacht worden. Laut Stasi sollen sie von der bevorstehenden Mordaktion gewusst haben. Willi B. hatte "zunächst an der Zusammentreibung von Ortsbewohnern" teilgenommen und die Kirche umstellt, "um Frauen und Kinder an Fluchtversuchen aus der Kirche zu hindern", so steht es in den Akten. Die SS hatte alle Frauen und Kinder in das Gotteshaus getrieben und die Kirche angezündet.

B. hatte in seiner Vernehmung bei der Stasi zugegeben, in Oradour gewesen zu sei. Er war damals 18 Jahre alt, sein Dienstrang bei der Waffen-SS entsprach dem eines Gefreiten. Eine aktive Beteiligung an der Ermordung der Dorfbevölkerung stritt er ab. Er gab an, dass er mit "weiteren Kameraden meines Zuges einen uns zugewiesenen Abschnitt des Ortes durchsuchen und dabei eventuell aufgespürte Personen festhalten" musste.

In einer Schmiede soll er von seinem Vorgesetzten Barth den Befehl erhalten haben, einen Mann zu erschießen. "Ich sträubte mich", erklärte B. Daraufhin habe ihm Barth mit dem Kriegsgericht gedroht. Barth hingegen bestritt dies im Verhör. Keiner seiner Untergebenen habe in Oradour einen Befehl verweigert. Die Einheit, in der auch B. war, habe die Kirche umstellt und Fluchtversuche verhindert.

Glaubt man den Akten, schaute und hörte Willi B. nur zu, wie die Dorfbewohner ermordet wurden. Er habe "Schreie und das Jammern in der Kirche" gehört, dann Schüsse, dann brannte die Kirche. Er sah zwar, dass seine Kameraden Benzin verschütteten, wer aber die Kirche angezündet und wer geschossen hat, sah er angeblich nicht.

Willi B. kam im September 1944 in US-Gefangenschaft, 1946 kehrte er nach Hause zurück und wurde fünf Jahre später Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). 1966 wurde der gelernte Rinderzüchter Gemeindevertreter. Er sprach im Verwandtenkreis nicht über seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Doch nicht immer verschwieg er seine Biografie. In dem Ermittlungsverfahren gegen Barth erfuhr die Stasi, dass sich ihr Zeuge 1961 im Braunkohlenwerk Laubusch, in dem er damals tätig war, einer Raumpflegerin als einstiger Angehöriger der SS zu erkennen gab. In der Operativen Auskunft zu Willi B. heißt es dazu: "Er beschimpfte in ihrer Gegenwart den Leiter des Wohnlagers als ,arbeitsscheues Element‘ und meinte ,ich war früher bei der SS und mit solchen Leuten haben sie früher was ganz anderes gemacht‘. Als die Raumpflegerin sagte, dass der Lagerleiter ihr Ehemann ist, entschuldigte sich B. sofort."

Einen Tag, nachdem der Kriegsverbrecher Barth 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, wurden die Akten von Willi B. und Rudi A. geschlossen. Leide schreibt dazu in seinem Buch: "Ein Vorschlag der HVA, gegen diese sich selbst belastenden zwei DDR-Bürger ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, wurde abschlägig beschieden."

Ob Willi B. jemals belangt wird, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft, die gegen ihn wegen des Verdachts zur Beihilfe zum Mord ermittelt, lässt prüfen, ob der 86-Jährige überhaupt vernehmungsfähig ist.

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