Warnungen aus der Gross-Chemie

Publié le par Der Spiegel

Der Spiegelpublished 21/12/1970 at 18:50

Dokumente zur Gründungsgeschichte des Weizsäcker-Instituts in Starnberg

Weizsäcker Carl Friedrich Freiherr vonProfessor Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, 58, hat -- zuletzt in einem Brief an den SPIEGEL (51/1970) -- bestritten, zur Selbstbeschränkung in der Wahl von Forschungsvorhaben gezwungen worden zu sein. Der SPIEGEL dokumentiert mit erstmals veröffentlichten Auszügen aus einem Protokoll des Erweiterten Verwaltungsrats der Max-Planck-Gesellschaft den Widerstand von Vertretern der Groß-Chemie in dieser Wissenschaftsorganisation gegen die Einrichtung eines "Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlichtechnischen Welt".

Das Protokoll beweist -- zusammen mit dem späteren "Arbeitsplan" -- eine erstaunliche Wendung in der Forschungsstrategie Weizsäckers. Hatte er anfangs geglaubt, ohne die Erforschung "konkreter Einzelprojekte" (beispielsweise die Umweltgefährdung) könne die "Denkarbeit nicht verantwortlich geleistet werden", so erklärte er nach Intervention der Industriellen (siehe Protokoll), für eine "erste mehrjährige Phase" auf die "Untersuchung von Einzelfragen in Projektform ... ausdrücklich verzichtet" zu haben.

Dieser Verzicht bedeutet, daß das Institut des einstigen Hamburger Philosophen vorerst keine Forschungen betreiben wird, die den Interessen der Chemie-Lobby zuwiderlaufen; der Erarbeitung einer "Gesamtsicht der Zeitprobleme" (Weizsäcker) werden die Industriellen freilich nicht opponieren. Karl Winnacker, Aufsichtsratsvorsitzender der Farbwerke Hoechst, in einem Interview mit Claus Grossner: "Ich möchte nicht hoffen, daß die Philosophen über die Ergebnisse der Naturwissenschaften urteilen ... wir Chemiker möchten nicht gerne eine Institution haben, die uns sagt, was wir tun müssen." Auszüge aus einem internen. van Olfen Beteiligten gebilligten und von Adolf Butenandt, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, unterzeichneten Protokoll einer Sitzung des Erweiterten Verwaltungsrats vom 15. Juli 1968.

Herr von WEIZSÄCKER führt aus, eine Zentralabteilung (des neuen Instituts) würde sich mit den reinen Grundwissenschaften beschäftigen, die anderen Teile des Instituts mit konkreten Problemen der wissenschaftlich-technischen Welt

Die integrierende Denkarbeit könne nicht verantwortlich geleistet werden, wenn nicht auch ständig gewisse konkrete Einzelprojekte im Institut selbst bis ins einzelne durchgeführt würden, um so einen engen Kontakt mit der Realität zu halten.

Herr WURSTER (Aufsichtsratsvorsitzender der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik) geht auf seine bereits in den Sitzungen des Verwaltungsrats geäußerten Bedenken ein; ... er fragt, ob nicht ... für alle genannten projektbezogenen Arbeiten andere Träger zu finden wären

Zu fragen sei weiterhin, warum die Arbeiten der rein wissenschaftlichen Abteilung nicht an den Universitäten geleistet werden könnten ... Er spricht sich nachdrücklich gegen die Bearbeitung strategischer Pläne in dem vorgeschlagenen Institut aus.

Herr von WEIZSÄCKER antwortet, daß der Schwerpunkt der Institutsarbeit nicht bei den Einzelfragen, sondern auf dem Gebiet der Gesamtsicht der Zeitprobleme liegen solle; ... jedes einzelne der Probleme, die das Institut angreifen würde, könnte auch von einer anderen Stelle bearbeitet werden. Es sei freilich immer ein gewisser Apparat notwendig. Das Institut brauche die Arbeit an einzelnen Projekten, um den Sachverstand zu erwerben, der die Voraussetzung des Nachdenkens über den Zusammenhang der Probleme darstelle.

