Eine Blüte mit weltweiter Beachtung

Publié le par Ruprecht Karls Universität Heidelberg - Wolfgang U. Eckart

Ruprecht Karls Universität Heidelbergpubliziert 30/05/2006 at 19:09 by Wolfgang U. Eckart


100 Jahre Immunologie in Heidelberg – Stolze Anfänge, von den Nationalsozialisten 1933 zerschlagen

Dungern Emil vonAls am 25. September 1906 im Beisein des Großherzogs von Baden die feierliche Einweihung des auf eine Initiative des Chirurgen Vincenz Cszerny zurückgehenden "Instituts für experimentelle Krebsforschung" in Heidelberg erfolgte, markierte dieses Ereignis zugleich auch die Geburtsstunde der Immunologie und Serumforschung an der Ruprecht-Karls-Universität.

Beide Disziplinen gelangten in der Neckarstadt bald zu einer Blüte, die weltweit Beachtung fand. Verknüpft waren die Anfänge der Heidelberger Immunologie mit klingenden Namen: Emil von Dungern, Ludwik Hirszfeld, Hans Sachs oder Ernst Witebsky. Immunologische Forschung fand vor allem in der biologisch-chemischen Abteilung sowie am Institut für Immunitäts- und Serumforschung des Krebsinstituts statt. Der biologisch-chemischen Abteilung stand seit 1906 Emil von Dungern (1867-1961) vor. Dungern, zuvor an R. Kochs Institut für Infektionskrankheiten in Berlin tätig, gelang in Heidelberg zusammen mit Ludwik Hirszfeld der Nachweis der Erblichkeit des 1900 von Landsteiner entdeckten menschlichen Blutgruppensystems.

Auf Hirszfeld und Dungern, der Heidelberg 1913 wieder verließ, geht auch die Namensgebung der Blutgruppen "AB" und "0" zurück, wie sie sich seit 1927 durchsetzte. Dungerns wichtigster Mitarbeiter war in den Jahren 1908 bis 1911 der bereits erwähnte Ludwik Hirszfeld (1884-1954). Hirszfeld, in Warschau geborener Jude, war 1907 in Berlin bei Max von Rubner mit einer Arbeit über Blutgerinnung promoviert worden. Während des Ersten Weltkriegs setzte er zusammen mit seiner Frau auf dem serbischen Kriegsschauplatz die in Heidelberg begonnenen Forschungen fort und begründete 1928 die "Konstitutionsserologie". Zurück in Warschau wurde Hirszfeld 1941 von der SS ins Ghetto deportiert, wo er bis zu seiner Flucht (1942) medizinischen Unterricht organisierte, dem Gesundheitsrat vorstand und ein Bakteriologisches Laboratorium leitete. Bis Kriegsende im polnischen Widerstand, starb der Forscher 1954 hochgeehrt. Seit 1920 stand Hans Sachs (1877-1945), als Sohn jüdischer Eltern in Kattowitz geboren, Schüler und (1915-1920) wissenschaftlicher Mitarbeiter Paul Ehrlichs in Frankfurt, dem Institut für Immunitäts- und Serumforschung des Krebsinstituts vor. Beide Gebiete wurden bis in die dreißiger Jahren in Deutschland wesentlich durch ihn beeinflusst.

Als grundlegend galten seine Arbeit zur immunbiologischen Pathophysiologie (1928) und seine umfassende Darstellung "Antigene und Antikörper" (1930). Zusammen mit Witebsky (seit 1925 in Heidelberg) arbeitete Sachs an Untersuchungen über die Bedeutung der Lipoide für die Krebsimmunität. Ernst Witebsky (1901-1969) begründete durch seine Arbeiten am Institut das Forschungsgebiet der immunologischen Organspezifität. Sachs festigte in dieser Zeit seinen immensen Ruf als international führender Immunologe. Als Jude allerdings geriet er 1933 rasch ins Visier der Nationalsozialisten, die ihn bereits im Frühjahr "beurlaubten". Durch eine mutige Intervention des Dekans der Medizinischen Fakultät Siebeck und des Internisten v. Krehl gelang es zwar, die "Beurlaubung" zunächst wieder rückgängig zu machen. Endgültig entlassen wurde der "erste Serologe Deutschlands" (Siebeck) dann aber doch im Januar 1936. Unter dramatischen Bedingungen gelang die Emigration über die Schweiz zunächst nach England und schließlich nach Dublin, wo Sachs am 25. März 1945 starb. Auch Witebsky wurde vom Rassenwahn der NS- Machthaber (bereits 1933) in die Emigration über die Schweiz in die USA getrieben. Der jüngere Witebsky allerdings konnte sein glänzende Karriere als Serologe dort fortsetzen. In wenigen Jahren hatten die Nationalsozialisten mit der Immunologie eines der vielleicht wichtigsten und zukunftsweisenden medizinischen Forschungsgebiete der Ruprecht-Karls-Universität zerschlagen. An die früheren Forschungserfolge konnte in Heidelberg erst Jahrzehnte später wieder angeknüpft werden.

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