Prozeß im Prozeß - Ich bitte darum

Publié le par Der Spiegel

Der Spiegelpubliziert 24/01/1948 at 18:46 Uhr

Arm an Sensationen schleppten sich die Verhandlungen über dicken Aktenwälzern im Saal III des Nürnberger Justizpalastes hin, wo in der Anklagebank Alfried Krupp von Bohlen und Halbach neben seinen Generaldirektoren sitzt. Bis sich Freitag hinter sieben im Gänsemarsch marschierenden Herren die Saaltür schloß.

Krupp von Bohlen und Halbach AlfriedAn ihrer Spitze war Dr. Schilf, der gepflegte und kühle Anwalt des Angeklagten Friedrich Nanssen, mit Spitznamen genannt "der Lord".

In der Vormittagsverhandlung war er scharf an den korpulenten, aber explosiven amerikanischen Richter Edward Daly geraten, der im Gerichtssal präsidierte. Es ging um Zeugenvernehmungen durch einen Commissioner außerhalb des Gerichtssaales, bei denen Vertreter von Anklage und Verteidigung anwesend sein sollten, nicht aber die Angeklagten selbst. Durch die kommissarischen Vernehmungen wollte Richter Daly das endlose Verfahren abkürzen.

Auf so zustande gekommene Belastungsdokumente wollte Schilf sich nicht einlassen. Der Angeklagte habe das Recht, jeder Zeugenvernehmung beizuwohnen.

"Das Gericht hat endgültig über diese Frage entschieden und lehnt jede weitere Diskussion dieses Falles ab", verkündete der rotbärtige Amerikaner aus Connecticut barsch und von oben herab. Schilf, ein Mann mit 20 Jahren Berufspraxis, war gerade auf dem Weg zum Podium, um noch mehr Einwände vorzutragen. Er hört etwas schlecht, wandte aber gerade noch rechtzeitig das Ohr mit dem Hörapparat Daly zu, um richtig zu verstehen: "Setzen Sie sich oder ich weise Sie aus dem Saal." Schilf schnappte ein. "Ich bitte darum." Daly: "Gehen Sie."

Schilf stapfte aus dem Saal. Hinter ihm alle übrigen Verteidiger. Stille im Saal, Verblüffung im Gericht. Die Angeklagten feixen.

"Das Verfahren wird fortgesetz", verkündet Daly verhalten. Während die Angeklagten ohne Verteidigung dem Gericht gegenüber sitzen, legt die Anklage dicke Dokumentenbände mit Belastungsmaterial auf den Tisch.

Zur Nachmittagssitzung sind die Angeklagten wieder ohne Verteidigung. Sie harren der kommenden Dinge. Die Verhandlung wird aufgenommen.

Um 15.20 Uhr haben die Verteidiger eine Erklärung fertig. Auf halbem Wege zum Gerichtssaal begegnet ihnen ein verlegen lächelnder Amerikaner in Uniform, der Gerichtsmarschall. Hinter ihm, unter khakigrünen Helmen, sechs amerikanische Wachen. Die Verteidiger dürfen in der Mitte gehen.

Gerichtspräsident Anderson stellt die Namen derer fest, die morgens hinausgelaufen sind "Sie haben sich ohne Erlaubnis des Gerichts während der Verhandlung aus dem Saal entfernt. Sie haben das Gericht nicht über Ihr Fernbleiben in der Nachmittagssitzung informiert. Sie haben das Gericht mit überlegter Mißachtung behandelt." Die Wache marschiert mit den Verteidigern wieder ab. Hinter sechs Einzelzellen im Nürnberger Zeugengefängnis schließen sich die Türen. Der Siebente, der morgens mit hinausgelaufen war, ist inzwischen verreist.

Das Wochenende brachten die sechs Juristen in ihren Zellen zu. Am Montag saßen sie als Angeklagte eines "Prozesses im Prozeß" im Gerichtssaal III. von ihren Klienten neugierig beobachtet. Zu Beginn der Verhandlung stellt sich auch der Verreiste. Rechtsanwalt Ballas, mit der Bemerkung dem Gericht, daß er zwar nicht mit verhaftet, aber doch am Freitag mit hinausgelaufen sei.

Zum ersten Male seit Weihnachten ist Dr. Kranzbühler wieder im Saal, der Marine-Richter, der im eigentlichen Nürnberger Prozeß Dönitz verteidigte und jetzt bei Alfried Krupp von Bohlen und Halbach den Amerikaner ersetzt, den das Gericht immer noch nicht bewilligt hat. Kranzbühler hatte zwischendurch im Rastatter Kriegsverbrecherprozeß verteidigt und sein "Freund und Assistent" Dr. Günter Geißler hatte ihn vertreten.

Dr. Kranzbühler verteidigt jetzt die Verteidiger gegen die Anklage wegen Mißachtung des Gerichts. Präsident Anderson ist damit einverstanden, und es beginnt ein stundenlanges Kreuzverhör. Schilf hört schwer. Die Uebersetzung klappt nicht. Der graumelierte Anwalt entschuldigt sich. Nach deutschen Begriffen seien die scharfe Maßregelung durch Richter Daly und dessen scharfer Ton ein schwerer Eingriff in seine Rechte als Verteidiger, und da habe er eben die Ueberlegung verloren. Kreuzbühler hat seinen Kollegen-Klienten im Kreuzverhör. Die Uebersetzung ins Englische habe die Verständigung über Verschiedenheiten der Berufsauffassung gestört, sagt der.

Das Gericht zeigt seinen besten Sinn und ist sehr freundlich Nach langem Hin und Her entschuldigen sich alle Anwälte, nur Dr. Günter Geißler will nicht.

Anderson: "Waren Sie in der Partei?" Geißler: "Seit 1933." Anderson: "Dann will ich nichts mehr von Ihnen wissen."

Das geschickte Plädoyer seines Chefs Dr. Kranzbühler steifte Dr Geißler den Rücken noch mehr. Wenn auch alle Verteidiger das Gericht hoch achteten, sagte der, so sei doch bei den Methoden Dalys seinen Kollegen kein anderer Weg geblieben, ihr Recht zu behaupten. Die Verhaftung der deutschen Verteidiger im Gerichtssaal sei ein Skandal. "Es war offensichtlich schon entschieden, daß man die Anwälte für schuldig befinden wollte, obwohl ihre Verhaftung nur als vorläufige Maßnahme hingestellt wurde."

Als er die Entfernung der Richter verlangt, weil sie voreingenommen seien, wird es totenstill. Das Gericht lehnt ab. Kranzbühler schränkt seinen Antrag ein: Nur Richter Daly soll vom Gericht ausgeschlossen werden. Das Gericht bleibt unerschüttert.

Am Mittwochnachmittag Urteilsverkündung: Die Anwälte haben die Würde des Gerichts verletzt. Eine solche Mißachtung könne ohne weiteres Verhör geahndet werden. Die Verhaftung sei also rechtens gewesen.

Die Wochenendhaft wird als ausreichende Strafe angesehen. Dr. Ballas, der Haftentronnene, wird verwarnt. Dann dürfen alle ihre Mandanten weiter verteidigen.

Nur Dr. Günther Geißler wird für alle Prozesse vor dem Nürnberger Gericht ausgeschlossen.

Nur ein Platz ist frei geworden, wo eine Reihe deutscher Rechtsanwälte eine Chance erhofft hatte. Ein Haufen Telegramme war schon beim Gericht eingetroffen. Deutsche Anwälte erboten sich, die Verteidigung fortzuführen.

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