US-GeheimberichtWie die USA Hitlers Schergen versteckten

Publié le par Zeit Online von Hellmuth Vensky

US-GeheimberichtWie die USA Hitlers Schergen versteckten

Ein Bericht des US-Justizministeriums liefert erste Details, wie NS-Verbrecher nach 1945 in den USA untertauchten – auch mit aktiver Hilfe der Behörden.

Wie die USA Hitlers Schergen versteckten

Wie die USA Hitlers Schergen versteckten

Rund 300 NS-Schergen wurden aus den USA ausgewiesen, seit das Office of Special Investigation (OSI) 1979 gegründet wurde, um eingewanderte Nazis aufzuspüren. Diese Zahl steht in einem jetzt von der New York Times veröffentlichten Bericht , der die Leistungen des OSI beleuchtet, seine Fehlleistungen – und das, was die Autoren als "Kollaboration der Regierung" mit den NS-Verbrechern bezeichnen: Die USA, die sich als "sicherer Hafen für die Verfolgten" verstünden, hätten Verfolger wissentlich ins Land geholt.

Der wohl spektakulärste Fall ist der von Otto von Bolschwing, Mitarbeiter von Adolf Eichmann, Hauptorganisator des Massenmordes an Europas Juden. Von Bolschwing war an der Planung des Holocaust und als Chef des Sicherheitsdienstes (SD) in Rumänien auch an der Ausführung beteiligt. Laut OSI war er der höchstrangige deutsche NS-Verbrecher, den die Behörde verfolgte. Der Aristokrat schloss sich gegen Kriegsende in Österreich dem Untergrund an und half den Alliierten. Ein US-Offizier bescheinigte ihm, dem Vormarsch der US-Armee über den Fernpass und durch Westösterreich gedient zu haben. Nach dem Krieg habe er bei der Verfolgung von NS-Verbrechern geholfen und "persönlich mehr als zwanzig hohe Nazi-Offizielle und SS-Offiziere verhaftet".

1946 heuerte von Bolschwing dem OSI-Bericht zufolge bei der Organisation Gehlen an, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Dem ehemaligen Wehrmachts-Generalmajor Reinhard Gehlen, der 1956 erster BND-Präsident wurde, lieferte von Bolschwing Kontakte zu Rumäniendeutschen und ehemaligen Mitgliedern der faschistischen Eisernen Garde Rumäniens. 1949 wechselte er zur CIA. Die half Herrn "Grossbahn" (Bolschwings Codename) 1954 in die USA zu emigrieren. Seine Vorgesetzten wiesen von Bolschwing an, jede Verbindung zu SSSDNSDAP oder Abwehr abzustreiten. Erst 1979, als das OSI die Arbeit aufnahm, kam die Wahrheit ans Licht. Von Bolschwing sollte ausgewiesen werden, starb aber 1981, bevor es dazu kam.

Der "Schlächter von Lyon" diente den OSI-Ermittlungen nach dem Krieg der US-Armee als Informant, sie versteckte ihn vor den Franzosen und half ihm 1951, nach Bolivien zu entkommen. Zu diesem Zeitpunkt, so das OSI, hätte die Army längst wissen müssen, dass Barbie einer der brutalsten und perversesten Mörder des NS-Regimes war. Bolivien lieferte Barbie 1983 nach Frankreich aus, wo er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Der mehr als 600 Seiten dicke OSI-Bericht erinnert an die Historiker-Studie über das deutsche Außenamt : Vieles aus dem Bericht ist bekannt, aber Belege und Details fehlten bislang. Etwa über den Ingenieur Arthur Rudolph, den die USA in ihr Raketenprogramm holten, obwohl er die zum KZ Mittelbau-Dora gehörende Raketenfabrik der Nazis geleitet hatte. Die Einwanderungsbehörden bekamen die Anordnung, es sei gegen die nationalen Interessen, ihn an der Grenze abzuweisen.

Später beschrieb der hoch dekorierte Nasa-Ingenieur den OSI-Beamten, wie er Nachschub an Menschenmaterial bei der SS bestellt und gewusst habe, dass die Sklavenarbeiter "wohl aus Buchenwald oder anderswo" kamen. Rudolph kam 1984 der Ausweisung zuvor und ging in die Bundesrepublik, die ihrerseits Ermittlungen anstellte. Der Ingenieur bestritt jede Schuld; er habe die Arbeitsbedingungen der armen Arbeiter sogar verbessert. Historiker dagegen kamen zu dem Ergebnis, Rudolph habe das System der Zwangsarbeit in Mittelbau-Dora sogar mitentwickelt. Trotzdem starb er 1996 in Freiheit.