Herr WINNACKER trägt seine Bedenken gegen die Gründung des vorgeschlagenen Instituts ... vor. Von den ... recht heterogenen Themen des Instituts werden viele schon fest bearbeitet, auch in Deutschland. Wir haben über die Zukunft der Kernenergie recht konkrete, über Jahrzehnte reichende Vorstellungen, die ihre Nutzung und Auswirkungen treffen. Wirklich offen ist nur noch die Frage der Fusion. im gegenwärtigen Stadium muß man aber das Denken hier noch den Physikern überlassen.

(Nach Erörterungen der Welternährung und der Molekularbiologie) Alle anderen aufgezeigten Probleme sind politischer und militärpolitischer Natur. Ob sich eine wissenschaftliche Gesellschaft hier engagieren soll, erscheint zumindest fragwürdig ... Hätte diese Institution keinen Einfluß auf staatliche und industrielle Entscheidungen, so wäre sie von vornherein sinnlos; wird sie aber zur Grundlage wichtiger Entschlüsse in Staat und Gesellschaft, so muß man sich der Gefahr bewußt sein, die hier bei Informationsirrtümern oder personeller Fehlbesetzung -- die im Laufe der Zeit immer möglich ist -- auf uns zukommt ... Wir sollten nicht innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft etwas schaffen, was bei aller wissenschaftlichen Fassade doch dem Subjektivismus und dem Zeitgeist unterworfen ist ... Er fragt, ob ein Max-Planck-Institut jemals den Mut aufbringen könnte, über die Zukunft eines ganzen Industriezweiges ein Urteil abzugeben. Er warnt vor der Autorität, die ein Gutachten eines MPI unter der Leitung von Herrn von Weizsäcker bekommen könnte. Er weist auch darauf hin, daß auch große Industrieunternehmen Prognose-Abteilungen unterhalten.

Herr von WEIZSÄCKER erwidert, in dem als Beispiel herangezogenen Sonderfall einer offiziellen Auftragsarbeit würde selbstverständlich der Kontakt mit den betroffenen Industrieunternehmen herbeigeführt werden ... Anderes könnte allerdings für Forschungsergebnisse gelten, die ... nicht auf einem Auftrag beruhten ... Immer, wenn ihn seine Überlegungen zu gegenüber der Regierung abweichenden Meinungen geführt haben, (habe) er zunächst vertraulich die zuständigen Stellen unterrichtet.

Herr WINNACKER wiederholt seine Warnung vor dem Einfluß eines Ein-Mann-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft auf Entscheidungen, die, für welchen Industriezweig auch immer, außerordentliche Bedeutung haben können.

Auszug aus einem drei Monate später, am 28. Oktober 1968, von Weizsäcker formulierten neuen "Arbeitsplan": Das Institut wird in einer ersten mehrjährigen Phase genötigt (kursiv durch Red.) sein, seinen eigenen Weiteren Arbeitsplan selbst erst zu entwickeln. Es wird in dieser Phase guttun, auf die Untersuchung von Einzelfragen in Projektform zu verzichten und seine ganze Anstrengung auf die Ausarbeitung eines ersten Bildes des Zusammenhangs der vorliegenden Problemkreise zu richten ... In den früheren Denkschriften war vorgeschlagen, daß das Institut zugleich einige Einzelprojekte ... bearbeiten sollte... Im jetzigen Vorschlag ist auf solche Projekte, wenigstens für die erste Phase, ausdrücklich verzichtet. Grund dafür ist die Besorgnis, das Institut könnte durch solche Projekte ... den Gefahren eines zu raschen und damit planlosen Nachdenkens, das als die eigentliche Aufgabe des Instituts gelten muß, ausgesetzt werden ...

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