Der Bericht wurde unter Verschluss gehalten, offiziell sei er nie fertiggestellt worden

Auch "der größte Fehler, den das OSI je machte" ist dokumentiert: die irrtümliche Identifikation von Ivan John Demjanjuk als "Ivan der Schreckliche", einem Schlächter aus dem Konzentrationslager TreblinkaDemjanjuk wurde 1986 aus den USA ausgewiesen und in Israel vor Gericht gestellt. Die Verteidigung legte Protokolle über die OSI-Befragung jener Überlebenden vor, die Demjanjuk erkannt haben wollten – die Protokolle zeigten, wie unsicher die Aussagen waren. Später stellte sich heraus, dass lettische Emigranten sich täglich den Inhalt der OSI-Mülleimer hatten liefern lassen und dort die entlastenden Dokumente gefunden hatten.

Demjanjuk wurde in Israel zum Tode verurteilt, in zweiter Instanz aber freigesprochen; er durfte in die USA zurück. Denn inzwischen waren aus den Archiven der Sowjetunion Aussagen aufgetaucht, die einen anderen Ivan als den "Schrecklichen" identifizierten. Sie zeigen aber zugleich, dass Demjanjuk in Sobibor und Flossenbürg gedient hat. Deshalb wurde er erneut ausgewiesen und steht derzeit in München vor Gericht .

Lange nicht alle Fälle, die der Bericht schildert, sind so spektakulär. Oft geht es eher um juristische Spitzfindigkeiten und um die Schwierigkeiten von Ermittlern, die sich auf Augenzeugenberichte und unsichere Akten über weit zurückliegende Ereignisse verlassen müssen.

Dennoch hielt das Justizministerium den 1999 in Auftrag gegebenen Bericht seit seiner Fertigstellung 2006 unter Verschluss. Das private National Security Archive hatte auf Basis des Freedom Of Information Act auf Herausgabe geklagt, aber vor einigen Wochen nur 45 stark redigierte Seiten erhalten, auf denen lange Passagen getilgt waren.

Das OSI wurde in diesem Jahr mit einer anderen Abteilung des Justizministeriums verschmolzen. Die New York Times zitiert eine Stellungnahme des Justizministeriums, derzufolge der Bericht offiziell nie fertiggestellt worden sei und zahlreiche Fehler enthalte – welche, sagt das Ministerium nicht.

Klaus Barbie

Der "Schlächter von Lyon" diente den OSI-Ermittlungen nach dem Krieg der US-Armee als Informant, sie versteckte ihn vor den Franzosen und half ihm 1951, nach Bolivien zu entkommen. Zu diesem Zeitpunkt, so das OSI, hätte die Army längst wissen müssen, dass Barbie einer der brutalsten und perversesten Mörder des NS-Regimes war. Bolivien lieferte Barbie 1983 nach Frankreich aus, wo er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Tscherim Soobzokov

Der Tscherkesse soll als Mitglied der Waffen-SS an Killerkommandos beteiligt gewesen sein und später als US-Bürger die Sozialversicherung betrogen haben. Im Rahmen der OSI-Ermittlungen stellte sich heraus, das die CIA seine Akten manipuliert hatte – offenbar, weil er für den Geheimdienst in Jordanien spioniert hatte. Das OSI musste den Fall aufgeben. Kurz darauf starb Soobzokov nach Mordaufrufen militanter jüdischer Organisationen bei einem Bombenanschlag auf sein Haus.

Josef Mengele

Das OSI untersuchte in den achtziger Jahren Hinweise, der KZ-Arzt sei nach dem Krieg im US-Sektor Wiens zeitweise festgenommen worden und in die USA gelangt. Dank einem Hinweis aus Deutschland wurde Mengeles Leiche aber in Brasilien entdeckt. Um die Identität zu beweisen, war ein DNA-Test nötig. Mit einem Trick, den der Bericht schildert, brachten die Ermittler Sohn und Witwe Mengeles dazu, in Blutproben einzuwilligen: Sie ließen durchsickern, andernfalls wollten sie Mengeles Ahnen exhumieren.

Kurt Waldheim

Waldheim war zehn Jahre UN-Generalsekretär gewesen und kandidierte für das Amt des Bundespräsidenten Österreichs, als das OSI auf Kriegsverbrechen seiner Wehrmachts-Einheit auf dem Balkan aufmerksam wurde. Kurz nach seiner Wahl setzte das OSI ihn auf seine Watchlist von Personen, die nicht in die USA einreisen dürfen – nur als Bundespräsident, zu Staatsbesuchen, durfte er kommen. Der Bericht schildert die diplomatischen Verwicklungen. Waldheim steht bis heute auf der Liste.

Publié dans Articles de Presse

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